Red Bull-Bora-Hansgrohe setzt bei der Tour de France auf eine Doppelspitze – doch schon vor dem Start wird deutlich, wie unterschiedlich die beiden Rad-Stars Florian Lipowitz und Remco Evenepoel ticken. Als Co-Leader sollen sie sich gegenseitig stützen, in der gemeinsamen Medienrunde zeigten beide aber ein konträres Auftreten.

Der eine präsent, dominant, mit dem Mikro fast als Dirigent. Der andere zurückhaltend, mit kurzen Antworten und sichtbarer Anspannung.

Wie klappt das Zusammenspiel zwischen Evenepoel und Lipowitz?
Wie klappt das Zusammenspiel zwischen Evenepoel und Lipowitz?Tour de France 2026 Media Activities 02 07 2026 BARCELONA, SPAIN – JULY 02 : Evenepoel Remco (BEL) of Red Bull BORA Hansgrohe, Lipowitz Florian (GER) of Red Bull BORA Hansgrohe speaking with the media during a press conference, PK, Pressekonferenz prior to the 113rd edition of Tour de France 2026, on July 2, 2026 in Barcelona, Spain, 02 07 2026 Barcelona Spain PUBLICATIONxNOTxINxFRAxBEL Copyright: xPeterxDexVoechtx© IMAGO/Photo News

Sportlich ist die Rollenverteilung auf dem Papier klar: Evenepoel, der 26-jährige Belgier, bringt das größere Zeitfahr-Potenzial mit. Dies könnte gleich zum Tour-Start relevant werden, denn der Auftakt erfolgt mit einem Mannschaftszeitfahren in Barcelona (Samstag, ab 17:05 Uhr im LIVETICKER). Ein solches Format gab es zum Tour-Start noch nie. Genau dort könnte Evenepoel früh Druck auf die Hierarchie ausüben – zumal die einzelnen Zeiten der Rad-Stars in die Wertung eingehen.

Die große Frage: Agieren die beiden zum Auftakt als Einheit oder kommt es zum großen Schlagabtausch? In der Medienrunde wirkte Evenepoel bei Nachfragen zu Lipowitz eher genervt.

„Wir müssen nicht voneinander lernen, gerade weil wir unterschiedliche Menschen sind. Wir müssen einfach wir selbst bleiben. Das ist, als würde ich zu Ihnen sagen: ‚Was wollen Sie von diesem anderen Journalisten lernen?‘ Heißt das, Sie sind ein schlechter Journalist?“, reagierte der Belgier etwas dünnhäutig.

Zwei Leader, zwei Welten

Lipowitz hat im Vergleich zu Evenepoel wohl leichte Vorteile in den Bergen. Zudem spricht seine starke Tour de France im Vorjahr für den Deutschen. Lipowitz fuhr als Dritter aufs Podium und gewann das Weiße Trikot, während Evenepoel die Rundfahrt aufgeben musste. Im März stand Lipowitz zudem bei der Volta a Catalunya auf dem Podium, Evenepoel wurde Gesamt-Fünfter.

Die Teamführung hatte die Doppelrolle im Dezember festgezurrt, was für Lipowitz allerdings auch einen Vorteil bietet. „Wir sind ziemlich unterschiedlich. Ich bin mit den Medien nicht unbedingt sehr vertraut, deshalb bin ich froh, dass wir es ein bisschen so machen können wie mit Primoz (Roglic, 2025). So kann ich mich auf mich konzentrieren. Ich freue mich darauf, an der Seite von Remco zu fahren“, machte Lipowitz deutlich.

Fraglich nur, ob dies auch im Verlauf der Tour so bleibt. Immerhin ist es die erste ganz wichtige Rundfahrt mit beiden als Team-Leader.

Dass Zusammenarbeit funktionieren kann, zeigte ihr gemeinsamer Frühjahrs-Test nur bedingt – aber er zeigte sie. Nach Evenepoels Sturz in Katalonien ordnete sich der Belgier ein: „Wir mussten die Herangehensweise ändern und uns opfern, das ist gut ausgegangen“, erklärte dieser. Lipowitz lobte seinen Kollegen mit deutlichen Worten: „Remco war unglaublich, ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll“.

Tour de France: Lipowitz zeigt sich auf dem Rad angriffslustig

Lipowitz präsentiert sich in den Medien bodenständig und wenig dominant. Dies heißt aber nicht, dass er im Duell mit Evenepoel auch auf dem Rad die Statisten-Rolle übernimmt. Der Ex-Biathlet hat bei der letzten Tour bewiesen, dass er zwar zahm und überlegt am Mikrofon agiert, nicht aber auf der Strecke selbst.

Auf der 18. Etappe attackierte der Deutsche in der Favoritengruppe und distanzierte unter anderem den als Leader in die Tour gestarteten Roglic. Letztlich musste er für seine Tempoverschärfung aber büßen.

„Lipowitz behauptet, ein „Teamplayer“ zu sein, was auch durch sein zurückhaltendes Temperament nahegelegt wird, doch seine Rennweise deutet auf ein begrenztes taktisches Gespür hin“, kritisierte die französische Zeitung L’Équipe den 25-Jährigen. Lipowitz mag zwar ein bescheidener Typ sein, auf der Strecke sucht er jedoch den maximalen Erfolg.

Tour de France: Gibt es nur Platz für einen?

Selbiges gilt für Evenepoel. Kurz vor dem Start machte der zweifache Olympiasieger aus dem Jahr 2024 klar, wie hoch er die Messlatte legt: Er will eine Etappe gewinnen – und am Samstag möglichst direkt ins Gelbe Trikot fahren. Und er weiß, wohin jede Nachfrage zielt: „Ich weiß, was ihr hören wollt, dass ich am Ende auf dem Podium stehen will und Florian dann das Gleiche sagt.“

Klar dürfte sein: Am Ende der Rundfahrt in Paris ist auf dem Podium wohl nur Platz für einen der beiden. Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard gehen schließlich als Top-Favorit und Herausforderer Nummer eins in die Frankreich-Rundfahrt.