Es war ein deutscher Radsport-Urknall, der heute vor 49 Jahren seinen Anfang nahm.

Ein 22 Jahre junger Shootingstar wurde zum Liebling der Massen, als er am 30. Juni 1977 beim Prolog der Tour de France ins Gelbe Trikot fuhr – und das Land über zwei Wochen lang vom ganz großen Coup träumen ließ: Dietrich „Didi“ Thurau. Der „blonde Engel“, wie Thurau in Frankreich genannt wurde, löste den ersten wirklichen Tour-Boom in Deutschland aus.

15 Tage lang trug der Frankfurter das „Maillot jaune“, seine Heimatnation fieberte mit. Als der Tour-Tross in Freiburg Station machte, wurde der damals 22-Jährige regelrecht belagert. „Überall stehen die Leute, vorm Hotel immer 200 bis 300. Es ist einmalig“, sagte Thurau damals.

ARD-Kommentator Herbert Watterott verglich die Stimmung in Freiburg sogar mit der Begeisterung nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954, dem Wunder von Bern.

Thurau war auch eine Art politischer Botschafter

Thurau begeisterte die Massen mit seinem Charme, mit seinem eleganten Fahrstil, und er war zu der Zeit auch eine Art politischer Botschafter. Das deutsch-französische Verhältnis – belastet von über hundert Jahren mehrfach kriegerisch eskalierter Feindschaft – war rund 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs keineswegs so gut wie heutzutage.

Der Pariser Bürgermeister und spätere Staatspräsident Jacques Chirac behauptete voller Begeisterung: „Seit Konrad Adenauer hat keiner mehr für die deutsch-französische Freundschaft getan als Didi Thurau.“

Thurau verlor das Trikot in einem Bergzeitfahren an den späteren französischen Gesamtsieger Bernard Thévenet und büßte zwei Tage darauf in den 21 Kehren nach Alpe d’Huez über zwölf Minuten ein. Am Ende kam er dennoch auf beachtenswerte fünf Etappensiege bei der gesamten Tour.

Dietrich Thurau während der Tour de France 1977
Dietrich Thurau während der Tour de France 1977Dietrich Thurau während der Tour de France 1977© IMAGO / Sportfoto Rudel

„Ich war noch nie in solchen Bergen, hatte mir nicht vorstellen können, wie hart das ist“, sagte er Jahrzehnte später dem Tour-Magazin. Am Ende in Paris war Thurau Fünfter, gewann das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers. Bei seiner Rückkehr nach Frankfurt wurde ihm von den Fans dennoch ein prunkvoller Empfang bereitet.

Thurau: „Mit Doping hätte ich die Tour sonst gewonnen“

Nach seiner Darstellung reichte es nicht zum Gesamtsieg, weil er damals im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten ohne verbotene Substanzen unterwegs war. „Mit Doping hätte ich die Tour sonst gewonnen“, sagte er dem langjährigen Radsport-Journalisten Hartmut Scherzer später. In Alpe d’Huez habe Thurau begriffen: „Mit Zuckerwasser fährt keiner diese Berge hoch.“

Deutschland war dennoch mit dem Radsport-Virus infiziert – so wie 20 Jahre später bei Jan Ullrichs Tour-Triumph. Thuraus Heimatstadt bemühte sich um die Ausrichtung des Grand Départ, und drei Jahre nach dem Aufstieg des heute 71-Jährigen begann die Große Schleife 1980 in der Mainmetropole. Doch Thurau erreichte nie mehr die Form seines Glanzjahres.

Thurau stieg der Ruhm der Tour zu Kopfe

Ihm stieg der Ruhm zu Kopf. Nach seinem fulminanten Durchbruch bei der Tour 1977 verließ er sein Team TI-Raleigh und schloss sich dem belgischen Ijsboerke-Team an, um dort alleiniger Kapitän zu sein.

Die großen Erfolge, auf die sein Auftritt 1977 deutsche Fans hoffen ließ, blieben jedoch aus. In Erinnerung werden neben dem Sieg beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich 1979 und zwei Vize-Weltmeistertiteln (1977, 1979) deswegen vor allem die sagenumwobenen 15 Tage im Maillot jaune bei der Tour de France bleiben.

Brisant: Während der Tour wurde er positiv auf Doping getestet – und durfte dennoch weiterfahren. „Das ist nicht gerade gut für die Moral“, sagte Thurau damals. Harte Strafen gab es noch nicht.

Den häufigen Gebrauch leistungssteigernder Substanzen gestand Thurau nach dem Karriereende 1989 ein. Seine Laufbahn gilt als unvollendet, die Tour 1977 blieb seine größte Leistung.

Gelbe Trikots besitze er nicht mehr, erzählte Thurau Jahrzehnte nach seiner goldenen Zeit, das letzte habe er dem Radsport-Museum im belgischen Roeselare gegeben. Trotzdem verfolgt er die Rennen der Tour de France, der Vuelta oder weitere Klassiker noch vor dem Fernseher.

„Ich habe alles erreicht, was ich so wollte“

Die Begeisterung ist nicht verflogen, auch wenn er in seiner Schweizer Wahlheimat am Bodensee selbst lieber Tennis spielt und nicht mehr auf den Sattel steigt: „Daran habe ich die Lust verloren, das ist mir auch zu gefährlich mit den Autos.“

Dietrich Thurau im Jahr 2026 als Zuschauer der Tour of the Alps
Dietrich Thurau im Jahr 2026 als Zuschauer der Tour of the AlpsDietrich Thurau im Jahr 2026 als Zuschauer der Tour of the Alps© IMAGO/MAXPPP

Dennoch ist er im Reinen mit sich. „Ich muss sagen, im Sport habe ich eh viel erreicht“, blickte er 2019 im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur auf seine Karriere zurück. Wechselhafte Erfahrungen machte er nach der Karriere auch im Immobiliengeschäft, doch auch davon hat er sich erholt.

„Bei den Immobilien habe ich Höhen und Tiefen erlebt. Ich bin jetzt zufrieden, wohne in schöner Lage und genieße jeden Tag, der kommt. Ich habe alles erreicht, was ich so wollte“, resümierte ein zufriedener Thurau.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)