Man stelle sich vor, Marc-André ter Stegen und Antonio Rüdiger hätten sich frühzeitig entschieden, nach Deutschland zurückzukehren und bei einem eigentlich ambitionierten Klub anzuheuern. Etwa beim VfL Wolfsburg. Ausgerechnet dieser versagt aber dann im Saison-Endspurt und steigt völlig überraschend ab.
Hieße also: Ter Stegen und Rüdiger stünden ab dem Sommer nicht mehr beim FC Barcelona oder Real Madrid unter Vertrag, sondern in der 2. Bundesliga. Ein kaum vorstellbares Gedankenspiel.
Eines der spektakulärsten Projekte Europas scheitert vorerst
Doch im dänischen Handball ist ein solch ähnliches Szenario gerade die tatsächliche Realität. HÖJ Elite gilt dort als eines der meistbeobachteten und spektakulärsten Projekte Europas: ein kleiner Klub aus dem Kopenhagener Umland, der mit viel Geld in kürzester Zeit zum nationalen, perspektivisch auch zum internationalen Spitzenteam werden will.
Dafür verpflichtete der Verein, dessen vollständiger Name Händboldfaellesskabet Ölstykke-Jyllinge lautet, zahlreiche Nationalspieler und holte mehrere bekannte Größen aus der Bundesliga. Nur die erhofften sportlichen Fortschritte blieben bislang aus. Und es kam noch viel schlimmer.
Mitte Mai erlitt das Vorhaben einen besonders herben Rückschlag, mit dem niemand rechnete. Trotz Namen wie Hans Lindberg, Hampus Wanne, Michael Damgaard oder dem früheren Nationaltorhüter Till Klimpke konnte der Klub von der Insel Sjaelland in seiner ersten Saison nach dem Aufstieg in Dänemarks höchste Spielklasse nicht überzeugen. Der Klub stieg direkt wieder ab und spielt kommende Saison erneut unterklassig.
Dasselbe gilt auch für diejenigen, die noch gar nicht da sind. Unter anderem für Lasse Andersson und Jannick Green. Beide wollten zurück in die Heimat und hatten bereits weit vor dem Abstieg bei HÖJ unterschrieben, wechseln jetzt allerdings in die 2. Liga.
Skurrile Situation für Lasse Andersson
Besonders skurril wirkt die Lage um Andersson. Einer der besten Rückraumspieler der Welt verlässt nach sechs Jahren die Füchse Berlin – einen der stärksten Klubs Europas aus der besten Liga der Welt. Titelpläne, ein ehrgeiziges Vorhaben, langfristiger Aufbau: Das hatte den dänischen Nationalspieler ursprünglich gereizt.
Die Realität ist eine ganz andere, das Großprojekt erst einmal abgestützt. Entsprechend schien sein Wechsel zwischenzeitlich wieder auf der Kippe zu stehen. Doch inzwischen hat sich der 32-Jährige selbst zu Wort gemeldet und Stellung bezogen.
„Ich habe über alle Möglichkeiten nachgedacht, auch über einen Verbleib in Berlin. Am Ende lief es für mich auf zwei Möglichkeiten hinaus: bleiben oder zu HÖJ wechseln. Das war keine einfache Entscheidung“, betonte Andersson in einer Medienrunde: „Ich habe viel überlegt, viel abgewogen, mit meiner Familie gesprochen, ebenso mit Geschäftsführer Bob Hanning und Trainer Nicolaj Krickau. Aber letztlich habe ich mich so entschieden und bin damit sehr zufrieden. Ich stehe zu meinem Wort: Ich will mit HÖJ um die Meisterschaft spielen. Das ist weiterhin mein Traum.“
Angriff auf die Platzhirsche gerät ins Wanken
In der Handballszene wird HÖJ häufig mit dem norwegischen Klub Kolstad verglichen: ein kleiner Klub, finanzstarke Geldgeber im Hintergrund, prominente Neuzugänge und der unmissverständliche Anspruch, die etablierten Kräfteverhältnisse aufzubrechen.
Dieser Angriff richtet sich in Dänemark vor allem gegen die Platzhirsche Aalborg Handbold und GOG. Mit dem überraschenden Abstieg änderte sich jedoch die Wahrnehmung des Projekts schlagartig. Aus dem ambitionierten Neuling wurde zumindest vorübergehend ein Symbol dafür, wie schnell selbst große Pläne ins Wanken geraten können.
Andersson: Für HÖJ ist der Abstieg ein Reality-Check
Der direkte Wiederabstieg des Klubs kam für alle überraschend. Für Andersson ebenfalls. „Für einen Moment haben sich alle Planungen komplett um 180 Grad gedreht“, stellte der dänische Nationalspieler klar: „Aber so ist das manchmal: Es läuft nicht immer alles glatt. Wenn es immer so wäre, hätte man wohl einfach zu viel Glück.“
Man müsse sich auf neue Situationen einstellen. Für den Verein sei der Tiefschlag auch eine „Art Reality-Check“, sagte er weiter: „In einigen Bereichen müssen wir uns verbessern. Mit den neuen Spielern, die dazukommen, sind wir dafür jetzt womöglich besser vorbereitet.“
Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Trotz des Abstiegs treibt HÖJ seinen Kaderumbau voran. Der Noch-Berliner Andersson und der frühere Magdeburger Torhüter Green sind dabei nur die prominentesten Namen, die ihren Wechsel ungeachtet der neuen Umstände vollziehen.
HÖJ rüstet mit weiteren Top-Transfers nach
So tütete Lindberg, der inzwischen zum Sportdirektor aufgestiegen ist, zuletzt auch die Verpflichtung von Thomas Solstad ein. Der norwegische Kreisläufer wechselt vom TSV Hannover-Burgdorf nach Skandinavien und unterzeichnete einen Vertrag bis 2029 – fernab aller Zweifel, die weiterhin bestehen.
Denn Skepsis gibt es reichlich. Sie speist sich aus Erfahrungen mit ähnlichen Konstruktionen im nordeuropäischen Handball. Aus dem Tempo, mit dem HÖJ den Sprung nach ganz oben erzwingen wollte. Der Begriff „Risikoprojekt“ macht die Runde, weniger als konkreter Vorwurf denn als wiederkehrendes Deutungsmuster. Viele glauben, bekannte Warnsignale zu erkennen.
Andersson lässt sich davon nicht beirren: „An meinen Zielen hat sich nichts geändert. Der Traum bleibt. Wie weit wir mit HÖJ kommen können? Es dauert jetzt eben ein Jahr länger.“ Seine Entscheidung, versicherte er, fühle sich richtig an.
HÖJ? „Das ist ein harter Cut“
Wie groß die bevorstehende Umstellung wird, dessen ist sich Andersson bewusst. Mitte Juni absolviert er mit den Füchsen noch das Final Four der Champions League in der mehr als 18.000 Zuschauer fassenden Kölner Lanxess-Arena, kommende Saison warten Provinzhallen.
„Das ist ein harter Cut und alles andere als normal. Sorgen mache ich mir trotzdem nicht. Immerhin habe ich die Entscheidung selbst getroffen. Ich hatte alle Optionen, und gehe die Veränderung bewusst an. Auch der Wechsel von großen Arenen in kleinere Turnhallen beunruhigt mich nicht“, sagte der Rückraum-Shooter und fügte scherzhaft hinzu: „Und eines fehlt mir noch in meiner Laufbahn: die Meisterschaft in der 2. Liga.“
Auch die jüngste Einschätzung von Nationalcoach Nikolaj Jacobsen, wonach er sich keine Sorgen um seinen Platz im Team machen müsse, bewertete Andersson positiv: „Es ist natürlich schön zu hören, wenn der Trainer meine Rolle so gut beschreibt.“
Zugleich sei ihm die Situation in der dänischen Auswahl bewusst: „Bei dieser Qualität gibt es kein Freiticket. Ich trage Verantwortung. Mit 80 Prozent komme ich hier nicht durch – weder bei HÖJ noch in der Nationalmannschaft.“
Andersson weiß, was er mit seinem Wechsel aufgibt. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass die Perspektive des Projekts HÖJ schwerer wiegt als der vorübergehende Verzicht auf die große Bühne.