Ob diese Renntaktik von Émilien Jacquelin vollends durchdacht war? Wohl eher unwahrscheinlich. Um die sehr mäßigen Ergebnisse des Saisonauftakts zu kontern, hatte sich der Franzose für den abschließenden Massenstart in Lenzerheide besonders viel vorgenommen. Von Beginn an setzte der viermalige Titelträger bei Weltmeisterschaften die Konkurrenz mächtig unter Druck, zog die ersten beiden Liegendschießen gnadenlos und fehlerfrei durch.
Auch auf der Strecke warf der Mann aus Grenoble alles in die Waargschale, lief zwischendurch weit über seinen Verhältnissen und war sogar schneller als die übermächtigen Norweger um Johannes Thingnes Bö unterwegs. Doch es kam wie es kommen musste: Zur Rennhalbzeit gingen Jacquelin die Körner aus. Zwei Schießfehler im Stehendanschlag gesellten sich zu allem Überfluss hinzu – daher stand für den lange forsch agierenden Franzosen am Ende lediglich Rang 13 zu Buche. Wieder kein Podest.
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Seiner missglückten Flucht versuchte Jacquelin trotzdem etwas Positives abzugewinnen. „Ich ziehe es vor, es zu versuchen und zu wagen, indem ich das Rennen an mich reiße“, sagte der 28-Jährige. Allein das gab ihm ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit. Dabei stand Jacquelins kapitaler Einbruch vielmehr symbolisch für die schwache Gesamtleistung, die das französische Männerteam im bisherigen Winter gezeigt hat.
Franzosen so schlecht wie seit 27 Jahren nicht mehr
Nach drei Weltcup-Stationen und acht Einzelrennen hat das erfolgsverwöhnte Team noch keinen einzigen Podestplatz eingefahren – ein historisch schlechter Start. Die besten Ergebnisse: zwei sechste Plätze. Jacquelin erzielte einen bei der Verfolgung in Hochfilzen, sein Teamkollege Quentin Fillon Maillet schaffte das gleiche Resultat beim Jagdrennen in Lenzerheide.
Ansonsten suchten fachkundige Biathlon-Fans vergebens nach Franzosen in den vorderen Regionen. Und das, obwohl die sonst so erfolgsverwöhnte Mannschaft eigentlich aus mehreren Spitzenathleten besteht. Jacquelin hat neben seinen vier WM-Goldmedaillen immerhin schon zehn Weltcup-Rennen gewonnen. Fillon Maillet sicherte sich neben dem Gesamtweltcup 2021/22 noch fünfmal olympisches Edelmetall, davon zweimal Gold.
Auch Fabien Claude, Éric Perrot sowie Antonin Guigonnat haben im Grunde ein enormes Potential, können es aktuell aber nicht ausschöpfen – und sind damit für eine heftige Schlappe mitverantwortlich. Seit 27 Jahren, genauer seit der Saison 1996/97, gab es den Fall, dass nach acht Rennen kein Franzose auf dem Podium stand, nicht mehr.
Schießleistung als große Schwäche der Franzosen
Was deswegen nicht mehr wegzudiskutieren ist: Das französische Team steckt in einer Krise. Auch der aktuelle Stand im Gesamtweltcup bestätigt dies. In den Top-Ten tummeln sich ausschließlich Norweger, Deutsche und Schweden. Fillon Maillet ist da als bester Franzose bereits weit abgeschlagen – auf Platz 14. Was aber sind die Auslöser für diesen Holperstart?
Zwar ist Biathlon ein Einzelsport, doch der Erfolg seiner Protagonisten lebt auch von der Dynamik innerhalb einer Gruppe. Wenn niemand da ist, der das Niveau hebt und die anderen anstachelt, wird es oft schwer. Hat einer der Leader Probleme, wirkt sich das womöglich auch auf den Optimismus und die Selbstsicherheit der anderen aus, gerade beim mental so anspruchsvollen Schießen.
Und da klemmt es bei den Franzosen gewaltig. Ist die schwächelnde Mannschaft nämlich auf der Loipe oft einigermaßen in Schlagdistanz, werfen die Athleten bessere Resultate in hoher Regelmäßigkeit am Schießstand weg. Perrot weist mit einer Trefferquote von 84,62 Prozent teamintern noch den stärksten Wert auf, liegt im internationalen Vergleich jedoch nur auf dem 45. Rang.
Wann bricht bei Fillon Maillet und Co. der Bann?
Noch eklatanter sehen die Statistiken bei den beiden Aushängeschildern Fillon Maillet und Jacquelin aus. Landen bei Fillon Maillet wenigstens 83,08 Prozent der Schüsse im Ziel, sind es bei Jacquelin gerade noch 80 Prozent – der diesbezüglich auf einem alarmierenden 92. Platz liegt. Im Umkehrschluss heißt das: Durchschnittlich geht es nach jedem Schießen einmal durch die Strafrunde.
Damit sollte klar sein: Wenn die Franzosen am Schießstand in dieser Art und Weise weitermachen, dürften Podestplätze auch nach dem Jahreswechsel schwierig werden. Zu dominant und souverän treten speziell die Norweger auf, die mit Johannes Thingnes und Tarjei Bö, Johannes Dale-Skjevdal, Endre Strömsheim und Sturla Holm Laegreid die ersten fünf Plätze im Gesamtweltcup belegen.
Als die Franzosen vor 27 Jahren zum letzten Mal in einer ähnlichen Krise waren, dauerte es übrigens bis Ende Januar, ehe beim zwölften Rennen des Winters das erste Podest folgte. Damals ließ „Mister Weltcup“ Raphael Poirée die Équipe Tricolore aufatmen. Es sollte allerdings das einzige französische Top-3-Resultat gesamten Saison bleiben.