Jonas Vingegaard macht seine Sache definitiv herausragend gut, auf dem Fahrrad und auch wenn er nicht im Sattel sitzt. Zum Beispiel auch, wenn es ums Beantworten kritischer Fragen geht.

Doping? Ja, sehr berechtigte Frage, ist da immer wieder der Tenor des nun zweimaligen Siegers der Tour de France und großen Triumphators im Duell mit Rivale Tadej Pogacar. Gut, dass Journalisten und andere Beobachter diese Fragen stellen würden. Man würde auch etwas falsch machen, würde man sie nicht stellen, vor dem Hintergrund all der Dinge, die im Radsport schon passiert sind.

Der dänische Dominator vom niederländischen Top-Team Jumbo-Visma macht immer wieder einen grundvernünftigen Eindruck, wenn er über das Thema redet – um dann selbstverständlich zu versichern, dass es ihm persönlich fernliege.

Sein Chef Richard Plugge flankierte das Ehrenwort mit der Neuigkeit, dass Vingegaard auch die-– von Jumbo-Visma generell offen eingestandene Einnahme – von legalen Ketonpräparaten für sich ablehne. Verbunden mit Attacken auf die teils skeptische Konkurrenz, deren Unterlegenheit er auch mit Mängeln in Sachen Professionalität und Akribie erklärte.

Vingegaard wiederum ging so weit zu sagen: „Ich kann es mit der Hand auf dem Herzen sagen: Ich nehme nichts und ich werde nichts nehmen, was ich nicht meiner zweijährigen Tochter geben würde.“

Doping-Vergangenheit des Radsports macht es schwierig

Kann man der offensiver als bislang formulierten Ehrenerklärung glauben?

Schön wäre es in jedem Fall, gerade jetzt, wo die Tour ihren Fans das spannendste Duell seit Jahrzehnten liefert und unter Kennern freudige Erinnerungen an die großen sportlichen und persönlichen Dramen zwischen Anquetil und Poulidor, Fignon und LeMond und – tja – Ullrich und Armstrong weckt.

Das Problem dabei ist nur: An all diesen Duellen war je mindestens ein Doper beteiligt, fast alle Tour-Ikonen der Vergangenheit sind belastet, sowie auch viele hinter den Kulissen immer noch aktive Protagonisten der Szene. Und kann es nun tatsächlich sein, dass ausgerechnet die beiden größten Ausnahmeerscheinungen seit langem auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme bilden?

Die Antwort muss nicht „Nein“ lauten, nicht nur die Fahrer, auch der profilierte Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel wies bei SPORT1 jüngst darauf hin: 1:1-Vergleiche der aktuellen Leistungen mit denen der Vergangenheit verbieten sich.

Der technische Fortschritt beim Material und der Methodik in Sachen Training, Vorbereitung und Ernährung schafft ganz andere Voraussetzungen als früher. Und speziell Jumbo-Visma heftet sich an, all das einfach besser auszureizen als alle anderen.

Höchstleistungskonkurrenz wie die Formel 1

Volle Transparenz – etwa durch eine Veröffentlichung der genauen Leistungsdaten Vingegaards – herrscht trotz aller Suggestion in die Richtung nicht. Und es ist auch schwer zu verlangen in einem System, zu dem auch Betriebsgeheimnisse gehören.

Das generelle Problem: Der Tour-Betrieb, der professionelle Radsport allgemein ist – ähnlich wie die Formel 1 – eine irrwitzige Höchstleistungskonkurrenz, in der die Anreize hoch sind, alle Mittel auszuschöpfen, um die bestmögliche Performance abzuliefern. Nur eben auch mehr am Menschen als am leblosen Objekt.

Im erlaubten Bereich geschieht das früher wie heute gewiss und das kann zum Teil mehr helfen als verbotener Betrug, aber auch mindestens ähnlich bedenklich sein: Das Phänomen der Ketonpräparate ist eines von mehreren Beispielen für eine Zwischenwelt, die offiziell nicht als Doping gilt, aber wegen ihrer unklaren Langzeitwirkung ähnliche Fragen aufwirft.

Hat diese Tour de France, hat dieser Sieger, hat dieses Duell eine weiße Weste? Eigentlich ist die Frage falsch gestellt. Einen Grauton hat dieser Sport systembedingt immer. Die Frage ist immer nur: Wann und wo wird dieser Grauton objektiv zu dunkel?

In Bezug auf Vingegaard und Pogacar werden wir die Antwort erst in einigen Jahren oder Jahrzehnten wirklich wissen …