Der Schock über das überraschende WM-Aus sitzt in Frankreich auch zwei Tage später noch tief. Ausgerechnet am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, platzte der Traum vom WM-Titel in überraschend deutlicher Weise.

Im exklusiven SPORT1-Interview analysiert Frankreich-Kenner Gernot Rohr das historische Ausscheiden, spricht über die Kritik an Kylian Mbappé und Didier Deschamps sowie über die besondere Symbolkraft dieses bitteren Fußballabends.

Gernot Rohr ist aktuell Nationaltrainer des Benin
Gernot Rohr ist aktuell Nationaltrainer des BeninGernot Rohr ist aktuell Nationaltrainer des Benin© IMAGO / Panoramic by PsnewZ

Der 73 Jahre alte Ex-Bayern-Profi aus Mannheim, viele Jahre lang als Spieler und Trainer bei Girondins Bordeaux aktiv und aktuell Nationaltrainer des Benin, verfolgt den Fußball in seiner zweiten Heimat seit langem intensiv.

„Für Frankreich hätte es kaum einen bittereren Tag geben können“

SPORT1: Herr Rohr, wie haben Sie das französische WM-Aus erlebt?

Gernot Rohr: Für Frankreich hätte es kaum einen bittereren Tag geben können. Vormittags feiert das ganze Land seine Republik – und am Abend herrscht plötzlich Sprachlosigkeit. Diese Symbolik bleibt den Menschen lange im Gedächtnis. Der 14. Juli ist weit mehr als ein Feiertag. Es ist ein Tag, an dem Frankreich seine Geschichte, seine Werte und seinen Zusammenhalt feiert. Wenn ausgerechnet an diesem Tag die Nationalmannschaft ausscheidet, trifft das die Menschen emotional besonders hart. Fußball ist in Frankreich längst ein Teil der nationalen Identität geworden. Für mich persönlich war das ebenfalls ein besonderer Moment. Ich habe viele Jahre meines Lebens in Frankreich verbracht, mit Girondins Bordeaux große Erfolge gefeiert und 1982 die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Frankreich ist für mich längst eine zweite Heimat. Deshalb leidet man in einer solchen Situation natürlich mit.

Gernot Rohr (r.) bestritt über 300 Pflichtspiele für Girondins Bordeaux
Gernot Rohr (r.) bestritt über 300 Pflichtspiele für Girondins BordeauxGernot Rohr (r.) bestritt über 300 Pflichtspiele für Girondins Bordeaux© IMAGO/Pressefoto Baumann

SPORT1: Sie kennen den französischen Fußball seit mehr als vier Jahrzehnten. Hat Sie dieses Ausscheiden überrascht?

Rohr: Ja. Frankreich gehört unabhängig vom Gegner immer zu den Mannschaften, die man bis zum Schluss auf der Rechnung haben muss. Diese Mannschaft verfügt über außergewöhnliche Qualität auf nahezu jeder Position. Aber genau das macht eine Weltmeisterschaft aus. Es gibt heute keine einfachen Spiele mehr. Wenn man nur fünf oder zehn Prozent unter seinem normalen Niveau bleibt und der Gegner einen perfekten Tag erwischt, kann selbst ein großer Favorit ausscheiden. Viele Menschen glauben, Spitzenmannschaften müssten automatisch jedes Spiel gewinnen. Das ist im modernen Fußball eine Illusion. Die Leistungsdichte ist enorm geworden.

„Deutschland genießt in Frankreich nach wie vor enormen Respekt“

SPORT1: Zwischenzeitlich erwarteten viele ein Achtelfinalduell zwischen Deutschland und Frankreich – Paraguay hat es bekanntlich durchkreuzt. Waren die Franzosen darüber überrascht?

Rohr: Ja, natürlich. Auch wenn die deutsche Mannschaft heute vielleicht nicht mehr ganz die Stärke früherer Jahre hat, genießt sie in Frankreich nach wie vor enormen Respekt. Ein Spiel gegen Deutschland ist für die Franzosen immer etwas Besonderes. Deshalb war es für viele wahrscheinlich eine Erleichterung, dass dieses Duell nicht zustande kam.

Dieser Auftritt nach dem Frankreich-Aus hat es in sich

Dieser Auftritt nach dem Frankreich-Aus hat es in sich

SPORT1: Sie haben diese deutsch-französische Rivalität ja nicht nur als Beobachter erlebt, sondern viele Jahre in Bordeaux gelebt und gearbeitet. Welche Erinnerungen kommen da bei Ihnen wieder hoch?

Rohr: Ich muss ehrlich sagen: Ich habe ein wenig aufgeatmet, dass es nicht zu diesem Achtelfinale gekommen ist. Die Erinnerungen an das Halbfinale von Sevilla 1982 sind in Frankreich bis heute sehr präsent. Einige meiner ehemaligen Mannschaftskameraden spielten damals für Frankreich. Gleichzeitig kannte ich aus meiner Zeit in den deutschen Jugendnationalmannschaften viele deutsche Nationalspieler persönlich. Und dann war da natürlich noch Patrick Battiston, der in Bordeaux spielte. Seine schwere Verletzung nach dem Zusammenprall mit Toni Schumacher hat die Menschen hier tief bewegt. Die Diskussionen darüber sind bis heute nicht ganz vergessen. Diese Geschichte sitzt noch immer tief in der französischen Fußballseele. Deshalb wäre ein erneutes K.-o.-Duell zwischen Deutschland und Frankreich sicher mit vielen Emotionen verbunden gewesen.

Gernot Rohr nimmt Kylian Mbappé in Schutz

SPORT1: Nach dem Ausscheiden richtet sich der Blick in Frankreich vor allem auf Kylian Mbappé.

Rohr: Ich finde, man macht es sich zu einfach, wenn man alles an einem Spieler festmacht. Mbappé gehört zu den besten Fußballern der Welt. Er übernimmt Verantwortung, entscheidet Spiele und stellt sich immer wieder in den Dienst der Mannschaft. Gerade deshalb sind die Erwartungen an ihn fast unmenschlich geworden. In Frankreich wird nach Niederlagen schnell nach einem Schuldigen gesucht. Diesmal heißt dieser Schuldige für viele Mbappé. Das halte ich für falsch. Wer glaubt, ein einzelner Spieler könne eine Weltmeisterschaft allein gewinnen, hat den Fußball nicht verstanden. Man darf auch nicht vergessen, dass sich häufig zwei oder sogar drei Gegenspieler nur auf ihn konzentrieren. Dadurch schafft er Räume für seine Mitspieler. Seine Bedeutung lässt sich deshalb nicht allein an Toren oder Vorlagen messen. Natürlich hätte auch er die eine oder andere Situation besser lösen können. Aber welcher Spieler kann das nach einem verlorenen WM-Spiel nicht von sich sagen? Fußball ist und bleibt ein Mannschaftssport. Man gewinnt gemeinsam – und man verliert gemeinsam.

SPORT1: Was würden Sie Mbappé raten, wenn Sie sein Trainer wären?

Rohr: Ich würde ihm sagen: Lass dich von einer Niederlage nicht definieren. Mbappé wird noch viele große Turniere spielen. Er besitzt außergewöhnliche Qualität und eine starke Persönlichkeit. Solche Erfahrungen gehören zur Entwicklung eines Weltklassespielers dazu.

Kylian Mbappé musste mit Frankreich ein bitteres Halbfinal-Aus verkraften
Kylian Mbappé musste mit Frankreich ein bitteres Halbfinal-Aus verkraftenKylian Mbappé musste mit Frankreich ein bitteres Halbfinal-Aus verkraften© IMAGO / MB Media Solutions

SPORT1: Didier Deschamps stellte nach dem Spiel deutliche Kritik den Schiedsrichter als „überfordert“ an den Pranger. Konnten Sie das nachvollziehen?

Rohr: Menschlich schon. Direkt nach einem Ausscheiden steht jeder Trainer unter enormem emotionalem Druck. Man arbeitet monatelang, manchmal sogar jahrelang auf ein solches Turnier hin. Da fällt es schwer, sofort nüchtern zu analysieren. Trotzdem war ich selbst immer der Meinung, dass man mit Schiedsrichterkritik vorsichtig sein sollte. Natürlich gibt es Entscheidungen, über die man diskutieren kann. Das gehört zum Fußball. Aber selten entscheidet eine einzige Szene über den gesamten Spielverlauf. Ich habe als Trainer gelernt: Wenn ich nach einem Spiel zehn Minuten über den Schiedsrichter rede, verliere ich vielleicht die Chance, zwei Stunden über meine eigene Mannschaft nachzudenken. Wenn man ehrlich analysiert, findet man fast immer mehrere Momente, in denen man selbst etwas besser hätte machen können. Genau dort beginnt die eigentliche Aufarbeitung.

SPORT1: Deschamps wurde nach dem Spiel kritisiert, keine gute taktische Antwort auf das spanische Spiel gefunden zu haben.

Rohr: Didier Deschamps hat Frankreich zu großen Erfolgen geführt und die Nationalmannschaft über einen langen Zeitraum an der Weltspitze gehalten. Das schafft man nicht zufällig. Jeder Trainer erlebt irgendwann Rückschläge. Entscheidend ist, wie er darauf reagiert. Deschamps ist ein ganz großer Trainer und ein toller Mensch. Ich finde es erstaunlich, wie kurz das Gedächtnis im Fußball manchmal ist. Vor wenigen Monaten war Deschamps noch ein genialer Trainer – nach einem verlorenen Spiel soll plötzlich alles falsch gewesen sein? Das ist mir zu einfach. Ich kenne Didier als jemanden, der auch in schwierigen Situationen ruhig bleibt. Deshalb würde es mich überraschen, wenn ihn diese Niederlage aus der Bahn werfen würde.

Deschamps stellt den Schiri an den Pranger

Deschamps stellt den Schiri an den Pranger

„Niederlage kann langfristig sogar helfen“

SPORT1: Sie haben diese Situation als Nationaltrainer selbst erlebt.

Rohr: Sie ist wahrscheinlich die schwerste Phase überhaupt. Als Vereinstrainer hat man wenige Tage später das nächste Spiel. Als Nationaltrainer muss man oft mehrere Monate warten, bis man die Mannschaft wieder zusammen hat. In dieser Zeit wird alles diskutiert. Jeder glaubt, die richtige Lösung zu kennen. Die Medien analysieren jede Entscheidung, ehemalige Spieler melden sich zu Wort, die Fans sind enttäuscht. Als Trainer muss man in dieser Situation Ruhe bewahren. Man darf nicht jede Schlagzeile an sich heranlassen. Viel wichtiger ist die ehrliche Analyse innerhalb des Trainerteams.

SPORT1: Was glauben Sie, wie die Analyse in Frankreich ausfallen wird?

Rohr: Frankreich ist ein Fußballland mit großer Leidenschaft, aber auch mit einer gewissen Gelassenheit. Natürlich wird jetzt viel diskutiert werden. Das gehört dazu. Gleichzeitig weiß man dort, welche Qualität im französischen Nachwuchs steckt. Seit Jahrzehnten bringt Frankreich außergewöhnliche Talente hervor. Diese Arbeit endet nicht nach einer Niederlage. Deshalb bin ich überzeugt, dass Frankreich schon bald wieder zu den stärksten Mannschaften der Welt gehören wird. Vielleicht klingt das überraschend, aber ich glaube, diese Niederlage kann Frankreich langfristig sogar helfen. Große Erfolge entstehen oft nach schmerzhaften Momenten. Man hinterfragt sich, entwickelt sich weiter und kommt mit neuer Motivation zurück. Manchmal beginnt nach einer großen Enttäuschung sogar das nächste erfolgreiche Kapitel.

"Werde mich nicht als Jammerlappen darstellen"

„Werde mich nicht als Jammerlappen darstellen“


SPORT1: Frankreich trifft nun im Spiel um Platz drei auf England. Welche Bedeutung hat diese Partie nach einer solchen Enttäuschung überhaupt?

Rohr: Direkt nach einem verlorenen Halbfinale denkt natürlich niemand gerne an das Spiel um Platz drei. Aber ich finde, man sollte seine Bedeutung nicht unterschätzen. Es ist die letzte Chance, eine Weltmeisterschaft mit einem Erfolgserlebnis zu beenden und Charakter zu zeigen. Für Didier Deschamps wäre ein Sieg zum Abschied sicher schön. Ein dritter Platz wäre zwar kein Ersatz für den WM-Titel, aber ein würdiger Abschluss seiner außergewöhnlichen Amtszeit.

SPORT1: Es gilt als sicher, dass Deschamps nun abtritt, als Nachfolger wird Zinédine Zidane seit längerer Zeit heiß gehandelt.

Rohr: Lustigerweise bin ich Zinédine Zidane erst vor Kurzem zufällig auf der Brooklyn Bridge in New York begegnet. Wir haben kurz miteinander gesprochen. Ich kenne ihn ja schon lange – 1996 war er in Bordeaux mein Spieler.

SPORT1: Auch in Deutschland beginnt mit dem Aus von Julian Nagelsmann und dem sich anbahnenden Engagement Jürgen Klopps ein neues Kapitel. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des deutschen und französischen Fußballs?

Rohr: Ich wünsche mir, dass beide Mannschaften wieder zu ihrer besten Form finden. Der Fußball lebt von solchen großen Duellen. Zwischen Deutschland und Frankreich gab es immer eine besondere Rivalität – aber eben auch großen gegenseitigen Respekt. Genau das macht diese Begegnungen bis heute so besonders.