Viel dramatischer kann ein WM-Aus wohl kaum sein. Nach einem aberwitzigen Elfmeterschießen mit insgesamt fünf Fehlschüssen warf Marokko die Niederlande aus dem Turnier. Stürmer-Legende Zlatan Ibrahimovic ließ nach dem Spiel kein gutes Haar an Bondscoach Ronald Koeman.
„Ich denke, diese Niederlage ist Koemans Schuld, weil ich dieses niederländische Team nicht erkannt habe. Er hat mit einer Identität verloren, die nicht die niederländische ist, und das macht mich wütend“, wetterte der Schwede beim US-Sender Fox, für den er als Experte tätig ist.
WM: Bitteres Gegentor in der Nachspielzeit
Zuerst waren die Niederlande im neu geschaffenen Sechzehntelfinale durch ein emotionales Tor von Cody Gakpo sogar in Führung gegangen – mussten in der Nachspielzeit aber noch den bitteren Ausgleich schlucken. Die Elftal musste sich zu diesem Zeitpunkt längst vor allem bei ihrem starken Torhüter Bart Verbruggen bedanken, der sie mehrmals im Spiel hielt.
Wiederholt hatte der Keeper von Brighton & Hove Albion gegen überlegene Marokkaner und allen voran Achraf Hakimi geklärt. Der Spielverlauf zeichnete also ein etwas trügerisches Bild zugunsten von Oranje.
„Das war nicht die niederländische Fußballphilosophie“, schimpfte Ibrahimovic, der Anfang der 2000er Jahre noch unter Koeman in Amsterdam gespielt hatte: „Mir wurde immer beigebracht: angreifen, angreifen, angreifen. Koeman wirkte heute wie ein italienischer Trainer, der darauf aus war, nicht zu verlieren.“
Die Niederlande haben doch immer auf Sieg gespielt, monierte der einstige Stürmer: „Wenn man schon verliert, dann sollte man wenigstens mit der eigenen Identität verlieren und diese nicht verändern.“
„Cruyff hätte eine Träne vergossen“
Mit seiner Kritik am niederländischen Spielstil ist „Ibra“ dabei nicht alleine. Die defensive Herangehensweise – Koeman hatte gegen Marokko fünf Abwehrspieler aufgeboten und unter anderem Memphis Depay und Donyell Malen auf der Bank gelassen – stieß auch in der heimischen Presse auf Unverständnis.
„Beschämender Angsthasenfußball mit fatalen Folgen“ nannte es die Fußballzeitschrift Voetbal International und behauptete, der legendäre Johan Cruyff „hätte für diese niederländische Mannschaft eine Träne vergossen“. Das Algemeen Dagblad verteilte „viele ungenügende Noten“ und sah einen „kläglich versagenden Nationaltrainer.“
Noch drastischer wurde die Tageszeitung De Telegraaf: Koeman habe mit seiner Entscheidung, fünf Verteidiger aufzustellen, seinen eigenen Kopf auf die „Schlachtbank“ gelegt.
Koeman lässt Zukunft offen
Der Trainer selbst verteidigte sein Vorgehen nach der Partie: „Ganz Holland meinte, wir müssten mit fünf Verteidigern spielen. Wenn wir das dann tun, wird man dafür kritisiert.“
Ob er als Bondscoach weitermachen wird, ließ der 63-Jährige zunächst noch offen: „Ich habe mir dazu durchaus meine Gedanken gemacht, aber ich werde sie noch nicht preisgeben.“ Koemans Vertrag läuft mit der WM aus.
Im Hintergrund wird derweil schon über seinen möglichen Nachfolger spekuliert. Als heißer Anwärter auf den Posten wird der ehemalige Dortmund- und Leverkusen-Trainer Peter Bosz gehandelt. Der Niederländer ist aktuell bei der PSV Eindhoven im Amt.