Die Freude über seinen Statement-Sieg war Remco Evenepoel nach der schweren 15. Etappe deutlich anzumerken. Der Belgier genoss das Gefühl, es all seinen Kritikern bewiesen zu haben, die regelmäßig prophezeiten, dass er auf den schweren Bergetappen Zeit gegen die besten Kletterer des Feldes verlieren werde.
„Es ist unglaublich. Ich bin erfüllt von Emotionen. Es war ein höllischer Tag mit einem harten Start und ich habe mich zunächst richtig schlecht gefühlt, aber es wurde dann immer besser. Ihr müsst verstehen, dass ich mit dem besten Fahrer aller Zeiten gefahren bin. Für mich ist es ein großer Schritt nach vorne, mit dieser Pace mitgehen zu können und die Etappe zu gewinnen. Es war eine verrückte Pace. Ich habe so viel Kritik bekommen, dass ich keine schweren Anstiege überleben kann und jetzt fühlt es sich großartig an“, verspürte Evenepoel eine große Genugtuung.
Würdigt Evenepoel die Leistungen seiner Kollegen zu wenig?
Während er seine eigene Leistung in den Vordergrund stellte, blieb bei Holger Gerska nicht unbemerkt, dass seine Teamkollegen für ihre Vorarbeit kein Lob abbekommen haben.
„Das ist das erste Mal, seitdem ich denken kann, dass es einer schafft, in drei Minuten nicht ein einziges Mal sein Team zu erwähnen. Ich, ich, ich, ich… ich habe trainiert, ich kann jetzt mit den besten der Welt mitfahren“, stichelte der ARD-Journalist im Podcast Tourfunk, der sich aber sowohl kritisch als auch beeindruckt zeigte: „Man muss ihn ja eigentlich dafür mögen, so auf sich selbst konzentriert zu sein. Vielleicht ist er deswegen so gut wie er ist“.
Das Team habe eine „überragende Rolle gespielt“, um ihren Leader in Position zu bringen. „Er hätte es irgendwo unterbringen können, aber so ist er halt“, legte Gerska nach. Als absolutes Gegenstück nannte er Ex-Sprinter André Greipel. „Er hat nichts anderes gesagt, außer das ganze Team dafür verantwortlich zu machen, dass er gewinnt. Er selbst spielt nur eine ganz kleine Rolle“, stellte er einen Vergleich auf.
Tour de France: Lipowitz erweist sich als Teamplayer
Im Verlauf der diesjährigen Tour zeigt sich insbesondere Florian Lipowitz als Teamplayer. Selbst wenn der Deutsche im Vergleich zu seinem Kollegen selbst Zeit verliert – wie auf der 15. Etappe – stellt er in den Interviews den Erfolg des Teams stets in den Vordergrund.
„Ich bin super happy, dass Remco die Etappe gewinnen konnte. Für unser Team ist es ein Riesenerfolg. Es war einfach gut zu sehen, dass er heute die Beine dafür hatte und da können wir ganz zuversichtlich sein. Auch mit dem Zeitfahren am Dienstag, was ihm normalerweise liegen sollte. Da sind wir auf einem guten Kurs“, zeigte er sich im ARD-Interview positiv gestimmt. Interessant ist dabei, dass Lipowitz meist aus der „Wir-Perspektive“ und weniger aus der „Ich-Perspektive“ spricht.
Sogar wenn er auch selbst noch Chancen auf das Tour-Podium hat, kann er sich damit abfinden, nun von der Co-Leader mehr in die Helferrolle zu rücken. „Wir müssen im Team darüber reden, aber ich glaube, dass es darauf hinauslaufen wird“, machte er deutlich. Trotz allem sei er „soweit ganz happy“ mit dem Verlauf.
„Ich glaube einfach, dass das größte Ziel für uns ist, auf dem Podium jemanden zu haben und wenn es gut läuft, sogar einen Zweiten“, deutete er seine eigenen Ambitionen zwar an, erklärte aber auch, dass er für seinen Kollegen fahren werde. „Ich nehme mich da selber auch zurück“, so der aktuelle Tour-Fünfte.
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Lipowitz und Evenepoel profitieren voneinander
So unterschiedlich die Außendarstellung von Evenepoel und Lipowitz auch sein mag, sei jedoch festzuhalten, dass sie auf der Strecke inzwischen immer besser harmonieren, nachdem es zum Tour-Start mal kurz gekracht hatte.
„Die zwei haben sich extrem fair zueinander verhalten. Remco Evenepoel hat keinen Zentimeter die Führungsarbeit übernommen und Florian Lipowitz hat keinen Zentimeter etwas getan, um Paul Seixas näher an Evenepoel heranzubringen. So macht man das. Es ist ganz sauber zwischen den beiden gelaufen“, betonte ARD-Experte Fabian Wegmann im Tourfunk-Podcast.
Tatsächlich blieb Evenepoel stets hinter Pogacar und Del Toro und schlug erst im Zielsprint zu, während Lipowitz mit rund einer Minute Rückstand stets im Schlepptau von Seixas blieb. Beide bewegten sich jedoch am Limit und dürften froh darüber gewesen sein, dass sie das Tempo ihrer Vordermänner überhaupt mitgehen konnten.
Bereits auf der 14. Etappe profitierte Evenepoel davon, dass Lipowitz vor der letzten Abfahrt nochmal aufschließen und die Tempoarbeit übernehmen konnte. Wenige Tage zuvor holte der Deutsche Trinkflaschen für Evenepoel, als kein anderer Teamkollege mehr in der vorderen Gruppe vertreten war.
Evenepoel liegt in der Gesamtwertung fünf Minuten hinter Pogacar auf Rang zwei, Lipowitz folgt mit weiteren 1:48 Minuten Rückstand auf Platz fünf.