Vier Jahrzehnte Durststrecke sind vorbei: Emil Agyekum hat als erster Deutscher seit dem großen Harald Schmid eine EM-Medaille über 400 m Hürden gewonnen.
Fast auf den Tag genau 40 Jahre nach Schmids letztem von drei Europameister-Titeln musste sich der deutsche Rekordhalter Agyekum im nahezu ausverkauften Alexander Stadium in Birmingham in 47,87 Sekunden nur dem überragenden norwegischen Weltrekordmann Karsten Warholm (46,63) geschlagen geben.
„Ich bin einfach sehr happy. Dass ich gesund bin und meinen Sport so durchziehen kann. Das ist etwas sehr Besonderes und die Belohnung für die harte Arbeit, die man sein ganzes Leben lang in den Sport reingesteckt hat. Und das war erst der Anfang“, freute sich ein strahlender Silbermedaillengewinner anschließend in der ARD.
Während Agyekum seine erste große Medaille mit der Deutschland-Fahne um die Schultern feierte, war der erfolgsverwöhnte Warholm überglücklich: „Das bedeutet mir sehr viel“, sagte der 30 Jahre alte Ausnahme-Athlet. U23-Europameister Owe Fischer-Breiholz landete in 48,56 Sekunden auf dem fünften Platz, zu Bronze fehlten ihm zwei Zehntel.
Leichtathletik-WM: Agyekum lässt Worten auch Taten folgen
„Ich bin heute sehr entspannt in das Rennen reingegangen, weil ich wusste, dass bei einer EM die Karten neu gemischt werden. Und ich habe einfach das gemacht, das ich am besten kann: In mich reingehorcht, den Fokus gehalten – und ich wusste, was ich draufhatte“, resümierte Agyekum mit Blick auf den Lauf: „Ich hatte mir ein bisschen mehr gewünscht hier, aber es waren auch besondere Bedingungen und jeder muss damit klarkommen.“
Während des Laufes hatte es aufkommenden Gegenwind gegeben, der die Athleten dazu zwang, den üblichen Laufrhythmus umzustellen.
„Wir sind nicht hier, um Warholm hinterherzulaufen. Wir wollen zeigen, was wir drauf haben und dafür sind wir da“, hatte Agyekum über sich und Trainingskollege Fischer-Breiholz nach dem Halbfinale gesagt. Letztlich war Tokio-Olympiasieger Warholm, dessen Weltrekord bei 45,94 Sekunden steht, aber eine Klasse für sich. Von Anfang an rannte er dem Feld davon, Agyekum hatte nie eine reelle Goldchance. Silber war der maximal mögliche Erfolg.
Warholm dominiert alle
Warholm, der bereits mit der Mixed-Staffel der Norweger über 4×400 m triumphiert hatte, holte seinen vierten EM-Titel in Serie über die Hürdenrunde und überbot damit Schmid. Der einstige deutsche Rivale der US-Hürdenikone Edwin Moses hatte von 1978 bis 1986 dreimal in Folge triumphiert – damals wurde die EM noch im Vierjahres- statt wie heute im Zweijahresrhythmus ausgetragen.
Von Schmids Erfolgen ist Agyekum noch ein ganzes Stück entfernt, nach 48 Jahren löste er ihn aber immerhin als Inhaber des deutschen Rekorden ab. 47,45 Sekunden lief Agyekum im Juli in London, drei Hundertstel unter Schmids letztgültigem Wert aus den Jahren 1982 und 1987.
„Emil ist kein Trainingsweltmeister. Er ist ein Wettkampftyp und ein Gefühlsmensch“, sagte Volker Beck einmal über früheren Schützling – Beck war für die DDR 1980 Olympiasieger und ein großer Konkurrent Schmids. Aus seiner Obhut wechselte Agyekum schließlich in die Trainingsgruppe von Fischer-Breiholz. Die beiden pushen sich, auch in Birmingham. Diesmal reichte es aber nur für einen von beiden für die Medaille.