Gianni Infantinos Großprojekt steht kurz vor der Implosion. Nach der Europäischen Fußball-Union (UEFA) hat auch der Kontinentalverband CONCACAF den Investoren-Deal des FIFA-Präsidenten einstimmig abgelehnt.

Nachdem die UEFA im Machtkampf mit dem FIFA-Präsidenten über den Ausverkauf der großen Fußball-Turniere einen WM-Boykott angedroht hat, sollte Infantino sein Vorhaben im Alleingang durchdrücken, zog die für Nord- und Mittelamerika zuständige CONCACAF nach – und stellte sich in der Schlacht um die Zukunft des Fußballs hinter die Europäer. Damit droht Infantinos Idee zu kollabieren, 96 von 211 FIFA-Mitgliedsverbänden lehnen seine Pläne vehement ab.

Gianni Infantino muss einen weiteren Rückschlag verkraften
Gianni Infantino muss einen weiteren Rückschlag verkraftenGianni Infantino muss einen weiteren Rückschlag verkraften© IMAGO/ZUMA Press

UEFA und CONCACAF geschlossen gegen Infantino

Der FIFA-Chef bekommt damit enormen Gegenwind aus dem Verband, der gerade erst in Amerika sechs von acht WM-Viertelfinalisten stellte – und aus dem Verband, deren Mitglieder USA, Mexiko und Kanada die WM ausrichteten.

„Als Ergebnis der heutigen Diskussion werden keine UEFA-Nationalmannschaften an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, solange diese Vorschläge noch im Raum stehen“, teilte die Europäische Fußball-Union knallhart mit. „Es sei denn, dieser Vorschlag wird vollständig verworfen und es werden verbindliche Zusicherungen gegeben, dass die FIFA ihre Führungsstrukturen oder Wettbewerbe niemals wieder für private Eigentümer öffnen wird.“

Die CONCACAF begründete ihre Entscheidung in einem Statement mit „tiefer Besorgnis über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens im Zusammenhang mit dem Vorschlag, die künstlich knapp gesetzte Frist sowie das Fehlen jeglicher Prüfung oder Genehmigung durch die zuständigen FIFA-Führungsgremien“. Alle 41-Mitgliedsverbände zogen mit.

Uli Hoeneß begrüßt Härte der Europäer

Auch die UEFA und ihre 55 Mitgliedsverbände, damit auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Weltmeister Spanien, „stehen geschlossen zusammen“, hieß es. „Wir lehnen den Vorschlag der FIFA, Eigentumsanteile an der Weltmeisterschaft und anderen FIFA-Wettbewerben auf private Investoren zu übertragen, einstimmig und unmissverständlich ab.“ Infantinos Vorgehen mit dem „Ultimatum“ für die Mitgliedsverbände sei „eine Form der Einschüchterung – ein Akt des Zwangs, der einer Institution, der die Verantwortung für den Weltfußball anvertraut wurde, unwürdig ist“.

Wenn sich die Europäer wirklich so einig seien, „wenn sie konsequent daran arbeiten, dann wird Herr Infantino mit diesem Plan nicht durchkommen“, sagte Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß am Rande des Trainingslagers am Tegernsee: „Ich persönlich glaube, dass die Europäer noch gar nicht wissen, wie stark sie eigentlich sind. Einen Wettbewerb ohne Europäer kannst du in die Tonne treten.“

Damit ist der große Kampf um den Fußball, wie die Fans ihn kennen, voll entbrannt.

Hoeneß' dringender Rat im Zoff mit Infantino

Hoeneß‘ dringender Rat im Zoff mit Infantino

Gianni Infantino in der Defensive

„Das Ende der Welt“, schrieb die englische Sun umgehend in einer apokalyptischen Schlagzeile, auch andere internationale Medien überschlugen sich mit martialischen Einordnungen – sogar über einen Sturz Infantinos wird spekuliert.

Der hatte nach dem weltweiten Aufschrei schon energisch in den Verteidigungsmodus geschaltet – er sah sich am Mittwochabend in einem fünfminütigen Video-Monolog zu einer Klarstellung seines Plans genötigt. „Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses“, sagte der FIFA-Präsident: „Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung.“ Den massiven Widerstand vor allem aus Europa, das machte Infantino deutlich, könne er in keiner Weise nachvollziehen.

Der 56-Jährige präsentierte in aller Ausführlichkeit die Vorzüge seiner neuesten Geschäftsidee. Er verspreche sich davon die „Erschließung bisher nicht realisierter Werte“. Die „kommerzielle Seite des Fußballs“ zu stärken, sei „der logische nächste Schritt“ in der Entwicklung, betonte Infantino. Schließlich kämen bislang zu geringe Tranchen der gestiegenen FIFA-Einnahmen an der Basis an.

Jetzt bricht Infantino sein Schweigen

Jetzt bricht Infantino sein Schweigen

Boykott-Drohung: Schon jetzt drängt die Zeit

„Höhere Zahlungen an die Mitgliedsverbände bedeuten höhere Investitionen in bessere Fußballplätze, stärkere Nationalmannschaften und ebnen den Weg für Jungen und Mädchen überall auf der Welt“, sagte er und versprach: „Wir kümmern uns um alle.“ Die FIFA wolle „das nächste Kap Verde schaffen“. Für seine milliardenschwere Idee begeistern will Infantino die 211 FIFA-Mitgliedsstaaten (jetzt minus 55 Europäer) bis zum 19. September. Dies ist die Deadline, bis zu der die Verbände ihre reichlich entlohnte Zustimmung geben können.

Gelockt wird mit hohen Summen, gleich mit dem Ja-Wort für die Pläne sollen 20 Millionen US-Dollar (17,46 Mio. Euro) abrufbar sein. Außerdem wird mit der Aussicht auf eine nochmals erweiterte WM geködert. Neben der Zustimmung des vorab nicht informierten FIFA-Councils, in dem auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf sitzt, braucht es zur Umsetzung des Vorhabens eine einfache Mehrheit von den Verbänden. 106 Befürworter also würden reichen.

Dass die UEFA so hart reagiert, bringt die Pläne allerdings umgehend ins Wanken. „Die WM steht nicht zum Verkauf“, teilte der Europa-Verband mit. Und jetzt drängt die Zeit, schließlich startet mit der U20-WM der Frauen in Polen schon am 5. September das nächste FIFA-Turnier.

Nur Afrika reagiert positiv

Neuendorf hatte das Vorhaben bereits selbst als „fatales Zeichen“ eingestuft, der Verband steht voll hinter dem rigorosen Statement vom Donnerstag und UEFA-Präsident Aleksander Ceferin. Allerdings wird das Gespräch mit Infantino gesucht werden, der Boykott ist die Ultima Ratio.

AFC (Ozeanien) hatte sich mehr irritiert über das Vorgehen der FIFA als über die Idee an sich gezeigt. Während sich Südamerika bedeckt hält, signalisierte Afrikas Fußballverband (CAF) als bisher einzige Dachorganisation Unterstützung. Die Mitgliedsverbände wurden aufgefordert, den Vorschlag zu prüfen und sich am Konsultationsprozess zu beteiligen.

Dies ist insofern bedeutsam, als die afrikanischen Nationen innerhalb des Weltverbandes 54 Stimmen besitzen und für die Entscheidung über das geplante Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) eine große Rolle spielen. Die CAF sei „entschlossen, den Dialog und die Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsverbänden, der FIFA, anderen Fußballkonföderationen und Interessengruppen fortzusetzen, um die finanziellen und sonstigen Ressourcen für die Entwicklung und das Wachstum des Fußballs in Afrika und weltweit zu stärken“, hieß es in dem Statement.

Dann aber kam die extrem harte UEFA-Reaktion – und der nächste Nackenschlag für Infantino durch die CONCACAF.