Winfried Schäfer hat den Fußball auf vier Kontinenten erlebt – und spricht im exklusiven SPORT1-Interview so offen wie selten über die FIFA. Der frühere Nationaltrainer Kameruns rechnet dabei nicht einfach mit dem Weltverband ab.
Er widerspricht dem europäischen Mainstream, warnt vor den Folgen grenzenloser Kommerzialisierung und überrascht mit einer differenzierten Sicht auf den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino. Zudem fordert der 76-Jährige mehr Ehrlichkeit – von der FIFA ebenso wie von der UEFA und dem deutschen Fußball.
SPORT1: Herr Schäfer, Sie haben den Weltfußball erlebt wie kaum ein deutscher Trainer. Wenn Sie heute den Namen FIFA hören – denken Sie zuerst an Fußball oder an ein Milliardenunternehmen?
Winfried Schäfer: Beides. Seit der WM ist eine ganz neue Debatte entbrannt und das ist erst mal gut. Jeder weiß, es liegt viel im Argen und vieles muss auf den Prüfstand gestellt werden. Aber die Diskussion über Finanzen muss jetzt von allen Beteiligten ehrlich und transparent geführt werden. Ich habe auf der ganzen Welt gearbeitet und kann deshalb sagen: Die FIFA hat recht, wenn sie darauf hinweist, dass Geld dort ankommen muss, wo es am dringendsten gebraucht wird. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas könnten die in Aussicht gestellten Millionen sehr viel Gutes bewirken, wenn sie zielgerichtet eingesetzt werden.
SPORT1: Was müsste die FIFA konkret mit diesem Geld machen, damit es tatsächlich bei den Menschen ankommt?
Schäfer: Nur ein Beispiel: Die FIFA könnte Akademien verpflichten, transparent zu arbeiten und neben dem Fußballtraining Schulen auf hohem Niveau aufzubauen – gleichberechtigt für Jungen und Mädchen, mit internationalen Kooperationen und Stipendien. Und was ganz wichtig ist: Wenn die Kinder aus irgendeinem Grund den Sprung im Fußball nicht schaffen, darf man sie nicht fallen lassen, sondern muss ihre schulische beziehungsweise akademische Ausbildung garantieren. Die FIFA darf nie vergessen: Sie verwaltet den Fußball. Sie besitzt ihn nicht.
Schäfer: Das müsste die UEFA tun
SPORT1: Das klingt überraschend. Sie verteidigen die FIFA an dieser Stelle sogar ein Stück weit?
Schäfer: Ich denke, damit wäre es für die UEFA viel leichter mit Änderungen zu leben. Geld regiert den Fußball ohnehin. Private Equity, Staatsfonds, Milliardäre, sogar Hollywood haben den Fußball als Kapitalanlage erkannt und England nimmt dieses Kapital ebenso gerne wie Spanien, Frankreich und Italien. In Deutschland ist die Situation anders, aber schaut, was in Berlin passiert ist. Und wo international Geldgeber schon Anteile halten. Das muss transparenter kommuniziert und sinnvoll reguliert werden. Wir brauchen diese Riesensummen, und machen wir uns nichts vor, die Klubs wollen dieses Geld. Die nationalen und internationalen Verbände müssen da zusammenkommen. Die Empörung bringt erst mal gar nichts.
SPORT1: Was müsste die UEFA stattdessen tun?
Schäfer: Die UEFA muss ihre starke Position nutzen, um Entwicklungen positiv zu beeinflussen – nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern auch im Interesse der schwächeren Mitgliedsverbände. Die afrikanischen Verbände sind von Infantino begeistert und das muss man verstehen. Die Kritik der UEFA wirkt auf diese Länder eher arrogant. Da muss man zusammenkommen und erst mal über Kooperation nachdenken, darüber, was diese Länder brauchen. Erst dann hat man eine Chance, mitzugestalten.
SPORT1: Wann haben Sie persönlich zum ersten Mal gespürt, dass sich die FIFA immer weiter von dem Fußball entfernt, den Sie lieben?
Schäfer: Diese Entwicklung hat schon vor vielen Jahren begonnen. Ich erinnere mich noch an die WM 1978 in Argentinien. Damals gab es wegen der politischen Verhältnisse massive Kritik. Trotzdem wurde dort gespielt. Solche Diskussionen gab es also schon früher. Und ich habe in meinem Buch geschrieben, wie eng Fußball mit der Politik und Wirtschaft verflochten ist. In Deutschland geschieht das eher hinter den Kulissen und deshalb wird hier eine Diskussion geführt, die in vielen Teilen der Welt eher als Luxusproblem wahrgenommen wird. Deshalb noch einmal mein Appell, die UEFA muss das Thema global betrachten. Da hat die FIFA klar einen Vorteil. Generell kann man aber sagen, wir müssen den Fußball vor den Auswüchsen schützen, die durch die totale Kommerzialisierung drohen. Sonst ist es irgendwann nicht mehr unser Fußball. Dieses Gefühl haben viele Fans, Spieler und Trainer. Das ist gefährlich.
So drastisch will die UEFA Infantinos Pläne vereiteln
„Fußball lebt von seiner Glaubwürdigkeit“
SPORT1: Wenn sogar über einen Verkauf von Anteilen an der Fußball-WM gesprochen wird, fragen sich viele: Dreht die FIFA jetzt völlig durch? Ganz unschuldig ist Deutschland allerdings auch nicht – Hans-Joachim Watzke gehörte schließlich zu den größten Befürwortern eines DFL-Investors.
Schäfer: Man muss sehr genau aufpassen, wohin sich das entwickelt. Irgendwann gibt es eine Grenze. Der Fußball lebt von seiner Glaubwürdigkeit und seiner Nähe zu den Menschen. Wenn nur noch Investoren, Renditen und Geschäfte im Mittelpunkt stehen, verliert der Fußball etwas von seiner Seele. Aber noch mal, das kommt nicht überraschend. Die Aufregung um den geplanten DFL-Investor zeigt doch, dass wir dieselben Maßstäbe an alle anlegen müssen. Oder schauen wir nach England: Wir müssen in der Diskussion schon glaubwürdig sein und das bedeutet Transparenz für alle, nicht nur in diesem Fall. Fußball ist ein globales Milliardengeschäft und das wird sich nicht mehr ändern. Die Profite müssen aber eben so verteilt werden, dass es gerecht ist und am Ende den Kern „unseres“ Fußballs erhält, die Fans nicht abschreckt und den schwächeren Verbänden deutlich hilft. Auf allen Ebenen.
SPORT1: Gibt es für Sie überhaupt noch eine rote Linie, die die FIFA nicht überschreiten darf?
Schäfer: Die rote Linie ist erreicht, wenn der Fußball seine gesellschaftliche Aufgabe verliert. Fußball bringt Menschen zusammen – von den kleinsten Jugendmannschaften bis hin zu den Nationalteams. Fußball funktioniert nur als Mannschaftssport, nur gemeinsam. Ich habe das zum Beispiel bei Kap Verde erlebt. Genau das macht diesen Sport so besonders. Das darf nie verloren gehen.
SPORT1: Wem gehört eine Weltmeisterschaft eigentlich? Der FIFA? Den Investoren? Oder den Fans?
Schäfer: Den Fans. Ohne sie gäbe es keine Weltmeisterschaft. Schaut mal, was Gianni Infantino in seiner letzten Rede, nach der Empörung der UEFA gesagt hat. Der weiß das auch. Die UEFA und ihre Mitglieder müssen sich zum Anwalt der Fans und auch der schwächeren Nationen machen. Aber ehrlich, nicht arrogant. Nur so baut man genügend Einfluss auf, um mitreden zu können.
Belastung für Spieler immer größer
SPORT1: Die Zahl der Wettbewerbe und Spiele wächst ständig, während Spieler und Trainer seit Jahren vor der steigenden Belastung warnen.
Schäfer: Das ist natürlich ein Thema, aber auch da muss man die Bedürfnisse und Möglichkeiten aller Beteiligten berücksichtigen. Viele Verbände sind ja auch ständig in Streit mit Trainern und Spielern, weil die Belastung zu groß ist.
SPORT1: Aber ist die ständig steigende Belastung nicht irgendwann eine Grenze?
Schäfer: Auf der anderen Seite ist eine WM-Teilnahme für die kleineren Nationen und die Vereine in diesen Nationen unglaublich wichtig.
SPORT1: Wie groß kann der wirtschaftliche Unterschied für einen kleineren Klub tatsächlich sein?
Schäfer: Ich erinnere mich an meine Zeit im Iran. Wir kamen vom letzten auf den zweiten Tabellenplatz, gewannen den Pokal und standen kurz vor dem Viertelfinale der Champions League. Am glücklichsten war der Verein aber darüber, dass plötzlich sechs statt nur ein Nationalspieler aus unserer Mannschaft kamen. Das bedeutete enorme FIFA-Einnahmen. Für Bayern sind das Peanuts – für einen solchen Klub kann das die Zukunft verändern.
SPORT1: Wir Europäer beurteilen den Weltfußball also häufig nur aus unserer eigenen, privilegierten Perspektive.
Schäfer: Das darf man eben nicht ausklammern. Klar möchten viele deutsche Fans bei einer WM lieber keine Mannschaften sehen, die im Weltfußball kaum jemand kennt. Ich kann ihnen aber sagen, in Laos, Bangladesch und Saudi-Arabien ist Fußball ebenfalls wichtig. Und die Fans sind ebenso oder fast ebenso begeistert wie in Europa. Noch mal, Kritik ist wichtig und gut, aber bitte konstruktiv. Nehmt die Tatsache, dass Fußball international ist, ernst. Vor ein paar Jahren, als China auf die internationale Bühne wollte, riss sich jeder Verein darum, dort ein Büro zu errichten. Man schickte die eigene Mannschaft, um dort zu spielen – dann kann ich mich, sollte sich China einmal qualifizieren, nicht beschweren, dass jetzt zu viele schwache Mannschaften bei der WM mitspielen.
SPORT1: Die FIFA spricht ständig von Entwicklung – gleichzeitig explodieren Preisgelder, Eintrittspreise und Vermarktungserlöse. Ist die Entwicklung des Fußballs am Ende nur noch ein schönes Etikett für immer neue Einnahmequellen?
Schäfer: Entwicklung beginnt auf den Trainingsplätzen, in den Jugendmannschaften und in den Vereinen. Wenn der Fußball dort besser wird, dann entwickelt er sich wirklich. Das gilt übrigens auch für Deutschland. Wir müssen hier wesentlich mehr ändern als nur den Nationaltrainer. Jugendarbeit, Trainerausbildung und, ganz wichtig, das System, wie wir die Jugendtrainer bezahlen und behandeln. Dann ist da die Wirtschaft – und die brauchen wir. Das ist jedem klar. Aber man muss in einen offenen und transparenten Dialog mit den Fans und allen Beteiligten führen.
Hoeneß‘ dringender Rat im Zoff mit Infantino
Europa muss auf andere Kontinente blicken
SPORT1: Glauben Sie, dass Gianni Infantino den Fußball besser hinterlassen wird, als er ihn übernommen hat?
Schäfer: Er wird wahrscheinlich höhere Einnahmen hinterlassen. Und die kleineren Verbände weltweit werden profitieren, aber es muss eben ein System her, in dem man schaut, was mit dem vielen Geld passiert.
SPORT1: Warum sucht Infantino trotzdem immer wieder die Nähe mächtiger Politiker?
Schäfer: Das gefällt mir nicht. Die FIFA muss unabhängig bleiben. Fußball verbindet Menschen auf der ganzen Welt. Aber noch einmal: Fußball war immer politisch. Deshalb sollte der Weltverband nie den Eindruck erwecken, sich zu eng an einzelne Politiker oder Regierungen anzulehnen. Man muss den Einfluss in den Ländern einschränken und genau beobachten und die FIFA muss völlig neutral sein.
SPORT1: Besonders kritisch gesehen wird Infantinos demonstrative Nähe zur Familie Trump.
Schäfer: Das war wahrscheinlich fast unumgänglich. Gefallen tut mir das nicht und es hat Infantinos Ruf und damit der FIFA sicher nicht geholfen. Hier sind Verbände wie die UEFA gefragt, die über Vertreter im Ethikrat verfügen. Transparenz ist das wichtigste Wort.
SPORT1: Hat Gianni Infantino noch Gegner – oder hat er sich längst alle wichtigen Verbände wirtschaftlich abhängig gemacht?
Schäfer: Es würde der UEFA eben gut tun, das Ganze nicht eurozentrisch zu sehen. Sind die reichen und starken europäischen Verbände überhaupt im Austausch mit den Verbänden in Afrika und Asien? Die Jugendspieler aus Afrika nimmt man gerne, den asiatischen Markt nimmt man gerne. Stellt man sich der Verantwortung und tritt als Fürsprecher dieser Länder auf? Genug, um eine relevante Stimme zu haben? Fußball ist auch Politik und ich kann sagen, da muss vor allem Deutschland noch sehr viel lernen.
SPORT1: Jetzt kommt Ihr Dilemma: Sie waren Nationaltrainer Kameruns. Viele afrikanische Verbände sagen: „Infantino bringt endlich Geld, Infrastruktur und Aufmerksamkeit.“ Können Sie ihnen das verdenken?
Schäfer: Nein. Wenn tatsächlich solche Summen für die WM-Qualifikation oder die Entwicklung der Verbände gezahlt werden, dann verstehe ich jeden Verband, der das begrüßt. Viele Länder haben jahrzehntelang um bessere Bedingungen gekämpft. Da ist finanzielle Unterstützung enorm wichtig.
SPORT1: Zum Schluss eine einfache Frage: Stellen wir uns vor, ein zwölfjähriger Junge fragt Sie: „Wem gehört der Fußball eigentlich?“ Was würden Sie ihm antworten?
Schäfer: Ich würde ihm sagen: Der Fußball gehört dir. Er gehört den Kindern, den Fans und den Vereinen. Die FIFA verwaltet den Fußball nur. Sie besitzt ihn nicht.