Zwei Tage sind seit diesem verrückten Speerwurf-Finale von Birmingham vergangen, doch Julian Weber wirkt noch immer ein wenig wie jemand, der selbst erst begreifen muss, was da passiert ist. 90,40 Meter warf der Mainzer im letzten Versuch – dann, als er es unbedingt musste.
Dabei hatte es im Finale überhaupt nicht danach ausgesehen. Der Anlauf wollte nicht funktionieren, die Achillessehne machte Probleme – und zwischenzeitlich lag sogar sein junger Teamkollege Nick Thum vor ihm. Dann aber gelang Weber der perfekte Versuch.
Im SPORT1-Interview erzählt der 31-Jährige, wie er den entscheidenden Wurf erlebt hat, warum er damit ein vermeintliches mentales Problem widerlegt sieht und weshalb er gerade einen „geilen Vibe“ in der deutschen Leichtathletik spürt.
SPORT1: Herr Weber, zwei Tage sind seit dem verrückten Finale vergangen. Haben Sie die 90,40 Meter inzwischen ein bisschen sacken lassen?
Julian Weber: Ja, mittlerweile schon. In dem Moment, in dem ich abwerfe, und auch direkt danach, läuft vieles extrem unbewusst ab. Es fühlt sich an wie im Film, ich kann mich gar nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern – da ist einfach so viel Adrenalin im Spiel. Jetzt danach habe ich mir viele Aufnahmen angeschaut und kann das Ganze langsam einordnen.
Die Achillessehne und der letzte Wurf
SPORT1: Können Sie sich inzwischen daran erinnern, was vor dem letzten Versuch in Ihrem Kopf vorging?
Weber: Ich war nach den ersten Versuchen schon ziemlich verzweifelt, weil ich meinen Anlauf und meinen Rhythmus nicht so auf die Bahn bekommen habe, wie ich es kann. Das hat mich echt geärgert. Mit meiner Achillessehnenproblematik war es zusätzlich schwierig, der Anlauf war einfach nicht rund. Als Nick dann auch noch fünf Zentimeter weiter geworfen hat als ich, musste ich mich noch einmal komplett fokussieren. Ich bin den Anlauf und den Rhythmus immer wieder im Kopf durchgegangen – und pünktlich zum nächsten Versuch hat dann alles gestimmt.
SPORT1: Eigentlich wird der Druck in so einer Situation ja noch größer. Wie schafft man es dann, locker zu bleiben?
Weber: Genau das habe ich gemacht und geschafft. Ich bin unfassbar froh, dass das so gut funktioniert hat. Ich habe mich extrem auf mich besonnen und versucht, locker und entspannt zu bleiben. Ich habe nur an den Anlauf und den Rhythmus gedacht und bin das immer wieder durchgegangen. Das hat richtig gut geklappt.
SPORT1: Haben Sie beim Abwurf schon gemerkt, dass es ein besonderer Wurf werden könnte?
Weber: Das merkt man sofort beim Abwurf. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie weit der Speer fliegt, und hätte auch nicht damit gerechnet, dass ich in dieser Situation so weit werfen kann. Aber ich habe einfach alles reingelegt. Für mich ist entscheidend, über den Anlauf und den Rhythmus richtig schön in den Abwurf reinzufliegen. Während des Wurfs habe ich schon unterbewusst gemerkt: Okay, ich komme in eine Position, in der ich alles reinlegen kann. Und das habe ich dann auch gemacht.
Der deutsche Speerwurf ist auf gutem Weg
SPORT1: Und dann stehen auf einmal 90,40 Meter auf der Anzeigentafel.
Weber: Ja, das war ein extrem geiles Gefühl. Ich habe einfach alles rausgeschrien. Im Nachhinein hat mir sogar der Kiefer wehgetan, weil ich so geschrien habe. Es war einfach unglaublich befreiend. Da ist mir ein riesiger Stein vom Herzen gefallen – und das musste einfach raus.
SPORT1: Sie haben sich anschließend auch sehr über den zweiten Platz von Nick Thum gefreut. Was bedeutet Ihnen dieser deutsche Doppelsieg?
Weber: Das ist extrem stark, was Nick gemacht hat. Er ist ein junger Typ, wirft Bestleistungen und macht seine erste Europameisterschaft – das ist wirklich stark. Ich gönne ihm die Silbermedaille von Herzen. Aber ich musste dann doch noch einmal zeigen, dass ich auch weiter werfen kann (lacht).
SPORT1: Was sagt dieser Erfolg über die Zukunft des deutschen Speerwurfs aus?
Weber: Generell ist es großartig, dass Thomas Röhler wieder dabei ist, auch wenn es für ihn leider knapp nicht fürs Finale gereicht hat. Und jetzt kommen die Jungen hinterher. Bei den Frauen hat Julia Ulbricht mit ihrer Medaille ebenfalls ein starkes Zeichen gesetzt. Es ist einfach cool, was gerade in der Leichtathletik passiert – und natürlich auch im Speerwurf.
Die Schwierigkeiten bei Olympia und der WM
SPORT1: Sie haben jetzt zweimal EM-Gold und einmal EM-Silber gewonnen. Warum funktioniert es bei Olympia und Weltmeisterschaften bislang nicht genauso?
Weber: Das kann man so oder so sehen. Natürlich ist man genauso aufgeregt wie bei einer EM. Aber es sind extrem viele Komponenten, die da zusammenspielen. Es ist eben ein einzelner Tag, auf den man teilweise vier Jahre hinarbeitet. Mir wurde oft gesagt, dass es bei mir vielleicht doch am Mentalen liegt, dass ich bei Olympia oder einer WM meine Leistung nicht abrufen kann. Aber das habe ich jetzt auf jeden Fall widerlegt – hoffe ich zumindest. Das Mentale ist oft die einfachste Erklärung. Meistens steckt aber viel mehr dahinter: körperliche Probleme, die Tagesform oder einfach ein Wettkampf, bei dem nicht alles perfekt läuft. Du kannst auch mal mit dem falschen Bein aufstehen. Deshalb ist es immer schwer zu sagen, woran es genau liegt.
SPORT1: Deutschland hat in Birmingham insgesamt sehr stark abgeschnitten. Dazu kommen viele junge Athletinnen und Athleten. Was macht die deutsche Leichtathletik momentan richtig?
Weber: Ich glaube, extrem viel. Das ist schwer auf einen Punkt zu bringen. Aus der Jugend heraus wurde über einen langen Zeitraum sehr gut gearbeitet. Und der Vibe in der Leichtathletik ist einfach geil – das spürt man. Es macht gerade mega Spaß. Die Leichtathletik ist geil.
SPORT1: Ist man auch im Weltmaßstab dabei, die Lücke zu schließen?
Weber: Absolut. Wenn man sich allein anschaut, was im Laufbereich passiert: Da waren wir lange Zeit nicht in der Lage, auf Weltniveau mitzuhalten. Das hat sich definitiv geändert. Das ist einer von vielen Trends, die sich gerade in eine positive Richtung entwickeln. Und es wird immer besser.