Fünf Dinge, die Jürgen Klopp offenbart hat
Klopp erklärt den größten Überraschungskandidaten
Mit Spannung wurde die erste Kaderbekanntgabe von Jürgen Klopp erwartet. Der Bundestrainer macht einen guten Eindruck und vermittelt, was ihm wichtig ist – und was nicht.
Eines vorab: Als Jürgen Klopp am Donnerstagvormittag vor die Presse trat, machte er einen besseren Eindruck als noch bei seiner Vorstellung im Juli. Die Vorfreude auf die kommenden Spiele war ihm anzumerken. Dass es nun endlich stärker um den Sport geht, tat dem Bundestrainer merklich gut. SPORT1 blickt auf fünf Erkenntnisse seines Auftritts.
Die obere Öffnung des Trichters hat Klopp maximal aufgedreht. Gleich 44 Spieler berief er in seine beiden Kader – ein Novum in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft.
– Klopp denkt zweigleisig
Die Maßnahme zeigt zweierlei: Erstens ist es Klopp mit dem Umbruch ernst. Zweitens will er die jetzige Phase nutzen, um auszuprobieren und Erkenntnisse zu sammeln. Wenn es im Sommer 2028 bei der EM ernst wird, soll möglichst wenig experimentiert werden müssen.
Aktuell zählt deshalb nicht nur, was ein Spieler bereits kann, sondern auch, was aus ihm werden könnte. „Guckt man auf das Potenzial? Oder guckt man drauf, ob er schon so weit ist? Ich sage euch eins: Die Jungs sind für das, was wir jetzt mit ihnen machen, weit genug. Für das, was kommen wird“, sagte Klopp.
Gleichzeitig stellte er klar, dass heute niemand wissen könne, ob ein 26- oder 27-Jähriger in zwei Jahren tatsächlich bei der EM dabei sein werde. Klopp muss also zweigleisig denken: Wer hilft der Mannschaft jetzt? Und wer könnte im Sommer 2028 noch die richtige Form, Entwicklung und Perspektive mitbringen?
Am deutlichsten wird das bei den Torhütern. Marc-André ter Stegen ist Klopps Nummer 1 – allerdings ausdrücklich nur „für den Moment“. Dass sich die Hierarchie in den kommenden eineinhalb Jahren noch verändert, schloss der Bundestrainer damit ausdrücklich nicht aus.
Klopp erklärt neue Nummer eins – und singt ein Loblied
– Klopp will ein Gerüst
Wer angesichts der 44 Namen erwartet, dass Klopp nun alles auf den Kopf stellt und reihenweise Debütanten auf den Rasen schickt, dürfte enttäuscht werden. Zwar hat der Bundestrainer praktisch jeden deutschen Spieler dazu eingeladen, sich für die Nationalmannschaft zu empfehlen. Gleichzeitig machte er aber klar, dass es feste Größen geben muss.
„Eine Mannschaft braucht Stabilität und eine Achse. Wenn die Achse wirklich stabil ist, kann man außen rum auch ein bisschen spinnen und verrückt sein und ganz viel Jugend dazu mischen“, erklärte Klopp. Das bedeutet im Umkehrschluss: Nur wenn sein Gerüst funktioniert, kann er sich Experimente erlauben.
Dass Routiniers wie Marc-André ter Stegen, Jonathan Tah und vor allem Joshua Kimmich funktionieren, ist für Klopp deshalb doppelt wichtig. Sie sollen nicht nur selbst Leistung bringen, sondern dem Bundestrainer auch die Freiheit geben, junge Spieler heranzuführen.
Dass Klopp seine Startelf nicht komplett umkrempeln will, macht seinen Neuanfang deshalb nicht zu einem „Umbruch light“. Vielmehr nimmt er die etablierten Kräfte in die Pflicht, beim Wiederaufbau der Nationalmannschaft voranzugehen.
– Klopp spielt die Patriotismus-Karte
Klopp scheute sich auch nicht davor, gesellschaftspolitische Themen anzusprechen. Einer Partei ordnete er sich dabei nicht zu. Seine Worte mit Blick auf die jüngste Landtagswahl in Sachsen-Anhalt waren dennoch deutlich.
Vor allem seine Botschaft zum „positiven Patriotismus“ ließ aufhorchen: „Ich würde uns gerne die Fahne zurückholen. Wenn man sie schwingt, soll niemand denken: ‚Was ist mit dir denn los?‘ […] Wir sollten Nationalstolz nicht den Falschen überlassen.“
Klopp ist damit nicht der erste Bundestrainer, der versucht, Fußball und ein positives Gemeinschaftsgefühl miteinander zu verbinden. Auch seinem Vorgänger Julian Nagelsmann war dieses Thema wichtig. Er sprach mehrmals darüber, wie sehr ihn das Singen der Nationalhymne bewege. Im Sommer 2024 hielt er nach dem EM-Aus zudem eine Art „Motivationsrede“ an die Nation.
Klopp greift diesen Gedanken nun auf – auf seine Art. Weniger emotional nach einem Turnier, dafür als grundsätzliche Botschaft zu Beginn seiner Amtszeit. Spannend, wie er das Thema weiterführen wird.
Klopps DFB-Kader
– Hier gibt Klopp weiter den „Anti-Nagelsmann“
In einem Punkt will Klopp eindeutig der Bundestrainer bleiben, als der er sich bislang präsentiert: Er möchte möglichst viel unterwegs sein und seine Spieler vor Ort beobachten.
„Es macht schon einen großen Unterschied, um ein Gefühl für einen Fußballer zu entwickeln, ob man ihn live sieht. Ich möchte einfach noch viel mehr live sehen“, erklärte der 59-Jährige. Damit klingt Klopp fast zwangsläufig wie ein „Anti-Nagelsmann“. Sein Vorgänger stand immer wieder in der Kritik, vergleichsweise selten persönlich in den Stadien aufzutauchen.
Als Angriff auf Nagelsmann wollte Klopp seine Aussagen allerdings ausdrücklich nicht verstanden wissen. „Ich mache den Job seit 25 Jahren, da war Julian Nagelsmann 13. Ich respektiere ihn über alle Maßen. Ich habe große Probleme gehabt, mit Liverpool gegen Hoffenheim zu spielen. Er ist ein außergewöhnlicher Trainer, zu 100 Prozent“, sagte er.
Klopp bewegt sich dabei auf einem schmalen Grat. Er will vieles anders machen und das auch sichtbar tun. Gleichzeitig will er nicht den Eindruck erwecken, unter seinem Vorgänger sei alles falsch gewesen. Nach den Diskussionen rund um Nagelsmanns Arbeit (Stichwort: „noch“) wäre eine offene Abrechnung ohnehin kaum hilfreich. Klopp setzt lieber auf Abgrenzung ohne Attacke.
– Klopp ärgert sich über die Leaks mehr, als er zugibt
Unter den Fans war es eines der großen Aufregerthemen der vergangenen Tage: Ein erheblicher Teil der Nominierten war bereits vor der offiziellen Bekanntgabe durchgesickert. Viel Überraschung blieb am Donnerstag deshalb nicht mehr. Klopp erklärte zwar, das sei ihm „wurscht“. Ganz so gleichgültig scheint ihm das Thema allerdings nicht zu sein.
„Ich finde es nur arm, seinen Lebensunterhalt damit verdienen zu müssen, etwas vorher rauszuhauen“, sagte der Bundestrainer – und setzte damit seine Linie aus dem Juli fort. Schon damals hatte er sich gewünscht, dass Medien bestimmte brisante Informationen lieber zurückhalten sollten.
Das ist ein bemerkenswertes Verständnis journalistischer Arbeit. Denn nicht die Veröffentlichung interner Informationen ist das eigentliche Problem des DFB, sondern dass diese Infos überhaupt regelmäßig aus dem engsten Umfeld nach außen gelangen. Klopp wird deshalb wohl vor allem intern, bei Spielern und Beratern ansetzen müssen, wenn er die Zahl der Leaks reduzieren will.
Dass ihm das Thema tatsächlich „wurscht“ ist, darf jedenfalls bezweifelt werden. Auf der Pressekonferenz kam er gleich mehrmals ungefragt darauf zurück und verband seine Aussagen mit Appellen an die Öffentlichkeit.
Sein Umgang mit den Medien zeichnet sich damit immer deutlicher ab: Klopp sucht ihre Nähe, ist offen, charmant und zugänglich. Doch wenn ihm die Berichterstattung nicht gefällt, will er auch Einfluss darauf nehmen.
Die Taktik könnte man so zusammenfassen: erst umarmen – und im Zweifel anschließend erdrücken.