Deutscher Lauf-Star Kolbe sicher: Hype ist nur der Anfang
Ein ausverkauftes Stadion in Bochum und eine erfolgreiche EM machen noch keinen Leichtathletik-Hype. Aber inzwischen bewegt sich zu viel, um alles nur als kurze Sommer-Hochkonjunktur abzutun. Das spürt auch 800-Meter-Läuferin Smilla Kolbe.
Es ist laut in Bochum-Wattenscheid. Wer an diesem Juli-Wochenende in der Nähe des Lohrheidestadions spazieren geht, der hört die feiernden Fans schon aus weiter Ferne. Ein Fußballspiel? Nein, Leichtathletik-DM.
14.000 Zuschauer sorgen an diesem Wochenende im ausverkauften Lohrheidestadion für eine Kulisse, wie sie bei nationalen Leichtathletik-Wettkämpfen lange keine Selbstverständlichkeit war. Ein organisierter Stimmungsblock verleiht der DM dabei zeitweise den Charakter einer echten Fankurve. Bochum wird damit zu einem der Orte, an denen besonders deutlich wird, was sich in diesem Leichtathletik-Sommer verändert hat.
Wenige Wochen später strömten 41.000 Zuschauer zum ISTAF ins Berliner Olympiastadion. Und als die deutschen Athleten bei der EM in Birmingham 21 Medaillen sammelten, saß auch vor den Bildschirmen ein Millionenpublikum: Mehr als 5,5 Millionen Menschen verfolgten allein den letzten Abend, der Marktanteil lag bei 33,6 Prozent.
Zusammengenommen zeigt sich ein ziemlich deutliches Bild: In der deutschen Leichtathletik ist etwas in Bewegung geraten. Das spürt auch Smilla Kolbe.
„Wirklich interessante Persönlichkeiten“
Die zweimalige deutsche Meisterin über 800 Meter gehört zu einer Generation, die sowohl auf der Bahn als auch abseits davon über Social Media eine neue Aufmerksamkeit generiert. Bei der EM in Birmingham stellte die 24-Jährige mit 1:57,80 Minuten die schnellste deutsche Zeit seit 1990 auf.
Dass die mediale Aufmerksamkeit rund um die Leichtathletik in dieser Saison gestiegen ist, erlebte die Mittelstreckenläuferin dabei hautnah: „Ich hatte schon das positive Gefühl, dass wir präsenter waren – vor allem bei den Europameisterschaften“, sagt Kolbe im Gespräch mit SPORT1.
Kolbe führt die gestiegene Aufmerksamkeit auch darauf zurück, dass die Athleten zunehmend als Persönlichkeiten wahrgenommen werden. „Vielleicht lag es daran, dass viele Interviews sehr viral gegangen sind und man dadurch gemerkt hat, dass wirklich interessante Persönlichkeiten in dem Sport sind“, erklärt Kolbe. Auch ihr eigenes Anti-Rassismus-Statement im Interview mit dem ZDF wurde tausendfach geklickt. Die Läuferin hatte diskriminierende und beleidigende Äußerungen in den Kommentarspalten einiger deutscher Athleten beklagt und sich für mehr Respekt ausgesprochen.
Was Ergebnislisten nicht erzählen
Eine der ältesten Sportarten der Welt hatte lange Zeit auch mit einer verstaubten Berichterstattung zu kämpfen. Im Mittelpunkt standen Zeiten, Weiten, Ergebnisse; die Persönlichkeiten und Geschichten dahinter deutlich seltener. Die neue Leichtathletik-Generation rund um Kolbe überlässt ihre Geschichten daher längst nicht mehr ausschließlich den klassischen Medien. Social Media trägt dazu bei, dass Namen in Ergebnislisten zu Persönlichkeiten werden.
Instagram, TikTok und Co. haben die Distanz zu den Profi-Sportlern verkürzt. Und sie öffnen einen Bereich, der Zuschauern lange verborgen blieb: das Leben zwischen den Wettkämpfen. „Ich glaube, dass der Sport, der Alltag und all das, was wir erleben, sehr interessant ist. Viele können sich gar nicht vorstellen, wie es Behind-the-Scenes ist“, so die 24-Jährige.
Kolbe versucht selbst, diesen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Neben Social Media spricht sie in ihrem Podcast „Grind & Glow“ über ihren Alltag als Leistungssportlerin. Ihr Anspruch dabei? „Authentische Realität, sage ich mal. Das ist auch mein Ziel: authentisch zu zeigen, was abgeht und auch ein Vorbild für jüngere Athleten zu sein“, erklärt Kolbe.
„Wir als Athleten versuchen mehr Aufmerksamkeit für den Sport zu kriegen, indem wir zeigen, wie cool er sein kann – aber auch, was für Struggles es gibt“, erklärt sie. Dabei gehe es nicht darum, dass jeder Athlet zum Content Creator werden müsse. Vielmehr sieht Kolbe gerade in der Unterschiedlichkeit des deutschen Teams eine Stärke: „Wir haben momentan ein cooles Team, in dem viele verschiedene Leute sind. Das macht extrem viel Spaß – vielleicht spiegelt sich das auch nach außen wider.“
Leichtathletik wie gemacht für Social Media
Die Sportart Leichtathletik funktioniert erstaunlich gut in einer schnellen Medienwelt, in der Aufmerksamkeit oft nur wenige Sekunden anhält. Ihre Disziplinen benötigen meist kein Handbuch: Der schnellste Läufer, der weiteste Wurf, der höchste Sprung gewinnt. Viele ihrer entscheidenden Momente sind kurz und bildstark. Ein 10-sekündiges Sprintfinale oder ein Weltrekordversuch von Armand Duplantis lässt sich problemlos in einem einzigen Instagram-Reel erzählen. Gleichzeitig liefern die Geschichten hinter den Leistungen genügend Stoff für mehr als nur ein paar Sekunden.
Genau das hat Kolbe während der EM beobachtet: „Auch bei Social Media wurde extrem viel gepostet und viele Background-Stories in Reels und in emotionalen Sportvideos verpackt – das kommt ja meistens schon ganz gut an. Deswegen glaube ich, dass Social Media da präsenter war, viele Clips gepostet wurden und dadurch viel Aufmerksamkeit kam.“
Wenn aus Zuschauern Fans werden
Doch mediale Reichweite allein schafft noch keine Fankultur. Wie diese aussehen könnte, lässt sich seit zwei Jahren bei den Deutschen Meisterschaften beobachten.
2025 sorgte in Dresden erstmals ein organisierter Stimmungsblock für eine Atmosphäre, die man eher aus anderen Sportarten kennt. Plakate, Gesänge und lautstarke Unterstützung begleiteten die Athleten durch die Wettbewerbe. Gina Lückenkemper bezeichnete ihn anschließend als „wirklich etwas Besonderes in der Leichtathletik“ und hoffte, dass sich die Idee weiter durchsetzen würde.
Ein Jahr später ist genau das passiert. Bei der DM in Bochum-Wattenscheid ist der Stimmungsblock wieder da – inmitten eines ausverkauften Stadions. Und auch Kolbe hat eine ziemlich eindeutige Bewertung: „Der Stimmungsblock ist mega. […] Absolut eleven out of ten.“ Vor allem aber hofft sie, dass aus der Idee mehr wird: „Das ist eine Sache, die einen großen Unterschied macht und ich hoffe, dass wir davon mehr sehen.“
Kann der Hype wirklich anhalten?
So groß die Aufmerksamkeit in diesem Sommer auch war: Entscheidend wird es sein, was davon bleibt. Denn Großereignisse haben der Leichtathletik schon immer große Aufmerksamkeit beschert – spätestens, wenn alle vier Jahre die Olympischen Spiele vor der Tür standen.
Auch Kolbe hat konkrete Wünsche für die Zukunft ihrer Sportart. Die Athletin der Eintracht Frankfurt hofft, dass die Leichtathletik zahlreiche Leute inspirieren und vor allem „die Stadien vollkriegen“ könne – auch im Hinblick auf die Weltmeisterschaften 2031 in München. Gerade die Nähe zu solchen Großereignissen könne junge Menschen für den Sport begeistern, so Kolbe.
„Ich glaube, da ist einfach sehr viel Potential und die Leichtathletik ist so eine tolle Sportart, weil für jeden etwas dabei ist und unterschiedliche Charaktere zusammenkommen. Das ist für mich einfach mein Lieblingssport und deswegen habe ich da ganz viel Passion, ihn nach vorne zu bringen. Ich hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.“