In der abgelaufenen Winter-Transferphase sorgte Juventus Turin bei einigen Fußball-Experten für Verwunderung und Kopfschütteln.

Der in der Krise steckende italienische Rekordmeister versucht mit allen Mitteln, eine bisher verkorkste Saison irgendwie noch zu retten.

Während die Alte Dame in der Champions League zwar in der K.o.-Runde steht, hinkt sie in der Serie A als Tabellenfünfter den hohen Erwartungen hinterher. (DATEN: Die Tabelle der Serie A)

Nicht nur, dass der sportliche Erfolg sich in Grenzen hält, mehr noch plagt den 36-fachen Meister finanzieller Ärger – und zwar in doppelter Hinsicht. Dazu später mehr.

SPORT1 zeigt die Gründe auf, warum Juventus (noch) in der Krise steckt:

Ronaldo-Fixierung und leicht berechenbares Offensivspiel

Kurz nach dem Saisonstart verabschiedete sich Cristiano Ronaldo gen Manchester United. Sportlich gesehen ein Schock für Juve, denn er war von 2018 bis 2021 das Aushängeschild. (NEWS: Alle News und Gerüchte vom Transfermarkt)

81 Treffer in 98 Serie-A-Partien sprechen eine deutliche Sprache. Und plötzlich war DER Zielspieler weg. Juves Niedergang hatte zwar vergangene Saison (4. Platz) bereits eingesetzt, doch CR7 kaschierte das ganze Ausmaß noch.

Ohne den Portugiesen traten die Schwächen in Turins Offensive 2021/22 extrem hervor. Kreative Lösungsansätze sind Mangelware, das Offensivspiel zu berechenbar.

Und im vergangenen Sommer blieb kurz vor Transferschluss fast keine Zeit, um Ronaldo zu ersetzen. Die Last-Minute-Verpflichtung von Moise Kean (ausgeliehen vom FC Everton) spricht Bände.

Ungewohnte Abwehrschwächen

Darüber hinaus zeigte Juve ungewohnte Abwehrschwächen. Fast ein Jahrzehnt lang war das Abwehr-Bollwerk um Giorgio Chiellini (37) und Leonardo Bonucci (34) kaum zu überwinden. Doch die alten Haudegen werden nicht jünger.

Und dann schwächelte auch noch Jung-Star Matthjis de Ligt, zudem sorgte sein Berater Mino Raiola mit Wechsel-Gerüchten für weitere Unruhe.

Mit Folgen: In den neun Meisterjahren kassierte Juve im Schnitt 0,69 Gegentore pro Spiel, in der Vorsaison waren es bereits 1,0 – aber mit einer Tordifferenz von +39 dank eines gewissen Ronaldo.

In der laufenden Spielzeit bekommen die Turiner fast doppelt so viele Gegentore: 1,16 pro Partie bei einer Tordifferenz von nur +13. In den Meisterjahren lag diese jedoch im Schnitt bei +48,9!

Juventus-Neuzugang Dusan Vlahovic wird wegen seiner Physis gerne mit Dortmund-Stürmer Erling Haaland verglichen. Der Serbe erklärt jedoch, dass er sein eigenes Ding machen möchte.

Juventus-Neuzugang Dusan Vlahovic wird wegen seiner Physis gerne mit Dortmund-Stürmer Erling Haaland verglichen. Der Serbe erklärt jedoch, dass er sein eigenes Ding machen möchte.

Mit ein Grund sind die überspielten italienischen Europameister: Bei Bonucci und Chiellini merkt man es vor allem, aber auch bei den jüngeren EM-Siegern um Federico Bernadeschi, Federico Chiesa (der sich zu allem Überfluss das Kreuzband riss) sowie Neuzugang Manuel Locatelli.

Kein Wunder also, dass die Bianconeri einen historisch schwachen Saisonstart ohne Sieg hinlegten und nach vier Spielen nur mit mageren zwei Punkten auf dem 18. Platz rangierten – einem Abstiegsplatz.

Bis zum 14. Spieltag folgten noch weitere drei Pleiten, das 0:1 gegen Atalanta Bergamo war bereits Saisonniederlage Nummer fünf. Völlig ungewohnt für die erfolgsverwöhnten Juve-Stars.

Drei Trainer in drei Jahren

Jetzt soll es also der einstige Meistertrainer Massimiliano Allegri, fünf Titel mit Juventus, ein Scudetto zuvor mit dem AC Mailand, richten, der sich 2019 in sein Sabbatical verabschiedet hatte.

Denn in den zwei vergangenen Spielzeiten scheiterten die Experimente mit Maurizio Sarri und Andrea Pirlo. Die Juve-Legende wollte sich als Trainer-Novize Neues ausprobieren, die Spieler kamen aber mit seinen Ideen nicht klar. Trotz Pokalsieg und enttäuschendem vierten Platz musste Pirlo gehen.

Besser machte es aber auch sein Vorgänger nicht. Sarri sollte das leicht berechenbare Spiel der Bianconeri revolutionieren und den berühmt-berüchtigten Offensiv-Stil a la Napoli einführen. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Serie A)

Mit geringem Erfolg. Denn die Juve-Stars waren mit „Sarriball“, Ballbesitzspiel mit vertikalem Kurzpassspiel, Tempowechsel, Spiel über den Dritten und dem Überladen einer Zone nicht einverstanden. Trotz Scudetto musste auch der Kettenraucher seinen Hut nehmen.

Mit Allegri läuft es aber auch noch nicht rund.

Schulden und Ermittlungen wegen Bilanzfälschung

Neben der sportlichen Krise sorgen finanzielle Probleme für Unruhe: Juventus plagen einerseits 400 Millionen Euro Schulden, andererseits ermittelt die Staatsanwaltschaft derzeit wegen Bilanzfälschung.

Konkret steht der Vorwurf im Raum, dass Juve seine Bilanzen von 2019, 2020 und 2021 um insgesamt 282 Millionen Euro gefälscht hat, wie Gazzetta dello Sport und Süddeutsche Zeitung berichten.

Mit künstlichen aufgepumpten Marktwerten soll die Alte Dame relativ unbekannte Profis für überzogene Summen verkauft haben, wobei der aufnehmende Klub ebenfalls einen Spieler überbewertete und für denselben Betrag veräußerte.

Scheinbar. Denn Geld fließt bei derartigen Finanz-Trickserien nicht, auf dem Papier aber steht ein Kapitalgewinn, eine sogenannte Plusvalenza. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen und so könnte Juve nach Calciopoli im Extremfall wieder ein Zwangsabstieg drohen.

Umbruch, neue Anführer gesucht, Chiesa-Aus und Fragezeichen Dybala

Dies hielt die Bosse aber nicht davon ab, im Winter das nachzuholen, was im Sommer nach Ronaldos Abschied verpasst wurde – um jeden Preis. Denn vom AC Florenz wechselte Top-Torjäger Dusan Vlahovic für 81,6 Millionen Euro zum Erzrivalen. (Bericht: Das ist Juves neuer Superknipser)

20 Tore, vier Vorlagen in 24 Spielen haben eben ihren Preis, erst recht in der Winter-Transferphase und vor allem, weil der Fiorentina Juves Sturm-Not in die Karten spielte! Zudem kam Gladbachs Denis Zakaria, der mindestens fünf Millionen Euro kostet.

Verlassen haben Turin dagegen Aaron Ramsey (ausgeliehen an Glasgow Rangers) und Mohamed Ihattaren (ausgeliehen an Ajax Amsterdam). Für Dejan Kulusevski und Rodrigo Bentancur, die sich beide Tottenham Hotspur anschlossen, kann die Alte Dame immerhin im besten Fall bis zu 60 Millionen Euro einstreichen.

Doch reicht das für den dringend benötigten Umbruch bei der Alten Dame? Allegri bevorzugt ein 4-4-2-System und könnte nun mit Vlahovic und Alvaro Morata eine torgefährlichere Doppelspitze aufbieten.

Dusan Vlahovic soll der neue Star im Sturm von Juventus Turin werden. Der Serbe wird mit Zlatan Ibrahimovic verglichen und begeistert die Serie A mit seinen Toren für die AC Florenz. Der Transfer ist Italiens Rekordmeister rund 70 Millionen Euro wert - ist der neue Juve-Torjäger wirklich so gut? Unser Moderator Conan Furlong stellt ihn euch vor.

Dusan Vlahovic soll der neue Star im Sturm von Juventus Turin werden. Der Serbe wird mit Zlatan Ibrahimovic verglichen und begeistert die Serie A mit seinen Toren für die AC Florenz. Der Transfer ist Italiens Rekordmeister rund 70 Millionen Euro wert – ist der neue Juve-Torjäger wirklich so gut? Unser Moderator Conan Furlong stellt ihn euch vor.

Damit die beiden Mittelstürmer aber zur Geltung kommen, braucht es eine funktionierende Flügelzange. Und hier liegt das Problem: Der trickreiche Rechtsaußen Kulusevski wurde überraschend abgegeben, Chiesa fällt mit seinem Kreuzbandriss bis zum Sommer aus.

Somit bleibt nur noch Bernadeschi übrig, denn Paulo Dybala und Weston McKennie sind keine gelernten Flügelspieler, müssten da aber wohl aushelfen. Diese Tatsache ließ einige italienische Fußball-Experten die Stirn runzeln.

Und wäre das nicht schon genug, stellt sich eine weitere Frage: Wer soll Juves uninspiriertem Offensivspiel neues Leben und Kreativität einhauchen?

Einen Pirlo, einen Pavel Nedved oder einen Zinédine Zidane sucht man vergebens im zentralen Mittelfeld der Turiner.

Locatelli und Zakaria haben ihre Stärken vor allem in der Defensive, Arthur und Adrien Rabiot haben jeweils nur einen Assist vorzuweisen, während McKennie immerhin noch auf vier Tore kommt, aber wegen seiner Dynamik wohl auf der Außenbahn aushelfen wird.

Fazit

Die Alarmglocken bleiben in Turin an, auch wenn Juve die vergangenen neun Partien ungeschlagen blieb und sich bis auf Rang fünf vorarbeiten konnte. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Serie A)

Allegri wird nichts anderes übrig bleiben, als die Defensive weiter stabil zu halten – nur fünf Gegentore in den letzten neun Partien – und darauf zu hoffen, dass Vlahovic auch im schwarz-weiß-gestreiften Trikot am Fließband trifft.

Größter Hoffnungsträger bleibt aber Vize-Kapitän Dybala: Der Argentinier soll endlich zum neuen Anführer aufsteigen.

In den vergangenen Jahren stand der Argentinier in Ronaldos Schatten und wurde immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Aktuell geht es aber bergauf: Elf Tore und vier Vorlagen in 23 Spielen sind schon doppelt so viele wie im Vorjahr.

Die Kapitänsbinde scheint Dybala beflügelt zu haben und das ist, was Juve jetzt genau braucht. Dann sollte seiner Vertragsverlängerung auch nichts mehr im Wege stehen.