Klitschko vs. Powetkin: Als ein Ukrainer Moskau verstummen ließ
2013 verteidigt Wladimir Klitschko seine WM-Titel in Moskau gegen Alexander Powetkin. Das Duell zwischen dem Ukrainer und dem Russen ist schon damals politisch aufgeladen. 13 Jahre später erscheint der Kampf wie ein Vorbote eines tiefen Bruchs.
Es sollte ein gigantischer russischer Triumph werden – und ein ganz besonderes Geschenk für Wladimir Putin. Am 5. Oktober 2013, heute vor 13 Jahren, stieg Wladimir Klitschko in Moskau gegen Alexander Powetkin in den Ring. Der Ukrainer gegen den Russen, der langjährige Schwergewichts-Champion gegen den bis dahin ungeschlagenen Herausforderer. Doch schon damals steckte in dem Duell weit mehr als der sportliche Kampf um den nächsten Titel.
„Ein Russe gegen einen Ukrainer, das hat einen schlechten politischen Beigeschmack“, erklärte Klitschko damals im Vorfeld des Kampfes. Aus heutiger Sicht wirken manche Begleitumstände nahezu beklemmend.
Powetkin wollte Putin ein besonderes Geschenk machen
Der Fight in der Moskauer Olimpijski-Arena war mit enormem finanziellen Aufwand nach Russland geholt worden. Bei der Versteigerung der Austragungsrechte setzte sich die Powetkin-Seite mit einem Gebot von mehr als 23 Millionen Dollar durch. Klitschkos eigene Promotion hatte lediglich 7,13 Millionen geboten.
Dass den russischen Gastgebern viel an diesem Duell lag, zeigte sich jedoch nicht nur an der gewaltigen Millionensumme. Auch der Kreml blickte genau hin – allen voran Staatschef Wladimir Putin.
Der Präsident, selbst bekennender Kampfsportfan, sollte ursprünglich sogar in der Halle sitzen. Dabei hätte es einen besseren Zeitpunkt kaum geben können: Zwei Tage nach dem Kampf, am 7. Oktober 2013, feierte Putin seinen 61. Geburtstag. Powetkin hatte ihm dafür ein ganz besonderes Geschenk versprochen: den Sieg über Klitschko.
Der Ukrainer reagierte vor dem Kampf betont gelassen. Auf Powetkins Geburtstagsversprechen angesprochen, sagte Klitschko lediglich: „Das ist nicht mein Problem!“
Doch hinter den markigen Sprüchen verbarg sich damals schon eine politische Dimension. Russland setzte die Ukraine 2013 massiv unter Druck, das geplante Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht zu unterzeichnen. Gleichzeitig positionierte sich Wladimirs Bruder Vitali Klitschko als ukrainischer Oppositionspolitiker und Befürworter einer Annäherung an den Westen. Eine politische Aufladung konnte man dem Kampf längst nicht mehr absprechen.
Klitschko vs. Powetkin: Misstrauen schon vor dem ersten Gong
Auch auf organisatorischer Ebene gab es vor dem Kampf Spannungen zwischen den Lagern. Ein großer Streitpunkt waren die Dopingkontrollen. Klitschko wollte sich nicht allein auf die Kontrollen durch die russische Anti-Doping-Agentur verlassen und bestand auf Kontrollen durch die deutsche NADA. Hintergrund waren Befürchtungen um mögliche Manipulationen.
Dass der Kampf überhaupt stattfand, war zudem alles andere als selbstverständlich. Klitschko und Powetkin hatten sich jahrelang umkreist: Zweimal war der Russe bereits als Pflichtherausforderer vorgesehen gewesen, zweimal war das Duell am Ende nicht zustande gekommen.
Sportlich versprach die Konstellation einiges. Klitschko brachte seine WM-Gürtel der WBA, IBF und WBO mit nach Moskau. Auf der anderen Seite war Powetkin in seinen bis dato 26 Profikämpfen ungeschlagen und hatte noch nie am Boden gelegen. Doch das sollte sich an diesem Abend ausgerechnet vor heimischem Publikum ändern.
Klitschko lässt Moskau verstummen
Klitschko ließ von Beginn an kaum Zweifel daran aufkommen, wer den Ring als Sieger verlassen würde. Schon in der zweiten Runde schickte er Powetkin erstmals zu Boden.
Spätestens in Runde sieben wurde die Überlegenheit des Ukrainers deutlich: Gleich dreimal musste Powetkin auf die Bretter. Der Russe bewies zwar enorme Nehmerqualitäten und kämpfte sich mehrfach zurück, gefährlich werden konnte er Klitschko jedoch kaum.
Schön anzusehen war Klitschkos Auftritt dabei nicht immer. Wiederholt klammerte er seinen kleineren Gegner oder drückte ihn nach unten. In der elften Runde wurde ihm dafür sogar ein Punkt abgezogen.
Trotzdem bestand am Ausgang kein Zweifel: Nach zwölf Runden werteten alle drei Punktrichter den Kampf mit 119:104 für Klitschko. Powetkin musste die erste Niederlage seiner Profikarriere hinnehmen. „Er ist der Beste der Welt“, erkannte der Russe anschließend an.
Putin bleibt dem Spektakel fern
Und Putin? Der russische Präsident war entgegen vorheriger Erwartungen gar nicht erst in der Halle erschienen. Das angekündigte Geburtstagsgeschenk hätte er ohnehin nicht bekommen: Statt eines russischen Triumphs feierte an diesem Abend ein Ukrainer mitten in Moskau einen seiner größten Siege.
Damals war es vor allem ein großer Boxabend inmitten wachsender politischer Spannungen zwischen Russland und der Ukraine. In welchem Licht er heute stehen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand erahnen.
Nur wenige Monate nach dem Fight begannen in Kiew die Maidan-Proteste, 2014 annektierte Russland die Krim. Seit dem im Februar 2022 angefangenen Angriffskrieg auf die Ukraine kämpfen die Klitschko-Brüder längst nicht mehr nur mit Fäusten oder emotionalen Worten für ihr Land. Vitali steht als Bürgermeister von Kiew im Zentrum der ukrainischen Politik, Wladimir wirbt international um Unterstützung und positioniert sich immer wieder deutlich gegen Putin und den russischen Angriffskrieg.
Damit ist auch der Blick auf jenen Abend in Moskau ein anderer geworden. Was damals als großer Boxabend mit politischer Begleitmusik wahrgenommen wurde, wirkt rückblickend wie ein frühes Kapitel eines Konflikts, der wenig später die Welt erschüttern sollte.