Alexander Zverev hat in diesem Jahr schon einmal bewiesen, dass er sich neu erfinden kann. Er hat sich in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel geholt und unterwegs alte Dämonen vertrieben. In Wimbledon legte er nach und gewann gegen Taylor Fritz ein Duell, das ihm etliche Male großes Kopfzerbrechen bereitete.

Zur Belohnung steht er am Sonntag nun im Wimbledon-Finale gegen Jannik Sinner, dem ersten Endspiel seiner Karriere auf dem heiligen Rasen – und einem, das noch vor einigen Wochen kaum vorstellbar war (Wimbledon 2026 täglich im LIVETICKER). „Dieser Grand Slam war immer der, bei dem ich am meisten zu kämpfen hatte“, sagte er selbst.

Alexander Zverev misst sich mit Yannick Sinner
Alexander Zverev misst sich mit Yannick SinnerAlexander Zverev misst sich mit Yannick Sinner© IMAGO/Shutterstock

Wer Zverev in diesem Jahr zuschaut, sieht einen Spieler, der anders auftritt als noch vor zwölf Monaten. Er agiert offensiver, sucht das Angriffstennis viel früher im Ballwechsel. Im Halbfinale gegen die britische Wildcard Arthur Fery schlug er trotz des glatten Dreisatzsieges stolze 44 Winner.

Bei Zverev hat sich mental etwas verändert

Die Vorhand, lange sein wunder Punkt, zieht er nun viel entschlossener durch. Und sein Aufschlag ist sowieso besser denn je – kombiniert mit einer starken Quote bei ersten Aufschlägen, macht ihm darin aktuell kaum jemand etwas vor.

Auch mental hat sich bei ihm etwas verändert. Dass er gegen Fritz, der ihn zuvor sieben Mal in Serie geschlagen hatte, endlich wieder besiegte, zeigt, dass Zverev nun auch für ihn knifflige Matchups gewinnen kann. Und so könnte man denken, dass der Niederlagenserie gegen Sinner auch keine größere Bedeutung beizumessen ist – doch das ist ein Trugschluss.

Denn Zverevs Niederlagen gegen Fritz kamen oft nach sehr engen Partien, wenige Punkte gaben den Ausschlag. Zudem kamen fast alle in einem Zeitraum, in dem er selbst ein wenig auf Formsuche war und nicht das diesjährige Offensivtennis zeigte. Lediglich das Duell in Halle fand in diesem Jahr statt. Er verlor knapp. Womöglich auch, weil sich der Diabetiker aufgrund eines Anzeigefehlers zu viel Insulin gespritzt hatte.

Für den Kopf waren diese Niederlagen also leichter zu verarbeiten im Rückblick. Sich gegen Sinner etwas Ähnliches einzureden, wird deutlich schwieriger. Denn der Südtiroler ist der eine Kontrahent, gegen den auch der neue, offensiver spielende Zverev bislang keine Antwort fand und teils richtig empfindliche und deutliche Niederlagen einstecken musste.

Zverev im Wimbledon-Finale: Das schwierigste Matchup seiner Karriere

Sinner ist auch jener Gegner, an dem Zverev letztmals in einem Grand-Slam-Finale zerschellte – bei den Australian Open 2025. Danach sagte der Deutsche bei der Siegerehrung den bemerkenswerten Satz, er sei „einfach nicht gut genug“.

Zwar zog er diesen Satz später wieder zurück – doch auch wenn dieser sicher auch aus der Enttäuschung gefallen war, drückte er aus, wie sich Zverev in diesen Duellen mit Sinner teils fühlte. Hilflos. Das Matchup mit Sinner ist für Zverev, dessen Duelle mit Alcaraz oft deutlich ausgeglichener verlaufen, das mit Abstand schwierigste seiner Karriere.

Die vergangenen neun direkten Duelle hat er allesamt verloren – und oft war es nicht einmal knapp. So ging das letzte Final-Duell der beiden in Madrid mit 6:1, 6:2 an Sinner. Dabei war vor dem Match noch erwartet worden, dass die Bedingungen in der Madrider Höhe Zverevs Spiel sogar entgegenkommen.

In Wimbledon wirkte Sinner lange auch nicht in seiner üblichen Form. Nach seiner Zweitrunden-Pleite bei den French Open kam der Italiener ohne echten Rhythmus nach England, seine Vorhand wirkte über weite Strecken nicht annähernd so zielsicher wie gewohnt, nur der Aufschlag trug ihn recht zuverlässig durch das Turnier.

Sinner rechtzeitig zum Wimbledon-Finale wieder der Alte

Doch wer hoffte, dass Zverev auf einen unsicheren Sinner treffen würde, sah sich im Halbfinale gegen Novak Djokovic eines Besseren belehrt. Sinner zeigte jene Form, die ihn in Abwesenheit von Carlos Alcaraz zum in diesem Jahr mit Abstand besten Spieler machte.

Sinners Aufschlag war selbst für den besten Returnspieler der Tennisgeschichte nahezu unantastbar – als Djokovic sich einen Breakball erspielte, antwortete Sinner mit einem Ass. Noch viel wichtiger für Sinner aber – er war von der Grundlinie fast wieder ganz der Alte: Abseits ein paar Vorhand-Fehler agierte er weitgehend konsequent, druckvoll, präzise.

Jannik Sinner will seinen Wimbledon-Titel verteidigen
Jannik Sinner will seinen Wimbledon-Titel verteidigenJannik Sinner will seinen Wimbledon-Titel verteidigen© IMAGO/ABACAPRESS

Sinner war wieder genau jener Sinner, der für Zverev in den vergangenen neun Duellen zum unüberwindbaren Hindernis geworden war. Jener Sinner, der durchaus Ähnlichkeiten in seinem Spiel aufweist, aber keine wirklich Schwachstelle aufweist, die Zverev attackieren kann.

Während gegen einen Alcaraz in dessen unkonzentrierten Phasen durchaus ein Break möglich ist, ist Sinner beim Aufschlag ebenso schwer zu knacken wie Zverev selbst. Das erhöht den Druck auf Zverevs eigene Aufschlagspiele, womit dieser nicht immer umgehen konnte.

Zverev kann Geschichte schreiben

Eine Sache ist diesmal jedoch anders: Zverev geht das Duell erstmals als Grand-Slam-Sieger an. Die Frage wird sein: Wischt diese Tatsache allein die Erinnerungen an die vergangenen Pleiten weg? „Es wird nicht einfach“, sagte Zverev: „Aber ich muss mir vertrauen und daran glauben, dass ich gewinnen kann.“

Immerhin bedeutet das Kräftemessen auf Rasen Neuland, also ist zumindest dort die Bilanz noch ausgeglichen. Doch ein guter Start wird wichtiger denn je sein. Gerät Zverev früh klar in Rückstand, werden wohl unweigerlich die Gedanken an vorherige Duelle hochkommen.

Nach seinem Sieg in Paris sagte Zverev auf der Pressekonferenz zumindest sinngemäß, er könne jetzt anders in Endspiele gehen – verliert er, ist er trotzdem immer noch Grand-Slam-Champion. Der Druck, der ihn in früheren Finals lähmen konnte, sei daher ein Stück weit verschwunden.

Ab 17 Uhr wird sich zeigen, ob er diesen Worten auch Taten folgen lassen kann und der offensivere sowie mental entspanntere Zverev tatsächlich stark genug ist, um seinen größten Angstgegner erstmals seit 2023 zu bezwingen.