Wer Luis de la Fuente verstehen will, der muss ihm nur genauer zuhören. Auf die Zwischentöne achten. Ob er betet, wurde Spaniens Nationaltrainer dieser Tage gefragt. „Jeden Tag“, antwortete er: „Jeden Tag bete ich und danke für das Leben. Ich bitte aber nicht um Hilfe. Das wäre unfair.“
De la Fuente beansprucht keine Unterstützung von oben, schon gar nicht für so profane Dinge wie den Fußball. Für das große Finale am Sonntag (21 Uhr im LIVETICKER) gegen Argentinien sieht er viel mehr sich und seine Mannschaft in der „großen Verantwortung, die wir für das ganze Land haben. Das ist etwas ganz Besonderes für uns.“
Besonders ist auch de la Fuente, das Mastermind hinter Spaniens WM-Höhenflug. In der Glitzerwelt des Profisports kommt der Mann aus dem 12.000-Seelen-Örtchen Haro in der nordspanischen Provinz La Rioja, die gewöhnlich eher für exzellenten Rotwein als für herausragende Fußball-Exporte steht, wie ein Außerirdischer daher.
Streich gerät bei de la Fuente ins Schwärmen
Der 65-Jährige, für viele noch immer „Mr. Unbekannt“ (NTV), bringt kein Star-Gehabe mit, er arbeitete nie bei einem Champions-League-Klub und drischt auch keine Phrasen.
Seine Interviews drehen sich fast immer um Werte wie Demut, Zusammenhalt, Vertrauen und gegenseitigen Respekt.
„Das ist außergewöhnlich“, urteilte Freiburgs Trainer-Legende Christian Streich im ZDF und geriet geradezu ins Schwärmen: „Er hat in dem Interview achtmal die Mannschaft erwähnt, immer von der Gruppe gesprochen, vom Land, von Dankbarkeit. Er ist ein Weltklasse-Trainer und es kommt nur Demut rüber, Ruhe, Zurückhaltung.“
De la Fuente kennt die heutigen Stars bereits aus der Jugend
Wie de la Fuente spricht, spielt auch seine Mannschaft. Unaufgeregt, seriös – und mit einer Klarheit, die es so im WM-Teilnehmerfeld nur einmal gibt.
Seit der langjährige Nachwuchstrainer die spanische A-Mannschaft nach der enttäuschenden WM 2022 übernahm, geht es steil bergauf. Technik und Taktik allein, so seine Auffassung, reichen nicht: „Teamwork ist der Schlüssel.“
Seine Spieler kennen und schätzen ihren „Mister“ seit Jahren als Trainer, Ratgeber und ja, auch als eine Art Vaterfigur. Einige wie Strippenzieher Rodri, Edeljoker Mikel Merino oder Keeper Unai Simón gingen mit de la Fuente gemeinsam den Weg von Spaniens U19 über die U21 bis zum A-Team.
„Der Prozess fing schon vor Jahren an“, sagte der Coach nach dem Sieg gegen Frankreich. Und dennoch sei er „die ganze Zeit überrascht, wozu meine Mannschaft in der Lage ist“.
Spanien schon seit 37 Spielen ungeschlagen
Seit de la Fuentes Amtsantritt entwickelt sich die Mannschaft ständig weiter, eilt von Erfolg zu Erfolg.
Auf Anhieb gewann die Seleccion 2023 die Nations League, wurde im Jahr darauf Europameister und ist inzwischen seit 37 Spielen ungeschlagen. Ausgerechnet im Finale kann Spanien nun sogar den Rekord Italiens (2018 bis 2021) knacken.
„Schaut euch seine Bilanz an“, sagte Englands Trainer Thomas Tuchel beinahe ehrfürchtig, „es ist einfach unglaublich. Es wirkt, als könnten sie kein K.o.-Spiel verlieren.“
Wie bei der Weltmeisterelf um den begnadeten Xavi 2010 ist unter de la Fuente Ballbesitz das Markenzeichen des spanischen Spiels. Dabei agiert das aktuelle Team um Jungstar Lamine Yamal allerdings deutlich direkter, vertikaler und aggressiver als noch vor einigen Jahren.
WM-Titel wäre zu großem Teil auch de la Fuente zu verdanken
Mit ihrer Mischung aus technisch anspruchsvollem Kombinationsspiel und konsequentem Pressing stehen die Chancen für La Roja gut, zum zweiten Mal den WM-Thron zu erklimmen. Es wäre zu einem großen Teil auch de la Fuentes Titel.
Seine wichtigste Lektion? „Man lernt nie aus“, sagt er und formuliert daraus einen Anspruch gleichermaßen an sich und seine Spieler. „Ich sage ihnen immer, dass wir uns verbessern können, denn sonst reicht es nicht für den nächsten Wettbewerb“, so de la Fuente, der frühere Linksverteidiger, der seit 2013 für den spanischen Verband arbeitet.
Sein Schlusssatz klingt wie eine Warnung an alle Gegner: „Unsere Möglichkeiten zur Verbesserung sind noch immer sehr groß.“