Eine große Fußballnation liegt am Boden – mal wieder. Deutschland spielt endgültig nicht mehr im Konzert der Großen mit. 2018, 2022, 2026: Bei drei Weltmeisterschaften in Folge hat es die DFB-Elf nicht geschafft, den eigenen Ansprüchen und den Hoffnungen der Fans gerecht zu werden. Nach aktuellem Stand der Dinge hat die Generation um Joshua Kimmich ihre Ziele kolossal verfehlt. Das dürfte sich aus Altersgründen nicht mehr reparieren lassen.
„Das macht einiges mit mir. Gerade wenn man die Turniere zusammennimmt, dann tritt man hier an, um Deutschland stolz zu machen“, erklärte der DFB-Kapitän nach der Partie bei Magenta TV. Kimmich zeigte sich insgesamt verantwortungsbewusster und „erwachsener“ als noch vor vier Jahren. Geholfen hat es trotzdem nicht. Ohne Ideen, saft- und kraftlos schaffte es die DFB-Elf nicht, in 120 Minuten Paraguay niederzuringen.
Die Probleme des deutschen Fußballs liegen aber ohnehin tiefer. Das verlorene Sechzehntelfinale ist lediglich ein Symptom. Zur Erinnerung: Noch 2017 stand die Nationalmannschaft blendend da. Mit Jungstars wie Kimmich, Antonio Rüdiger, Niklas Süle und Leon Goretzka holte man 2017 den Confed-Cup. Die damals verletzten bzw. pausierenden Serge Gnabry und Leroy Sané kamen hinzu. Das Erbe der Weltmeister-Generation 2014 schien gesichert.
Generation sieglos
Rückblickend wirkt es schwer erklärbar, wie eine solche Generation so weit unter ihren Möglichkeiten bleiben konnte. Wie es passiert ist, dass sie all ihr Potenzial verschenkte.
Vielleicht wurden sie 2018 bei der WM in Russland nicht ausreichend gefordert und gefördert. Der damalige Bundestrainer Jogi Löw setzte damals lieber auf zahlreiche Weltmeister statt auf frisches Blut. Die Folgen sind jetzt überdeutlich zu erkennen.
„Wenn man dreimal hintereinander so kläglich ausscheidet, muss man einiges hinterfragen. Absolut“, sagte Rüdiger nach der Partie in Boston auf SPORT1-Nachfrage und meinte damit die gesamte „Generation sieglos“.
Treten Spieler aus dem DFB-Team zurück?
Dieser bittere Befund könnte nun zu zahlreichen Rücktritten führen, denn mit der Nationalmannschaft dürfte es das für viele gewesen sein. Der nun 31 Jahre alte Goretzka ist dafür ein Kandidat, auch der ein Jahr jüngere Leroy Sané könnte ins Grübeln kommen. Rüdiger, 33, bestätigte gegenüber SPORT1, dass er sich im Urlaub damit beschäftigen wolle: „Lust habe ich immer, aber man muss ein paar Tage darüber nachdenken. Dann wird man sehen, was passiert.“
Löw, Hansi Flick und jetzt Julian Nagelsmann: Die Liste der Bundestrainer, die an dieser Spielergeneration gescheitert sind, ist lang. Sollte der aktuelle Chef entlassen werden, hat sich der Posten endgültig zu einem Schleudersitz entwickelt und die deutsche Kontinuität wäre endgültig dahin.
Die Frage sei erlaubt: Welche Art Bundestrainer will dieser Kader eigentlich haben und dann wieder enttäuschen? Nach der Autoritätsperson Löw, dem Spielerfreund Flick und dem jugendlichen Nagelsmann bleibt nicht mehr viel.
„Gibt nicht so viele, die wollen, dass ich weitermache“
Rüdiger und Kimmich selbstkritisch
„Wir müssen dankbar sein, dass wir einen solchen Trainer haben. Es liegt an uns Spielern“, erklärte Rüdiger und Kimmich ergänzte auf SPORT1-Nachfrage: „Am Ende des Tages sind wir Spieler auf dem Platz und wir sollten den Anspruch haben und die Qualität, dass wir einen Gegner wie Paraguay schlagen können.“
Immerhin ist man selbstkritisch.
Das Problem: Auch die nachrückenden Spieler machten bei dieser WM nicht den Eindruck, als könnten sie eine neue Ära prägen. Jamal Musiala, Florian Wirtz, Aleksandar Pavlovic und andere machten keine gute Figur. Noch scheinen sie dieser großen Bühne nicht gewachsen.
Gibt DFB-Team Verlierer-DNA weiter?
Das lässt Böses erahnen, denn eine Verlierer-DNA kann sich bekanntermaßen auch weitervererben. Das war in England jahrzehntelang zu beobachten. Aktuell kann man es in Italien sehen. Deutschland wankt bedenklich und es stellt sich die Frage, wer jetzt noch die Kraft hat, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
„Ich werde immer die Power haben für einen erneuten Anlauf. Was ich niemals tun werde, ist aufgeben“, sagt Kimmich. Es ist ein Satz, den man schon bei zwei Weltmeisterschaften gehört hat. Langsam schwindet der Glaube daran.
Dass außer dem DFB-Kapitän auch andere Spieler dieser Generation die Kraft dazu haben, darf seit der Schmach von Boston bezweifelt werden.