Wenige Tage mischt Afonso Moreira erst bei Bayer Leverkusen mit, Probleme bei der Eingewöhnung scheinen trotzdem ausgeschlossen. Arm in Arm mit Nathan Tella schlenderte der Portugiese nach dem 4:0-Testspielsieg gegen den KRC Genk zu den wartenden Reportern. Beide lachend, beide offensichtlich immer wieder zu einem kleinen Scherz aufgelegt, wirkten sie auffallend vertraut, fast wie langjährige Freunde.

„Meine neuen Teamkollegen sind klasse. Schaut euch zum Beispiel Nathan an“, sagte Moreira in Richtung des 27-Jährigen: „Ein super Typ, ein toller Junge. Es ist leicht, mit ihnen zu arbeiten und sich mit ihnen zu connecten.“ Zufriedenheit sprudelte aus dem Neuzugang heraus, was wohl nicht zuletzt an seinem Dauergrinsen lag, das er seit seiner Ankunft quasi nicht mehr abgelegt hat. Dass sein Start bei der Werkself auch sportlich kaum besser hätte verlaufen können, dürfte ebenso positiv dazu beitragen.

Am Mittwoch stand der portugiesische U21-Nationalspieler, der im Juni für rund 30 Millionen Euro von Olympique Lyon nach Leverkusen gewechselt war, zum dritten Mal im Bayer-Trikot auf dem Platz – zum dritten Mal hinterließ er einen enorm bleibenden Eindruck. Nach seinem Doppelpack gegen die Sportfreunde Baumberg traf er sowohl gegen Kickers Offenbach als auch gegen Genk jeweils einmal. Dazu bereitete Moreira gegen den belgischen Erstligisten einen sehenswert herausgespielten Treffer von Torjäger Christian Kofane vor. Tella schwärmte anerkennend.

„Er ist wirklich sehr gut“, berichtete Tella über den bisher teuersten Sommertransfer des Klubs: „Ab dem ersten Training konnte man sehen, welche Qualität er mitbringt. Er ist mutig, sucht das Dribbling, geht konsequent ins Duell.“ Und lässt die Mitspieler staunen. „Es gab am Samstag in Offenbach Situationen, in denen er Dinge gemacht hat, bei denen wir nur dachten: Wow. Wir alle waren begeistert“, führte Tella aus: „Für sein Alter ist er außergewöhnlich weit und er wird immer besser. Es macht jetzt schon großen Spaß, mit ihm zusammenzuspielen.“

Bayer Leverkusen: Moreira spielte vor einem Jahr noch in der Drittklassigkeit 

Schon jetzt, in einer frühen Phase der Vorbereitung, in der Ergebnisse kaum mehr als Momentaufnahmen sind und die wirklich aussagekräftigen Belastungsproben noch bevorstehen, deutet sich an: Sportchef Simon Rolfes und die Kaderplaner könnten auf dem Transfermarkt einen Volltreffer gelandet haben. Denn der 21-Jährige erlebte in den vergangenen zwölf Monaten einen kometenhaften Aufstieg und gilt mittlerweile als absoluter Senkrechtstarter, dem auch in der Bundesliga viel zuzutrauen ist. Jedenfalls lassen seine ersten Auftritte erahnen, warum die Verantwortlichen bereit waren, tief in die Tasche zu greifen.

Dass sein Weg alles andere als geradlinig verlief, spielt da kaum mit rein. Moreira stammt aus der berühmten Akademie von Sporting Lissabon, jener Talentschmiede, die über Jahrzehnte hinweg Weltstars wie Cristiano Ronaldo oder Luís Figo hervorgebracht hat. Im August 2023 debütierte er unter Trainer Ruben Amorim als 18-Jähriger für die Profis. Der Durchbruch ließ allerdings erst auf sich warten. Um Spielpraxis zu erhalten, wurde er an Ligakonkurrent Gil Vicente verliehen. Während Sporting am Saisonende die Meisterschaft gewann, kämpfte der Flügelspieler vor allem darum, sich im Erwachsenenfußball zu behaupten.

Auch die folgende Spielzeit brachte nicht den ersehnten Durchbruch. Zwar sammelte Moreira Einsätze für die erste Mannschaft, stand mehrfach im Champions-League-Kader und durfte internationale Erfahrung sammeln. Doch die meiste Zeit verbrachte er bei Sportings Zweitvertretung in der dritten Liga, mit dieser er am Ende der Saison den Aufstieg feierte. Eine solide Entwicklung, mehr nicht. So schien es, bis Olympique Lyon auftauchte und den Youngster verpflichtete – mit erstaunlichem Erfolg. Nach einigen Kurzeinsätzen spielte sich Moreira rasch in den Vordergrund und war ab dem zehnten Spieltag praktisch gesetzt. In 37 Pflichtspielen schoss er acht Tore und bereitete elf weitere vor.

Dass dieser Prozess nicht hürdenlos war, beschreibt Moreira selbst ziemlich nüchtern. „Nach meinem Wechsel merkte ich, dass die Liga sehr stark und körperlich intensiv ist. Und ich fühlte mich ein bisschen schwach im Vergleich zu den anderen Spielern. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Vielleicht muss ich härter arbeiten als die anderen. Ich habe angefangen, Doppeleinheiten zu machen — um mich stärker zu fühlen, um mich besser zu fühlen“, offenbarte Moreira kürzlich. Die Rechnung ging auf, die Mühen zahlten sich aus. Seine Leistungen brachten ihm bei der renommierten Sportzeitung L’Équipe sogar einen Platz im Team der Saison ein.

Kann Moreira die Erwartungen erfüllen?

Wie schafft man es innerhalb eines Jahres von der dritten portugiesischen Liga über die Ligue 1 bis nach Leverkusen? Der Offensivspieler hat darauf eine recht simple Antwort: Mit „Disziplin“. Das Wort ist ihm auf den Arm tätowiert, auf dem Platz zeigt sich dieser Ansatz in zahlreichen Aktionen. Moreira, so wirkt es bisher, verbindet ein hohes Tempo und Dribbelstärke mit Spielintelligenz und einem ausgeprägten Blick für den besser positionierten Mitspieler. Interessant für Trainer Carles Martinez ist aber auch ein anderer Aspekt: Immer wieder arbeitet Moreira mit bemerkenswerter Konsequenz gegen den Ball. 

Beim Testspiel gegen Genk lieferte er dafür Beispiele. Sobald Bayer den Ball verlor, setzte Moreira den Gegner unter Druck. Kaum gewannen die Rheinländer die Kugel zurück, bot sich der Neuzugang an. Er fordert Bälle, sucht Räume und denkt nach Ballannahmen fast immer in Richtung gegnerisches Tor – eine Spielweise, deren Grundstein er in seiner Ausbildung bei Sporting gelegt sieht. Diese sieht er als eine der besten überhaupt  an. All die Weltklassespieler, die dort vor ihm ausgebildet wurden, dienen ihm eigenen Aussagen nach als Orientierung. Sein Ziel ist es, irgendwann auf demselben Niveau anzukommen.

Klar ist: Der Weg bis dahin ist weit. Vor dem Tor darf der Flügelspieler noch entschlossener werden. Primär wird es aber entscheidend sein, seine Leistungen über Monate hinweg zu bestätigen. Doch die Voraussetzungen dafür bringt er augenscheinlich mit. Tempo, Mut, Technik und Mentalität sind vorhanden. Genauso wie ein gewisser Erwartungsdruck, den seine ersten Auftritte und die Ablösesumme von rund 30 Millionen Euro auslösen. Bisher spricht allerdings vieles dafür, dass Moreira mit allem umgehen kann.