Andrea Petkovic ist das ganze Jahr für den Tennissport unterwegs. Vielfach als TV-Expertin, momentan allerdings als Turnierbotschafterin des WTA-250er Turniers am Hamburger Rothenbaum – den MSC Hamburg Ladies Open. Die 38-Jährige wird am Sonntag ein Showmatch gegen die ehemalige Nummer-1 Martina Hingis bestreiten.

Ob sie sich dafür bereits fit genug fühlt? „Nein, noch nicht“, antwortet sie im SPORT1-Interview lachend, verspricht aber dennoch ein interessantes Match. Die frühere Nummer 9 der Weltrangliste nahm sich zunächst aber Zeit, um ausführlich über die Situation im deutschen Tennis zu sprechen.

Andrea Petkovic mit SPORT1-Journalist Oliver Jensen
Andrea Petkovic mit SPORT1-Journalist Oliver JensenAndrea Petkovic mit SPORT1-Journalist Oliver Jensen© Oliver Jensen

Petkovic: „Sehe nicht nur Hoffnung, sondern großes Potenzial“

SPORT1: Frau Petkovic, wir haben hier in Hamburg einige junge Talente wie Julia Stusek, Noma Noha Akugue oder Tessa Johanna Brockmann gesehen. Sehen Sie die Hoffnung, dass Deutschland in den kommenden Jahren wieder eine Weltklassespielerin hervorbringen kann?

Petkovic: Ja, auf jeden Fall. Ich sehe nicht nur Hoffnung, sondern großes Potenzial. Zu den Spielerinnen, die Sie genannt haben, kommt für mich auch Eva Lys und Ella Seidel hinzu. Dahinter gibt es noch einige sehr junge Talente, etwa im Alter von 15 oder 16 Jahren – Ida Wobker und Mariella Thamm beispielsweise. Bei Spielerinnen in diesem Alter ist eine Prognose allerdings immer schwierig, weil man nie weiß, wie sich ihre Entwicklung fortsetzt. Grundsätzlich sehe ich aber viel Potenzial. Was uns im Vergleich zu anderen Ländern etwas bremst, ist unser System.

SPORT1: Inwiefern?

Petkovic: In Deutschland hat die Schule verständlicherweise einen hohen Stellenwert, die Schultage werden immer länger und dadurch bleibt weniger Zeit für das Training. Deshalb dauert die Entwicklung häufig etwas länger als etwa in Tschechien oder auch in Serbien, wo talentierte Kinder schon mit zwölf oder dreizehn Jahren fünf oder sechs Stunden täglich trainieren. Diesen Rückstand müssen unsere Spielerinnen später erst einmal aufholen. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir große Talente haben, sie im internationalen Vergleich aber oft etwas mehr Zeit brauchen, bis sie ihr volles Leistungsniveau erreichen.

„Sabalenka und Rybakina sind absolute Fitnessmaschinen“

SPORT1: Eva Lys genießt bereits enorme mediale Aufmerksamkeit. Was fehlt ihr aus Ihrer Sicht noch für den nächsten Schritt? Natürlich spielt ihre rheumatische Autoimmunerkrankung dabei ebenfalls eine Rolle …

Petkovic: Genau das macht eine Einschätzung schwierig. Von außen kann ich kaum beurteilen, wie viel sie tatsächlich trainieren kann. Im Leistungssport gibt es einige Dinge, die unverzichtbar sind: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Hinzu kommt die körperliche Robustheit. Als ich auf die Tour kam, gehörte ich zu den kräftigeren Spielerinnen. Heute muss man sich nur Aryna Sabalenka oder Elena Rybakina anschauen – das sind absolute Fitnessmaschinen. Gegen dieses Niveau muss man körperlich bestehen können. Deshalb weiß ich nicht, wie viele Stunden Eva Lys aufgrund ihrer Erkrankung tatsächlich auf dem Platz stehen kann. Sie muss ihren Körper stärker berücksichtigen als andere und Belastungen häufiger reduzieren. Das ist natürlich ein Handicap. Dazu kommt das berühmte zweite Jahr nach dem Durchbruch, das im amerikanischen Sport oft als „Sophomore Year“ bezeichnet wird. Viele Spielerinnen tun sich in dieser Phase schwer, weil sie sich an das höhere Niveau, die größeren Turniere und den gestiegenen Druck erst gewöhnen müssen. Die mediale Aufmerksamkeit bringt viele Vorteile mit sich, etwa finanziell, weil sie dadurch besser in Trainer und Reisen investieren kann. Gleichzeitig steigen aber auch die Erwartungen. Viele erwarten Ergebnisse, die sie vielleicht noch gar nicht konstant liefern kann. Das ist ein zweischneidiges Schwert.

Das macht es schwierig für den deutschen Nachwuchs

SPORT1: Aktuell ist keine deutsche Spielerin in der Weltrangliste vorne dabei. Liegt das an den genannten Gründen? Oder ist es normal, dass nicht jede Generation gleich stark ist?

Petkovic: Das spielt sicherlich eine Rolle. Vor unserer Generation gab es gute Spielerinnen wie Martina Müller oder Julia Schruff, die sich allerdings eher zwischen Platz 50 und 70 bewegten. Danach kam mit Angelique Kerber, Julia Görges, Sabine Lisicki und mir wieder eine sehr starke Generation. Solche Wellen gibt es im Sport immer wieder. Aber …

SPORT1: Ja …?

Petkovic: Ich habe das Gefühl, dass heute generell weniger Kinder den Weg in den Leistungssport einschlagen. Als wir Jugendliche waren, gab es zehn oder fünfzehn Spielerinnen auf einem sehr hohen Niveau. Natürlich fallen im Laufe der Jahre einige weg, aber am Ende bleiben immer genug übrig. Heute haben wir vielleicht noch vier oder fünf Top-Spielerinnen in dieser Altersklasse. Wenn davon zwei oder drei ausfallen oder sich verletzen, entsteht sofort eine große Lücke.

SPORT1: Was müsste sich ändern, damit wir den deutschen Nachwuchs besser fördern?

Petkovic: Es gibt mehrere Stellschrauben. Zunächst müsste die Vereinbarkeit von Schule und Leistungssport weiter verbessert werden, damit außergewöhnliche Talente den Trainingsumfang erreichen können, der international notwendig ist. Da hat sich zwar schon einiges getan, etwa durch Sportschulen, aber zu meiner Zeit gab es das kaum. Außerdem gefällt mir das italienische Modell sehr gut. Dort hat man den Aufschwung vor allem über eine breite Turnierlandschaft geschafft. Wir haben inzwischen tolle Turniere wie Berlin, Hamburg, Bad Homburg oder Stuttgart. Das Problem ist nur, dass junge Spielerinnen dort häufig schon in der ersten Runde gegen eine Top-10- oder Top-20-Spielerin antreten. Wichtiger wären mehr Turniere auf allen Ebenen, damit sich Talente im eigenen Land entwickeln können, regelmäßig Wettkampfpraxis sammeln und die Kosten überschaubar bleiben. Genau das hat Italien in den vergangenen Jahren so stark gemacht.

Petkovic: So kam es zur Änderung bei Alexander Zverev

SPORT1: Kommen wir zu Alexander Zverev. Sie haben bereits im vergangenen Jahr gesagt, dass Sie an einen Grand-Slam-Sieg glauben. Sie haben recht behalten …

Petkovic: (lacht und macht eine jubelnde Geste) Na also…

SPORT1: Deshalb sind Sie die Expertin und ich nur der Fragensteller. Aber Spaß beiseite – worauf führen Sie es zurück, dass er die French Open gewonnen hat und auch in Wimbledon im Finale stand?

Petkovic: Für mich war das bereits im Januar zu erkennen. Sein Bruder Mischa Zverev erzählte während Wimbledon bei uns im TV, dass Sascha nach der vergangenen Saison zu seinem Team gesagt hat: ‚Carlos Alcaraz und Jannik Sinner sind inzwischen so weit weg von mir, ich muss etwas an meinem Spiel verändern.‚ Ich habe beim United Cup einige seiner Trainingseinheiten beobachtet und sofort einen anderen Spieler gesehen. Er nahm den Ball früher, spielte die Vorhand konsequenter nach vorne, ging häufiger ans Netz und variierte deutlich mehr. Früher wurde seine Vorhand unter Druck oft etwas kürzer, jetzt spielte er wesentlich offensiver. Im Laufe der Saison wurde diese Spielweise immer natürlicher. Anfangs hatte ich noch das Gefühl, dass der alte und der neue Alexander Zverev gleichzeitig auf dem Platz stehen. Je länger die Saison dauerte, desto mehr setzte sich der neue Spielstil durch. Wimbledon hat für mich endgültig gezeigt, dass er inzwischen komplett an dieses Spiel glaubt. Das ist keine kurzfristige Anpassung mehr, sondern seine neue Identität auf dem Platz.

Andrea Petkovic mit Alexander Zverev
Andrea Petkovic mit Alexander ZverevAndrea Petkovic mit Alexander Zverev© IMAGO/Hasenkopf

SPORT1: Warum kam diese Entwicklung Ihrer Meinung nach gerade jetzt? Haben die Einheiten mit Toni Nadal und dessen Umfeld dabei eine entscheidende Rolle gespielt?

Petkovic: Gute Frage. Bei einem Spieler wie Alexander Zverev muss so eine Veränderung aus ihm selbst heraus entstehen. Wer über Jahre zur Weltspitze gehört, ist eine starke Persönlichkeit mit einem eigenen Kopf. Solche grundlegenden Anpassungen funktionieren nur, wenn der Spieler selbst vollkommen überzeugt ist. Offenbar hat nach der vergangenen Saison bei ihm etwas Klick gemacht. Vielleicht hat er gehofft, dass das Zeitfenster zwischen der Ära Federer, Nadal und Djokovic und der neuen Generation etwas länger offen bleibt. Dann kamen Jannik Sinner und Carlos Alcaraz, die mit Anfang 20 schon auf einem unglaublichen Niveau spielen. Was auch immer der Auslöser war – er hat erkannt, dass er etwas verändern muss. Ich beobachte im Tennis seit fast 25 Jahren immer wieder zwei Spielertypen. Die einen wissen schon sehr jung genau, wer sie sind und was sie wollen. Maria Sharapova oder Serena und Venus Williams waren solche Beispiele. Andere wie Angelique Kerber oder Alexander Zverev müssen erst als Persönlichkeit wachsen. Sie müssen herausfinden, wer sie sind und was sie wirklich wollen. Erst dann erreichen sie ihr volles Potenzial. Vielleicht hängt genau damit seine Entwicklung zusammen. Er ist heute erwachsener, robuster und weiß sehr genau, welchen Weg er gehen möchte.

Alcaraz: „Kann mir vorstellen, dass er noch stärker zurückkommt“

SPORT1: Wie schätzen Sie inzwischen seine Chancen auf die Nummer eins der Weltrangliste ein?

Petkovic: Ich glaube, dieses Fenster ist definitiv da. Carlos Alcaraz und Jannik Sinner haben unglaublich viele Punkte zu verteidigen, weil sie im vergangenen Jahr praktisch alles gewonnen haben. Man sieht außerdem, wie schnell Verletzungen oder gesundheitliche Probleme alles verändern können. Bei Carlos war es das Handgelenk, und bis heute weiß niemand genau, wann er wieder zurückkehrt. Wenn einer der beiden eine längere Pause einlegen muss, verlieren sie sofort viele Weltranglistenpunkte. Wenn Sascha dort weitermacht, wo er in Wimbledon aufgehört hat, ist die Chance absolut vorhanden. Natürlich werden Sinner und Alcaraz weiter den Ton angeben, deshalb wird es alles andere als einfach. Aber im Race, also im Kalenderjahr 2026, lag Zverev zuletzt nur knapp hinter Sinner. Das zeigt, wie eng die Spitze inzwischen zusammengerückt ist.

SPORT1: Glauben Sie, dass Carlos Alcaraz nach seiner Verletzung längere Zeit brauchen wird, um wieder sein höchstes Niveau zu erreichen?

Petkovic: Ich glaube nicht, dass man sich Sorgen machen muss. Natürlich wird er etwas Zeit benötigen, aber ich kann mir sogar vorstellen, dass er danach noch stärker zurückkommt. In seiner Netflix-Dokumentation spricht er selbst darüber, dass er mental relativ schnell ausbrennt. Er spielt mit einer unglaublichen Lebensfreude und gibt dem Publikum permanent Energie – das kostet Kraft. Man konnte in dieser Saison schon vor der Verletzung sehen, dass er etwas erschöpft wirkte. Jetzt hatte er eine längere Pause, konnte Zeit mit Familie und Freunden verbringen und einfach einmal abschalten. Ich glaube deshalb, dass er mit neuem Hunger zurückkehren wird. Ehrlich gesagt: Gott bewahre dann die anderen Spieler. Natürlich braucht er wieder etwas Rhythmus, aber ich traue ihm zu, anschließend sogar noch stärker zu sein als zuvor.

„War überrascht, wie gut Serena Williams gespielt hat“

SPORT1: Letzte Frage, weil Sie eben Serena Williams ansprachen: Wie bewerten Sie ihr Comeback?

Petkovic: Ich sehe das aus mehreren Perspektiven. Aus Sicht der Medien war dieses Comeback ein voller Erfolg. Die Aufmerksamkeit war enorm, die Klickzahlen waren hervorragend und viele Menschen, die sich sonst kaum für Tennis interessieren, haben plötzlich wieder eingeschaltet. Das hat dem Tennissport insgesamt gutgetan. Gleichzeitig war ich überrascht, wie gut Serena Williams gespielt hat. Nach fünf Jahren ohne Einzel hätte ich ehrlich gesagt deutlich weniger erwartet. Ihre Leistung war wesentlich stärker, als ich gedacht hatte. Was ich mir allerdings wünschen würde, ist etwas mehr Klarheit bei ihrer Kommunikation.

SPORT1: Was meinen Sie damit?

Petkovic: Im Moment weiß niemand so richtig, welche Pläne sie verfolgt. Vermutlich weiß sie das selbst noch nicht, weil sie erst sehen muss, wie ihr Körper reagiert. Nach ihrem Einzel hatte sie schließlich ein geschwollenes Knie. Aus journalistischer Sicht wäre es dennoch hilfreich zu wissen, ob wir von einem vollständigen Comeback sprechen, ob sie nur ausgewählte Turniere oder vielleicht hauptsächlich Doppel spielen möchte. Diese Planbarkeit würde vieles erleichtern – auch wenn ich das natürlich aus der Perspektive einer Kommentatorin sage.