Als Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel im WM-Halbfinale gegen Argentinien (1:2) seine ersten Wechsel vornahm, dürften bei einigen Fans des FC Bayern böse Erinnerungen hochgekommen sein – schließlich hatten sie so ein Szenario schon einmal erlebt.
Aber zunächst zum Geschehen im WM-Halbfinale. Der deutsche Coach wechselte zweimal defensiv: Verteidiger Ezri Konsa kam für Torschütze und Offensivspieler Anthony Gordon (72.). Zehn Minuten später ersetzte Innenverteidiger Dan Burn im Zuge eines Doppelwechsels Mittelfeldspieler Declan Rice. Außerdem kam für den angeschlagenen Verteidiger Reece James positionsgetreu Nico O’Reilly.
WM: „England-Fans wütend auf Tuchel“
Der Plan, die Führung in den verbleibenden 20 Minuten über die Ziellinie zu bringen, ging gehörig schief und das Mutterland des Fußballs erlitt eine der schmerzhaftesten Niederlagen seiner Geschichte. Jeweils nach einer Vorlage von Lionel Messi drehten Enzo Fernández (85.) und Lautaro Martínez (90.+2.) die Partie.
„England-Fans wütend auf Tuchel – das geht auf seine Kappe“, schrieb die Boulevardzeitung The Sun. „Das ist herzzerreißend. Tuchels Wechsel gehen nach hinten los“, kommentierte auch der Mirror. Der Telegraph vermutete sofort: „Die Vorwürfe werden noch Jahre anhalten.“
Tuchel selbst verteidigte im Nachgang seine Herangehensweise. „Ja, ich übernehme die Verantwortung, aber ich bereue absolut nichts. Wir haben eines unserer besten Spiele gespielt, vielleicht sogar das Beste. Wenn es nicht gut ausgeht, ist es leicht zu sagen, dass meine Entscheidungen falsch waren. Nach dem Spiel gibt es Millionen von Hobby-Trainern, die besser wissen, was zu tun ist“, sagte Tuchel.
Der Halbfinal-Wahnsinn im Video
„Ich hatte nicht das Gefühl, dass eine offensive Einwechslung geholfen hätte. Ich glaube, es war kein strukturelles Problem“, fuhr Tuchel fort. Dass nun dennoch Kritik aufkomme, sei normal.
Bei Bayern-Fans werden Erinnerungen wach
Tuchel kennt das, schließlich ist ihm schon einmal als Bayern-Coach Ähnliches widerfahren. Auch damals entschied er sich in einem wichtigen Halbfinal-Spiel für defensive Wechsel, was in einer späten Niederlage endete.
Vor etwas mehr als zwei Jahren kämpfte Tuchel mit den Münchnern gegen Real Madrid um den Einzug ins Champions-League-Finale. Nach dem 2:2 im Halbfinal-Hinspiel traf Alphonso Davies am 8. Mai 2024 im Bernabéu in der 68. Minute zur 1:0-Führung.
Und auch damals wechselte Tuchel defensiv. Er nahm Flügelspieler Leroy Sané vom Feld und wechselte für ihn den Innenverteidiger Minjae Kim ein (76.). Der Rest ist bekannt: Bayern wurde hinten reingedrängt und Joselu ließ mit einem späten Doppelpack (88., 90.+1) die Finalträume der Bayern platzen.
Beide Male entschied sich Tuchel dazu mit Gordon beziehungsweise Sané schnelle, konterstarke Spieler vom Feld zu nehmen und durch Konsa respektive Kim mit einem kopfballstarken Innenverteidiger zu ersetzen.
Tuchel teilt gegen Schiedsrichter aus
Während diesmal vor allem über Tuchels taktische Herangehensweise diskutiert wird, stand nach der Bayern-Halbfinalpleite in Madrid Schiedsrichter Szymon Marciniak im Vordergrund, was Tuchels Auswechslungen ein wenig untergehen ließ.
„Das ist ein absolutes Desaster!“, regte sich Tuchel damals auf: „Wir sind einfach sauer, wir haben alles da draußen gelassen. Es war ein richtiger Fight, wir setzen den Punch und sind fast über die Ziellinie.“
Fast über die Ziellinie war Tuchel auch am Mittwochabend mit seinen Engländern. Doch die Geschichte wiederholte sich – und zwei späte Gegentore ließen seine Finalträume platzen.
Einige böse Zungen mögen behaupten, dass Tuchel aus seinen „Fehlern“ nichts gelernt hat.