Platz 32 von 32, 6,12 Sekunden Rückstand auf die siegreiche Mikaela Shiffrin – auf den ersten Blick verlief die Abfahrt in St. Moritz alles andere als gut für Alice Merryweather. „So viel Angst hatte ich wohl noch nie in einem Rennen. Es war so dunkel“, gestand sie im Anschluss der Schweizer Zeitung Blick.

Doch allzu traurig zeigte sie sich nicht. „Ich habe immer von diesem Tag geträumt. Es ist wie der Anfang eines neuen Lebens“, fügte die US-Amerikanerin an. Kein Wunder, denn hinter der 27-Jährigen liegt ein langer Leidensweg.

Schließlich war es ihr erstes Rennen seit 1379 (!) Tagen. „Endlich darf ich mich wieder aus dem Starthaus bugsieren“, schrieb sie bereits vor dem Rennen auf Instagram.

Wegen Corona-Virus: Ski-Star leidet unter dem Lockdown

Ihre große Leidenszeit begann in der Corona-Zeit. Sie hatte jüngst ihre dritte Weltcup-Saison auf dem 37. Platz im Gesamtweltcup abgeschlossen und wollte sich für die nächste Saison bereits vorbereiten.

Doch der Lockdown machte ihren Plan zunichte. Sie konnte nicht ins Fitnessstudio, keine Rennen fahren oder sich mit Freunden treffen. Dazu kamen ihre Gedanken. „Weil ich mir kaum noch Ziele im Sport setzen konnte, habe ich mir gesagt: ‚Ich sollte wirklich eine Diät machen. Das ganze Essen in europäischen Hotels hat dich fett gemacht, du siehst gar nicht mehr wie eine Sportlerin aus‘“, berichtete sie.

Mit einem Gewicht von 68 Kilogramm startet die 1,72m große Skifahrerin in ihr Vorhaben. Ihr Ziel war schnell definiert, fünf Kilo sollten runter. „Wenn ich hungrig bin, dann ist da ein gutes Zeichen“, redete Merryweather sich immer und immer wieder ein.

Essstörung: Schock-Diagnose für US-Star

Dieser Plan ging nach hinten los. Sie hatte kaum mehr ein Hungergefühl und aß nur noch sehr selten. Als sie im Herbst zurück zur Nationalmannschaft kehrte, gab es dann den Schock. Die Waage zeigte lediglich 57 Kilogramm, sie hatte somit gut doppelt so viel abgenommen, wie eigentlich geplant.

Die Teamärzte schickten sie daraufhin zum Arzt. Die Diagnose war schnell klar: Essstörung. „Ich habe lange nicht realisiert, dass ich ein Problem habe“, schilderte die ehemalige Juniorin-Weltmeisterin nun.

Doch die Diagnose öffnete ihr die Augen. Sie machte ihre Erkrankung öffentlich, um das Thema zu enttabuisieren. Ein Weltcup-Start kam aber nicht in Frage, schließlich sollte die damals 24-Jährige erst behutsam wieder aufgebaut werden.

Heftiger Sturz wirft Ski-Ass zurück

In der Vorbereitung auf die 2021er-Saison war sie dann wieder dann voll am Start – bis ein Trainingssturz alles zunichtemachte. Mit 125 km/h stürzte sie im Abfahrtstraining im schweizerischen Saas-Fee und verletzte sich dabei.

Sie erlitt nicht nur einen Bruch von Schien- und Wadenbein, sondern auch ihre Bänder wurden in Mitleidenschaft gezogen. Das Kreuz- und Innenband rissen, der Meniskus war komplett kaputt. Das ließ ihre Schürfwunden im Gesicht fast vergessen.

Eine Rückkehr schien nach diesem Schock fast ausgeschlossen. Zumal Merryweather beichtete: „Zwischenzeitlich habe ich die Liebe fürs Skifahren verloren.“ Kein Wunder angesichts der schweren Rückschläge.

Ski-Star will „mit einem Lächeln auf den Lippen“ fahren

Doch die Frau von der US-amerikanischen Ostküste gab nicht auf, sondern kämpfte für ihr Comeback. Sie schuftete täglich in der Reha und fand ihre Liebe zum Sport wieder.

„Es ist, als hätte ich fast vier Jahre geschlafen und würde nun wieder aufwachen“, fasste sie ihr erstes Rennen seit Crans Montata Ende Februar 2020 zusammen. Da war auch das Ergebnis erstmal zweitrangig für sie.

Viel mehr will sie nun erstmal wieder Routine sammeln und „mit einem Lächeln auf den Lippen“ über die Ziellinie fahren. Schließlich weiß sie aus eigener Erfahrung, wie tief man fallen kann.