Muss Deutschland seine Herangehensweise im Fußball grundlegend überdenken? Im SPORT1-Podcast Deep Dive spricht sich Shkodran Mustafi dafür aus.

Der Weltmeister von 2014 fordert nach dem frühen WM-Aus gegen Paraguay ein deutlich riskanteres und mutigeres Auftreten der DFB-Elf bei künftigen Turnieren.

Shkodran Mustafi gewann 2014 den WM-Titel
Shkodran Mustafi gewann 2014 den WM-TitelShkodran Mustafi gewann 2014 den WM-Titel© IMAGO/Sven Simon

WM-Aus: Mustafi fordert radikales Umdenken

Denn der Ex-Verteidiger erkannte fehlendes Tempo im Spiel nach vorne beim deutschen Team. „Was zu erkennen war, und das kann ich auch über das Turnier hinweg verallgemeinern: Es gibt ganz wenig Mannschaften, die den Mut haben, etwas zu riskieren. Wir haben ganz viele Spiele gesehen, wo es von links nach rechts und zurück ging und erst dann vertikal gespielt wurden, wenn es gar kein Risiko mehr gab. Das wurde uns auch zum Verhängnis, dass wir immer auf den richtigen Moment gewartet haben. Und der Moment kam nie.“

Im Vergleich zu den Topnationen der WM sah Mustafi signifikante Unterschiede. „Spanien und die Franzosen machen es gut, weil die erzwingen Sachen. Die spielen den Ball permament ins Zentrum, wo es so eng ist und sie Risiko nehmen. Das hat uns gefehlt, noch mehr Mut zu haben.“

Für Mustafi war das jedoch kein Zufall. Er sieht die Problematik deutlich größer und zieht den Vergleich auch zur deutschen Gesellschaft: „Generell sind wir eher so: ,Mach ich das? Wenn es nicht klappt, dann scheitere ich ja.‘ Wir denken immer sehr viel an die möglichen negativen Konsequenzen. Ich habe Jahre in Italien oder Spanien verbracht und da ist es anders. Da fragen sich alle, was sie gewinnen können.“

Das wünscht sich Mustafi vom DFB-Team

Vor allem den risikolosen und langsamen Spielaufbau würde Mustafi sehr gerne der Vergangenheit angehören lassen: „Es geht uns nicht darum, das perfekte Spiel und alles richtig zu machen, sondern einfach mutig nach vorne zu spielen und zu riskieren.“

Der 20-malige Nationalspieler Mustafi formuliert seine Anregungen nicht als unbeteiligter Dritter – er ist Teil des DFB-Gefüges: Im Sommer 2024 beendete er seine Karriere und heuerte wenige Wochen später beim Verband an. Zunächst war er Assistenztrainer der deutschen U17. Seit August 2025 ist der 34-Jährige Co-Trainer der U21 beim DFB. Aufgrund seiner engen Verbindung zum Verband sagte er über das Aus gegen Paraguay: “Mein Herz hat geblutet.“

Shkodran Mustafi ist Co-Trainer der deutschen U21
Shkodran Mustafi ist Co-Trainer der deutschen U21Shkodran Mustafi ist Co-Trainer der deutschen U21© IMAGO/DeFodi Images

Mustafi widerspricht Mertesacker wegen Tah

Die anstehenden Umwälzungen beim DFB könnten zur Folge haben, dass Mustafi bald wieder mit Weltmeister-Kollege Per Mertesacker zusammenarbeitet. In einer Diskussion, die Mertesacker in seiner Rolle als ZDF-Experte angestoßen hat, widerspricht Mustafi ihm allerdings.

Mertesacker hatte während der WM die Meinung bekundet, dass Verteidiger generell keine gute Wahl für Elfmeter seien. Auch Jonathan Tah verschoss für Deutschland folgenschwer.

Mustafi sieht es anders – und bricht auch eine Lanze für die Spieler, die im Elfmeterschießen nicht angetreten sind: „Wir überdenken manchmal zu viel. Ja, er ist Innenverteidiger und nicht so oft in der Situation. In dem Moment kommt es aber darauf an, was man fühlt. Da ist so viel Druck drauf. Der eine kann das besser wegstecken als der andere, obwohl der vielleicht eigentlich besser für diesen Elfmeter wäre. Die Spieler müssen in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen und anzutreten. Es bringt nichts, wenn du ein guter Schütze bist, aber verunsichert bist. Man muss auch ehrlich sagen können, dass man es sich nicht zutraut.“

Aus Mustafis Sicht sollte das Elfmeterschießen gegen Paraguay nicht im Zentrum der Aufarbeitung stehen – sondern die 120 Minuten davor.