Er zählt zu den besten deutschen Biathleten und hat sich auch für die Olympischen Winterspiele in Peking einiges vorgenommen. (NEWS: Alles zum Biathlon)

„Man möchte schließlich eine Medaille erreichen“, sagt Benedikt Doll, der bei Olympia 2018 in Pyeongchang in der Verfolgung sowie mit der Staffel Bronze gewann, im exklusiven SPORT1-Interview.

Dass der 31-Jährige, der in Ruhpolding mit Vanessa Hinz (wie auch Janina Hettich mit Erik Lesser) bei der traditionellen World Team Challenge der Biathleten (Di., ab 18.15 Uhr im Liveticker) für den ersten deutschen Sieg seit 2016 sorgen will, nach wie vor reichlich Luft nach oben hat, was die Weltcup-Platzierungen angeht, mag Doll nicht überbewerten.

Der Routinier, der neuerdings als Markenbotschafter für den schwedischen Getränkehersteller Vitamin Well (www.vitaminwell.de) fungiert, spricht im Interview auch über China und die damit verbundene politische Brisanz, das IOC um Präsident Thomas Bach sowie die Impfdebatte um Bayern-Star Joshua Kimmich.

Biathlon: Benedikt Doll im Interview

SPORT1: Herr Doll, beim Weltcup in Hochfilzen haben sich die deutschen Biathleten mit dem erster Weltcup-Sieg durch Johannes Kühn in der Weltspitze zurückgemeldet. Wo stehen die deutschen Biathleten denn aber wirklich aktuell?

Benedikt Doll: Es ist nur ein kleines Rädchen, das sich noch nicht so ganz reibungslos dreht. 90 Prozent laufen gut, bei mir haben zuletzt auch immer nur Kleinigkeiten gefehlt. Umso schöner aber natürlich, dass bei Johannes Kühn zuletzt nun alles voll aufgegangen ist. Wir brauchen uns jedenfalls vor niemandem zu verstecken, läuferisch haben wir im gesamten Team einen Schritt nach vorne gemacht. Wir schießen richtig gut, und dieses Niveau müssen wir auch bringen. Wir sind positiv gestimmt.

SPORT1: War dieser Sieg von Kühn also eine Initialzündung? (alle Biathlon-Rennen im SPORT1-LIVETICKER)

Doll: So etwas motiviert sicherlich. Bei mir waren es allein die drei Fehler im Liegendschießen, die mir das ganze Wochenende verhagelt haben. Aber so ist eben Biathlon. Du hast viele Elemente und es muss alles passen. Es ist aber beruhigend, wenn man sieht, man kann auch ganz vorne laufen – wie bei Johannes Kühn.

SPORT1: Woran müssen Sie nun konkret arbeiten?

Doll: Ich muss mich noch etwas eingrooven. Vor allem beim Laufen braucht es noch ein paar Wettkämpfe. Dann bin ich mir auch sicher, dass es noch besser wird. Am Schießstand muss ich das machen, was ich kann und voll konzentriert sein. Ich muss also nicht wirklich an etwas arbeiten, sondern die Elemente zusammenbekommen.

SPORT1: Was machen Sie denn anders als im vergangenen Winter? (Biathlon-Weltcup: Kalender der Saison 2021/22)

Doll: Ich habe immer schon versucht, das ein oder andere Mindset-mäßig zu analysieren, was auch Drucksituationen angeht. Viel geht über Autodeskription, sich also selbst Mut zu machen, daraus Selbstvertrauen aufzubauen. Das kommt aber auch automatisch mit der Erfahrung. Manchmal muss man auch bewusst einmal nichts machen und sich nur auf eine Sache konzentrieren. Einfach mal innehalten, sich beruhigen und an nichts denken, was man in den Wettkampf nehmen könnte. Das hört sich einfacher an, als es ist.

Doll über die Olympischen Spiele in Peking

SPORT1: Mit welchen Gefühlen fahren Sie denn dann zu den Olympischen Spiele nach China – auch mit Blick auf dortige Menschenrechtsverletzungen und der brisanten politischen Dimension? (Biathlon: Weltcup-Stände)

Doll: Dass die Olympischen Spiele auch ein hochpolitisches Thema sind, das braucht man nicht unter den Tisch zu kehren. Ich bin ehrlich gesagt auch absolut kein Fan davon, die Spiele an ein Land zu vergeben, wo solche Problematiken auftreten. Aber wenn ich vier Jahre meines Lebens dafür investiere, ist das einfach ein Highlight und dann möchte ich aus sportlicher Sicht teilnehmen und um Medaillen kämpfen. Es ist zwar traurig, aber das ist für mich ein Versäumnis des IOC. Einen Boykott sehe ich aus sportlicher Sicht kritisch.

SPORT1: Heißt also, dass das IOC von Anfang an eine andere Auswahl hätte treffen müssen?

Doll: Ich finde das IOC muss solche Themen intensiver in Entscheidungen miteinbeziehen. Was auf der anderen Seite festzuhalten ist: Als es in Deutschland Pläne gab, Winterspiele auszurichten, hatte eine Volksbefragung ergeben, dass die meisten dagegen waren (Bürgerentscheid 2013 über die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2022, Anm. d. Red.). Da muss man sich dann also auch mal an die eigene Nase fassen. Wenn wir die Spiele nicht wollen, dann gehen sie eben an andere Länder. Da kommen wir nun zu einer grundlegenden Diskussion, welchen Stellenwert der Sport noch in der Gesellschaft hat. Da hatte ich in den letzten Jahren das Gefühl, dass der Sport nicht mehr so begeistert wie in anderen Ländern. Selbst in den Bundesländern hierzulande merkt man gravierende Unterschiede.

Das IOC hat den Ausrichter der Olympischen Sommerspiele 2032 verkündet. Die Spiele werden in Australien stattfinden.

Das IOC hat den Ausrichter der Olympischen Sommerspiele 2032 verkündet. Die Spiele werden in Australien stattfinden.

SPORT1: Man hat manchmal das Gefühl, dass sich Sportler schwer damit tun, sich zu politischen Dingen und Kontroversen zu äußern. Woran liegt das?

Doll: Ich denke, das ist ein sehr individuelles Thema. Manche haben Lust, sich darüber zu äußern, manche nicht. Wenn sich ein Sportler zu viel mit so etwas beschäftigt, kann es sein, dass Experten einem das Gegenteil beweisen und so stark argumentieren, dass man als Sportler nicht mithalten kann. Ich mache mir Gedanken, aber ich will es auch nicht übertreiben. Das kostet nämlich auch Ressourcen, die ich lieber anders investiere.

Das denkt Doll über Kimmich und die Impfdebatte

SPORT1: Lassen Sie uns beim Thema öffentliche Meinung und Debatte auf das Beispiel Joshua Kimmich kommen. Kimmich hat seinen Standpunkt zum Thema Impfen nun geändert. Kann man seinen Standpunkt als Sportler derart ändern ohne Gesichtsverlust, oder ist man dann das Fähnlein im Wind?

Doll: Karl Lauterbach (Bundesgesundheitsminister, Anm. d. Red.) hat das ganz gut getroffen. Sinngemäß hat er gesagt: Wenn sich die Symptome ändern, muss man auch die Behandlung anpassen. Auf Kimmich übertragen, möchte ich sagen: Ich bin kein Fan davon, dass jemand bis zum Ende seinen Stolz bewahren und seine Einstellung behalten muss, wenn er einmal etwas gesagt hat. Ich finde: Wenn sich die Ausgangslage und die eigene Ansicht dazu geändert haben, dann muss das auch akzeptiert werden. Das ist für mich ein Zeichen von Intelligenz. Ich finde es dumm, auf einer Aussage zu beharren, die ich vor vielen Jahren getroffen habe, um mein Gesicht zu bewahren.

Der Star des FC Bayern bestätigt jetzt, dass er sich gegen Corona impfen lassen will. Gesundheitsminister Karl Lauterbach zollt Respekt.

Der Star des FC Bayern bestätigt jetzt, dass er sich gegen Corona impfen lassen will. Gesundheitsminister Karl Lauterbach zollt Respekt.

SPORT1: Kimmich ist beim FC Bayern Mannschaftssportler, so wie auch Sie Teil eines Teams sind, wenn Sie in der Staffel unterwegs sind. Wir würden Sie damit umgehen, wenn in Ihrer Riege jemand von einer Impfung absähe und damit auch nicht berechtigt wäre, mit Ihnen an den Start zu gehen?

Doll: Da wäre ich ganz entspannt und würde sagen, das ist die persönliche Sache des Sportlers, wenn er das ganze Jahr trainiert und dann nicht teilnehmen will, weil er sich nicht impfen lassen will.

SPORT1: Jemand wie Kimmich würde nicht das Etikett unsolidarisch tragen?

Doll: Wir sind sehr tolerant und derjenige hätte dann auch genug Probleme in unserem Sport. Wenn man durch so viele Länder reist, ist es ein Graus, nicht geimpft zu sein. Das würde niemand machen – schon allein aus diesem Grund. Aber darüber hinaus haben wir aktuell ein sehr schlagkräftiges Team. Wenn einer ausfällt, haben wir Ersatz, da mache ich mir keine Sorgen.

Christian Paschwitz, Jahrgang 1976, volontierte einst Ende der Neunziger bei der Deister- und Weserzeitung in Hameln und war dort auch lange Redakteur. 2004 dann Wechsel als Redakteur zur Leine-Zeitung,...