32 Mannschaften nehmen an der Handball-Weltmeisterschaft teil, die im Januar 2027 in acht Städten in Deutschland ausgetragen wird. Neben Gastgeber Deutschland und Titelverteidiger Dänemark erspielten sich 28 weitere Teams über die kontinentalen Qualifikationswettbewerbe ihre Teilnahmeberechtigung. Seit Dienstag steht fest: Das Feld wird durch Saudi-Arabien und die Türkei komplettiert. Eine Entscheidung, die überraschend kommt und Fragen aufwirft.

„Den umfassenden Beitrag der nationalen Verbände zum Wachstum und zur Bekanntheit des Sports“ nennt der Handballweltverband IHF als Hauptgrund für die Entscheidung, dass die Türkei erstmals in ihrer Geschichte an einer WM-Endrunde der Männer teilnehmen wird. „Die Türkei hat weiterhin in die Entwicklung des Handballsports investiert, wobei das Interesse an dieser Sportart wächst und die Beteiligung auf verschiedenen Ebenen zunimmt.“

Pascal Hens (l.) und Stefan Kretzschmar sprechen Klartext zum Thema WM-Wildcards
Pascal Hens (l.) und Stefan Kretzschmar sprechen Klartext zum Thema WM-WildcardsPascal Hens (l.) und Stefan Kretzschmar sprechen Klartext zum Thema WM-Wildcards© IMAGO/Niklas Heiden

Hinzu komme mit Saudi-Arabien „eine der führenden Nationen bei der Entwicklung des Handballsports in Asien“, die Teilnahme spiegele deshalb „sowohl sein sportliches Profil als auch die anhaltenden Fortschritte des Sports im Land wider“, so der Weltverband über die elfte Teilnahme des Landes.

Während die IHF in ihrer Begründung durchaus nachvollziehbar den Blick auf die globale Entwicklung der Sportart richtet, sprechen sportliche Faktoren eine deutlich andere Sprache. Saudi-Arabien beendete bei den jüngsten Teilnahmen die Weltmeisterschaften auf den Plätzen 29 (2023), 21 (2019) und 20 (2017). 2025 wurde die Qualifikation gänzlich verpasst. Die Freude in der Türkei über das anstehende Debüt ist groß, auch unter den Millionen von Deutschen mit türkischen Wurzeln soll Handball-Begeisterung entfacht werden, so die Hoffnung des Weltverbands. Doch auf der anderen Seite steht die Enttäuschung bei elf weiteren Teams, die sich ebenfalls um eine Wildcard bemüht hatten.

Große WM-Enttäuschung in Österreich und Ungarn

Die IHF machte diese Liste nicht öffentlich, einige der Teams liegen jedoch auf der Hand. Auf Anfrage von SPORT1 bestätigte der Österreichische Handballverband den Versuch, über eine Wildcard an der WM teilzunehmen. „Aufgrund des schweren Playoff-Loses und des knappen Scheiterns haben wir uns Chancen ausgerechnet, eine der beiden Wild Cards zu erhalten. Natürlich sind wir enttäuscht, nicht an der WM 2027 teilnehmen zu können, respektieren aber zugleich die Entscheidung der IHF“, heißt es weiter.

In der Tat hatte Österreich die „normale“ Qualifikation in den Playoffs nach zwei dramatischen Spielen gegen starke Polen hauchzart verpasst (25:26; 30:30) – und hätte die Weltmeisterschaft aus sportlicher Sicht bereichert. Man stelle sich ein Vorrundenspiel zwischen der deutschen und österreichischen Mannschaft in München vor, nur etwa 80 Kilometer von der Landesgrenze entfernt.

Der Schweizerische Handball-Verband wollte die Entscheidung der IHF auf SPORT1-Anfrage nicht kommentieren. Ungarn, bei den vergangenen Weltmeisterschaften stets in den Top Acht, war aufgrund eines einzigen Treffers an Serbien gescheitert (29:31; 31:30). „Es ist offensichtlich, dass keine rein sportliche Entscheidung getroffen wurde“, erklärte der frustrierte Verbandspräsident Ferenc Ilyes, der auch auf das fehlende Kriterien-System für die Vergabe der Wildcards verwies. Mit den Niederlanden scheiterte ein weiteres spielstarkes Team in den Playoffs.

Handball-WM: „Europa ist nicht der Nabel der Welt“

Am Rande der Auslosung im Münchner Hofbräuhaus, die der Türkei eine Vorrundengruppe in der bayerischen Landeshauptstadt mit Kroatien, Spanien und Chile bescherte, sprach SPORT1 Bob Hanning, Pascal Hens und Stefan Kretzschmar auf die Wildcard-Vergabe an. Die Handball-Legenden sehen die IHF in einem Dilemma, stellten jedoch klar: Aus sportlicher Sicht ist die Entscheidung höchst fragwürdig!

Bob Hanning möchte den Handball breiter aufstellen
Bob Hanning möchte den Handball breiter aufstellenBob Hanning möchte den Handball breiter aufstellen© IMAGO/anke waelischmiller

„Die Wahrheit ist, dass sich alle diese Länder nicht qualifiziert haben. Daraus eine Selbstverständlichkeit herzuleiten, dass Europa Plätze kriegt – da gehe ich persönlich nicht mit“, erklärte Hanning, der mit Italien an der WM teilnehmen wird. „Wir müssen schauen, dass wir den Handball breiter aufstellen, auch gerade Richtung Olympia. Und nicht nur sagen: Europa ist der Nabel der Welt.“ Allerdings: „Eine Mannschaft wie Ungarn gehört mal auf jeden Fall da rein.“

Hens, Weltmeister mit Deutschland bei der letzten Heim-WM 2007, richtete seinen Blick in erster Linie auf den Sport – „und da wären bestimmt andere Mannschaften von der qualitativen Seite eher dabeigewesen“. Insbesondere in Ungarn habe es aufgrund der starken Leistungen in den vergangenen Jahren sicher „einige lange Gesichter“ gegeben.

„Dann spekulierst du auf diese Wildcard und ärgerst dich, dass du bei einem so geilen Turnier nicht dabei bist. Das war sehr überraschend für uns Außenstehende. Ich als Sportler will natürlich immer den besten Wettkampf. Das ist nicht gegeben, weil einige in den direkten Quali-Duellen auf der Strecke geblieben sind“, ergänzte Hens.

Kretzschmar: „Mache mir ernsthaft Gedanken über die Entwicklung“

Kretzschmar, der sich in der Vergangenheit mit kritischen Aussagen in Richtung der IHF selten zurückgehalten hat, betonte lachend, dass er „diesmal ausnahmsweise kein Kritiker dieser Entscheidung ist“. Denn: „Ich bin absoluter Verfechter davon, dass wir globaler werden und dass wir Ländern eine Chance geben. Das ist ökonomisch sicher nicht ganz unwichtig für die IHF.“

Zwar wäre „die sportliche Relevanz der anderen vier Nationen mit Sicherheit größer, aber ich mache mir ernsthaft Gedanken über die globale Entwicklung unserer Sportart“. Im Sinne „einer Vision Handball in fünf Jahren“ erhofft sich der langjährige Nationalspieler, „dass diese Teilnahme für Aufmerksamkeit sorgt und dort die Sportart weiter promotet wird.“

Vom 13. bis zum 31. Januar 2027 kämpfen 32 Mannschaften in Deutschland um den Titel. Dass Saudi-Arabien und die Türkei dabei sportlich in Erscheinung treten, ist unrealistisch. Ob es für die Sportart als Ganzes eine sinnvolle Entscheidung war, auf mehrere attraktive europäische Teams zu verzichten, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.