Das Wort „Scheitern“ war seit dem Abpfiff quasi allgegenwärtig. Dabei ist England bei der Weltmeisterschaft 2026 noch gar nicht im klassischen Sinne ausgeschieden. Nach dem bitteren Halbfinal-Aus gegen Argentinien bleibt den „Three Lions“ zumindest noch das Spiel um Platz drei gegen Frankreich.

Doch die Aussicht auf das Duell am Samstag löst weder bei den Beteiligten noch im Umfeld der Mannschaft großartige Begeisterung aus.

Thomas Tuchel und die englische Nationalmannschaft haben das WM-Halbfinale verloren
Thomas Tuchel und die englische Nationalmannschaft haben das WM-Halbfinale verlorenThomas Tuchel und die englische Nationalmannschaft haben das WM-Halbfinale verloren© IMAGO/Craig Mercer

„Niemand von uns oder den Franzosen will dieses Match spielen. Wir wollten ins Finale“, sagte Nationaltrainer Thomas Tuchel, der sich derzeit mit deutlich größeren Problemen beschäftigen muss.

Tuchel „kein Messias“

Nach dem verpassten Einzug ins Finale ist die Stimmung in England gekippt. Zwar berichten mehrere Medien, dass Tuchel weiterhin das Vertrauen des Verbandes genieße. In der Öffentlichkeit und insbesondere in den Boulevardblättern hingegen wird der Deutsche zunehmend zum Ziel scharfer Kritik.

Die Sun schrieb noch einigermaßen nüchtern, nun würden die englischen Stars wissen, „dass der Deutsche kein Messias“ sei. Doch nach dem 1:2 gegen Argentinien und dem nächsten geplatzten Traum vom ersten großen Titel seit 60 Jahren steht Tuchel massiv unter Druck.

Vor allem seine Auswechslungen und die passive Spielweise seiner Mannschaft nach dem Führungstreffer von Anthony Gordon in der 55. Minute werden angeprangert. England zog sich weit zurück und verlor die Kontrolle über die Partie, ehe Enzo Fernández (85.) und Lautaro Martínez (90.+2) das Spiel drehten. Die Zeitung stellte deshalb die Frage: „Sollte er im Amt bleiben?“ 

Hat Tuchel England falsch gecoacht?

Schärfer fiel das Urteil des Mirror aus. Die Zeitung attestierte Tuchel ein taktisches Versagen und warf ihm sogar vor, sein Team in den entscheidenden Momenten im Stich gelassen zu haben. Dass England den Einzug ins Finale verpasst habe, sei vor allem auf die Herangehensweise des Trainers zurückzuführen.

„Tuchels Taktik ging massiv nach hinten los, als Argentinien Englands WM-Traum beendete, und der Ruf, den sich der Deutsche aufgebaut hatte, wurde durch seine Entscheidungen schwer beschädigt. Die brutale Realität ist, dass Thomas Tuchel schwer angeschlagen ist. Plötzlich scheint Tuchel doch nicht mehr so ein Genie zu sein“, heißt es dort. 

Für das Boulevardblatt lag die Ursache des Ausscheidens also klar auf der Hand. „Die Aura, die den ‚Weltklasse‘-Trainer Englands umgab, ist schnell einem Chor der Kritik an seiner Taktik gegen Argentinien gewichen“, befand der Mirror.

Zusätzliche Spannungen lösten Aussagen Tuchels nach dem Halbfinale aus. Der Nationaltrainer hatte erklärt, dass Ballbesitzfußball nicht in gleichem Maße zur „DNA“ des englischen Fußballs gehöre wie etwa in Spanien, Argentinien oder Brasilien. Die Fähigkeit, Spiele über längere Ballbesitzphasen zu kontrollieren, sei für England weiterhin eine Herausforderung.

Nach WM-Aus: Tuchel-Aussagen stoßen auf Unverständnis

Gerade das stieß beim Telegraph auf heftigen Widerspruch. „Er redet Unsinn“, urteilte die Zeitung. Schon der ständige Verweis auf eine angebliche „DNA“ sei eine abgenutzte Floskel. Vor allem aber halte die Analyse einer genaueren Betrachtung nicht stand.

„Nur weil die englischen Spieler zwischen der 66. und 84. Minute in Atlanta gerade einmal drei erfolgreiche Pässe spielten, bedeutet das nicht, dass sie dazu grundsätzlich nicht in der Lage sind“, schrieb der Telegraph. Die entscheidende Frage sei vielmehr, weshalb eine Mannschaft mit so viel individueller Qualität ausgerechnet in der entscheidenden Phase eines WM-Halbfinals erstarrt sei.

Nach Ansicht des Blattes wich Tuchel dieser Frage aus und vermittelte stattdessen den Eindruck, als schleppe diese englische Generation einen unveränderbaren Makel mit sich herum. Ein Irrtum, wie der Telegraph betonte.

Tuchels Irrtum?

„Der englische Fußball hat seit 2010 Millionen Pfund in Trainer, Einrichtungen, mehr Trainingsstunden und Ausbildungsprogramme investiert, um diese Situation zu ändern. Das ist so gut gelaufen, dass dadurch nicht nur eine Nationalmannschaft entstanden ist, die in der FIFA-Rangliste unter den ersten vier steht, sondern auch einige der Schlüsselspieler anderer Nationalmannschaften hervorgebracht wurden“, schrieb der Telegraph weiter.

Der Telegraph verwies dabei auf mehrere Beispiele, die Tuchel widersprechen. Schließlich seien zahlreiche internationale Topspieler auf der Insel ausgebildet worden.

„Jamal Musiala, Antonee Robinson, Folarin Balogun, Antoine Semenyo und Michael Olise hätten alle für England spielen können und verbrachten ihre entscheidenden Entwicklungsjahre dort“, nannte das Blatt. Am schärfsten fiel die Kritik nicht zuletzt deshalb in der Daily Mail aus. „Der selbstverliebte Thomas Tuchel muss jetzt entlassen werden. Er hat aus Angst seine Ambitionen aufgegeben, die Aufstellung im entscheidenden Moment vermasselt und die falschen Spieler zu Hause gelassen“, schrieb Kolumnist Jeff Powell.

Journalist fordert Tuchels Abgang

„Keine Reue? Der ängstliche Trainer sollte jede Menge davon haben. Keine Reue? Versuchen Sie das mal den Millionen zu sagen, die zu Hause entsetzt zuschauten, wie ein ausländischer Trainer diesen beschämenden ‚Bus der Angst‘ in derselben ängstlichen Sackgasse parkte wie Englands eigener Gareth Southgate. Was für eine grausame Ironie“, schrieb Powell weiter: „Die Würfel für eine zum Scheitern verurteilte Strategie waren gefallen – defensive Spieler wurden eingewechselt, um kreative Talente zu ersetzen, die diese Ein-Tor-Führung hätten ausbauen können. Anstatt den endgültigen Triumph anzustreben, mussten sie um ihr Leben kämpfen, wie Fledermäuse, die vom Sonnenlicht geblendet sind.“

Laut Powell hat Tuchel bis heute keine Vorstellung davon entwickelt, wie seine beste Mannschaft aussehen müsse. Das habe sich bereits in der Aufstellung für das Halbfinale gezeigt, argumentierte der Journalist und verwies unter anderem auf das Fehlen prominenter Akteure wie Trent Alexander-Arnold.

Sein vernichtendes Fazit: „Für England ist das Paradies noch immer verloren. Kann es aus den Treibsanden von 60 Jahren in einer WM-Wüste zurückerobert werden? Nicht mit diesem Trainer. Für den ungläubigen Thomas ist es Zeit, tschüss zu sagen und zu gehen.“