Oliver Bierhoff hat den deutschen Fußball über zwei Jahrzehnte geprägt – als Europameister, langjähriger DFB-Manager und Teil des Sommermärchens 2006.

Für das SPORT1-Interview nahm sich der 58-Jährige viel Zeit und sprach über das WM-Aus, die Krise der Nationalmannschaft, eigene Fehler und die Frage, was Deutschland auf dem Weg zurück an die Weltspitze verloren hat.

Oliver Bierhoff blickt mittlerweile aus der Ferne auf die deutsche Nationalmannschaft
Oliver Bierhoff blickt mittlerweile aus der Ferne auf die deutsche NationalmannschaftOliver Bierhoff blickt mittlerweile aus der Ferne auf die deutsche Nationalmannschaft© IMAGO/DeFodi Images

DFB-Debakel bei der WM 2026: „Hat auch mit Charakter zu tun“

SPORT1: Herr Bierhoff, Deutschland ist überraschend bereits im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Was war Ihr erster Gedanke, als der Abpfiff ertönte?

Oliver Bierhoff: Na ja, ich weiß natürlich, was bei einem Turnier alles passieren kann. Aber ich war überzeugt, dass es gegen Paraguay noch nicht passieren würde. Gegen Frankreich im Achtelfinale wäre es eine andere Geschichte gewesen. Da hätte man auch sagen können: Da ist einfach eine höhere Qualität vorhanden. Aber Paraguay musst du eigentlich schlagen. Bis zum Ende habe ich daran geglaubt, dass wir das schon noch drehen und so mit einem schlechten Spiel durchrutschen. Insofern war ich schon fassungslos. Und natürlich weiß man und fühlt mit, was dann alles passiert. Da stürzt die Welt auf dich ein. Du bist in so einem Moment als Verantwortlicher sprachlos und weißt gar nicht genau, wie du die Dinge erklären kannst. Du denkst: Wie konnte das passieren? Und natürlich weiß man, dass dann eine mediale Lawine auf einen zurollt.

SPORT1: Das Aus im Sechzehntelfinale wirkt nicht wie ein Betriebsunfall, sondern wie ein Symptom tiefer liegender Probleme im deutschen Fußball. Teilen Sie diesen Eindruck?

Bierhoff: Ich neige nie zu extremen Schwankungen und versuche immer, nüchtern und realistisch zu bleiben. Schon vor dem Turnier habe ich gesagt, dass Deutschland für mich nicht zu den Favoriten gehört. Das liegt nicht nur an den vergangenen Turnieren. Uns fehlt im Vergleich zu anderen großen Fußballnationen ein Stück weit die absolute Topqualität. Wenn man sich Spieler wie Mbappé, Messi, Haaland oder Kane anschaut, sieht man Akteure, die ihre Mannschaften auf höchstem Niveau permanent tragen und in wichtigen Spielen abliefern. Deutschland lebt viel stärker vom Teamgedanken. Trotzdem bin ich überzeugt: Mit der Qualität, die wir besitzen, hätten wir nicht zweimal in der Vorrunde ausscheiden dürfen – und wir hätten auch nicht gegen Paraguay verlieren dürfen. Deshalb schmerzt dieses Ausscheiden so sehr. Es hat auch mit Charakter zu tun. Nicht im Sinne eines schlechten Charakters, sondern eher mit der Frage, ob es gelingt, in den entscheidenden Momenten effizient und kaltschnäuzig zu sein, noch etwas zusätzlich zu aktivieren und sich selbst top zu motivieren.

Julian Nagelsmann weg? „Am Ende muss er das Ergebnis vertreten“

SPORT1: Welche Verantwortung trägt Julian Nagelsmann an diesem Scheitern?

Bierhoff:  Trainer, Co-Trainer, Manager und Funktionäre tragen gemeinsam Verantwortung. Aber natürlich steht der Cheftrainer an oberster Stelle. Am Ende muss er das Ergebnis vertreten, weil es seine finalen Entscheidungen sind. Er stellt die Mannschaft ein, legt den Plan fest und trägt deshalb auch die Hauptverantwortung, wenn es sportlich nicht funktioniert.

SPORT1: Ist Julian Nagelsmann weiterhin der richtige Bundestrainer oder braucht die Nationalmannschaft jetzt einen Neuanfang – vielleicht sogar mit Jürgen Klopp?

Bierhoff: Populistisch betrachtet müsste man jetzt wahrscheinlich sagen: Es braucht eine neue Person. Ich glaube aber, dass man die Situation mit Ruhe und Abstand bewerten sollte. Entscheidend ist die Frage: Wie wurde in den vergangenen Jahren gearbeitet und was wurde erreicht an Ergebnissen und Entwicklungen? Gibt es eine funktionierende Beziehung zur Mannschaft? Erreicht der Trainer die Spieler noch? Das kann und muss vor allem Rudi Völler beurteilen, der ja nah an Trainer und Mannschaft war. Am Ende kann ein Trainer nur dann erfolgreich arbeiten, wenn die Führung des DFB weiterhin voll von ihm überzeugt ist und hinter ihm steht. Wenn diese Überzeugung nicht mehr vorhanden ist, muss man konsequent handeln und einen Neuanfang wagen. Der Vorteil bei einem neuen Trainer ist, dass es einfacher für ihn ist, neue Wege zu gehen, weil er keine Altlasten und keine Historie mit der Mannschaft mitbringt.

Bierhoff: Das ist der neue "Wunschtrainer der Nation"

Bierhoff: Das ist der neue „Wunschtrainer der Nation“

Jürgen Klopp „der Wunschtrainer der Nation“

SPORT1: Jürgen Klopp gilt für viele Fans als Wunschlösung für die Nationalmannschaft. Ist er auch für Sie die naheliegendste Option?

Bierhoff: Wenn es den Wunschtrainer der Nation gibt, dann ist das ohne Zweifel Jürgen Klopp. Er überstrahlt mit seiner Persönlichkeit und seinem Charakter vieles. Trotzdem sollte man den Verantwortlichen jetzt Zeit geben. Auch Julian Nagelsmann muss die Möglichkeit bekommen, die Situation für sich zu bewerten. Hat er die Kraft und die Energie, gegen die Widerstände anzugehen? Eine so wichtige Entscheidung muss am Ende aus voller Überzeugung getroffen werden.

SPORT1: Deutschland wirkt heute nicht mehr wie die Nationalmannschaft, die Sie über viele Jahre mitgeprägt haben. Täuscht dieser Eindruck?

Bierhoff: Man muss es leider so feststellen: nein. Vor allem deshalb nicht, weil Deutschland heute keine furchterregende Mannschaft mehr ist. Früher hatten die Gegner großen Respekt vor uns. Sie wollten nicht gegen Deutschland spielen. Wir haben vielleicht nicht immer schön gespielt – aber wir waren extrem effektiv, knallhart und zielstrebig. Später, ab 2010, kam dann eine außergewöhnliche spielerische Qualität hinzu. Ich durfte die wunderbare Zeit von 2006 bis 2017 begleiten. Diese Mannschaft hat den Weltfußball zeitweise geprägt. Erst 2018 kam dann der Bruch. Heute fehlt ein Stück weit dieses Selbstverständnis. Gegen Paraguay hatte ich nicht das Gefühl, dass die Mannschaft mit der Überzeugung auftritt: Wir sind Deutschland, wir haben Champions-League-Sieger in unseren Reihen und wir werden dieses Spiel gewinnen. Genau dieses Selbstverständnis hat früher einen großen Teil der deutschen Stärke ausgemacht.

„Ich habe viele dieser Fehlentwicklungen schon früh angesprochen“

SPORT1: Wo sehen Sie aktuell die größte sportliche Baustelle?

Bierhoff: Wir müssen wieder mehr Persönlichkeiten entwickeln. Die absoluten Topspieler zeichnen sich nicht nur durch ihre sportliche Qualität aus. Sie liefern auch dann, wenn der Druck am größten ist. Ich habe bereits 2017 auf dem DFB-Bundestag darauf hingewiesen, dass wir in der Ausbildung einige Dinge verändern müssen. Wir bilden sehr detailliert und sehr strukturiert aus – vielleicht aber zu einheitlich und zu wenig persönlichkeitsfördernd. Früher gab es deutlich mehr Bolzplätze. Kinder haben stundenlang ohne Trainer und Vorgaben gespielt. Heute wird sehr viel angeleitet. Dadurch verlieren wir möglicherweise Kreativität und Individualität. Wir haben zu viele ähnliche Spielertypen ausgebildet und zu wenige Persönlichkeiten entwickelt. Genau dort müssen wir ansetzen. Denn häufig entscheidet nicht die Anzahl der Chancen, sondern die Fähigkeit, im entscheidenden Moment zu liefern.

SPORT1: Viele Kritiker sagen, die Krise des deutschen Fußballs habe nicht erst nach Ihrem Abschied begonnen, sondern bereits während Ihrer Amtszeit. Trifft Sie dieser Vorwurf?

Bierhoff: Natürlich. Ich habe viele dieser Fehlentwicklungen selbst schon früh angesprochen. Wenn man meine Rede auf dem DFB-Bundestag 2017 liest, wird man feststellen, dass ich damals bereits darauf hingewiesen habe, dass weniger Ausnahmespieler nachkommen. Damals waren wir noch Weltmeister. Viele haben gesagt: Wir sind doch Weltmeister, wir haben fantastische Spieler. Intern haben wir aber schon gesehen, dass immer weniger Spieler nach oben kommen, die das Potenzial zur absoluten Weltklasse besitzen. Deshalb ist das keine Entwicklung, die plötzlich entstanden ist oder die allein Julian Nagelsmann anzulasten wäre. Das ist ein Versäumnis des gesamten deutschen Fußballs über viele Jahre. Darum haben Christian Seifert von der DFL und ich das „ProjektZukunft“ ins Leben gerufen. Das ist aber ein komplexes Thema mit vielen Besitzständen.

Oliver Bierhoff (l.) war als Manager Teil des WM-Triumphs 2014
Oliver Bierhoff (l.) war als Manager Teil des WM-Triumphs 2014Oliver Bierhoff (l.) war als DFB-Manager Teil des WM-Triumphs 2014© IMAGO/Laci Perenyi

„Es wurde viel zu lange von den Erfolgen der Vergangenheit gelebt“

SPORT1: Der deutsche Fußball hat lange von den Erfolgen der Vergangenheit gelebt. Wurde zu wenig hinterfragt und weiterentwickelt?

Bierhoff: Ja, diesen Eindruck habe ich schon. Wir waren im Hype des Sommermärchens, der modernen Stadien und einer sehr erfolgreichen Nationalmannschaft. Die hervorragende Arbeit der Nachwuchsleistungszentren hat wesentlich zu den Erfolgen von 2010 und 2014 beigetragen. Danach wurde aber zu wenig hinterfragt und zu wenig weiterentwickelt, viel zu lange von den Erfolgen der Vergangenheit gelebt und geglaubt, dass vieles von allein weiterläuft. Aber Spitzenfußball bedeutet permanente Weiterentwicklung. Wir müssen wieder neugieriger, demütiger und selbstkritischer werden. Wir müssen uns ständig fragen: Was können wir besser machen? Was müssen wir verändern? Da sehe ich durchaus auch Parallelen zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland.

SPORT1: Sie waren über zwei Jahrzehnte einer der mächtigsten Männer im deutschen Fußball. Gibt es rückblickend einen Fehler, den Sie heute anders machen würden?

Bierhoff: Fehler macht man immer. Gerade am Anfang habe ich viele Fehler gemacht, weil ich unerfahren war. Ich habe allerdings nie versucht, den bequemen Weg zu gehen. Den meisten Ärger habe ich bekommen, weil ich immer wieder Themen angestoßen habe – etwa den Bau des DFB-Campus, die Akademie oder die Entwicklung der Marke „Die Mannschaft“. Ich hätte es mir auch deutlich einfacher machen können. Aber ich war von diesen Projekten überzeugt. Rückblickend hätte ich nach dem WM-Titel 2014 wahrscheinlich noch stärker darauf achten müssen, die Dinge wieder auf den sportlichen Kern zu konzentrieren und den Hype um die Mannschaft zu begrenzen. Die öffentliche Bedeutung der Nationalmannschaft wurde immer größer. Wir haben selbst dazu beigetragen, indem wir ihre gesellschaftliche Bedeutung betont haben. Im Nachhinein hätte ich manche Entwicklungen früher zurückfahren und noch konsequenter sagen müssen: Wir sind hier, um Fußballspiele zu gewinnen und Höchstleistungen zu bringen.

Bierhoff als Hausmeister des DFB

SPORT1: Haben Sie möglicherweise zu spät erkannt, dass aus moderner Inszenierung — und auch aus der Marke „Die Mannschaft“ — irgendwann Entfremdung zwischen Mannschaft und Fans werden kann?

Bierhoff: Es ist immer schwierig, das richtige Maß zu finden. Für mich war es wichtig, das Beste für den DFB herauszuholen. Ich habe immer gesagt: Je mehr Einnahmen wir generieren, desto mehr Geld kann wieder in die Basis fließen. Aber man darf niemals die Seele dessen verlieren, was man eigentlich macht. Genau darin liegt die Gefahr, wenn man zu viel Drumherum erzeugt. Ein Mitarbeiter hat einmal zu mir gesagt: „Oliver, du bist eigentlich wie ein Hausmeister, der ständig ums Haus herumläuft und den Efeu wegschneidet.“ Das trifft es ganz gut. An der Nationalmannschaft zehren viele: der DFB, die Politik, Sponsoren, Medien und Fans. Jeder möchte ein Stück davon haben. Oft war ich derjenige, der Grenzen setzen musste. Im Nachhinein hätte ich an manchen Stellen vielleicht noch konsequenter sein und häufiger sagen müssen: Bis hierhin und nicht weiter.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Oliver Bierhoff zum Interview
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Oliver Bierhoff zum InterviewSPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Oliver Bierhoff zum Interview© Reinhard franke

SPORT1: Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass die Beziehung zwischen Nationalmannschaft und Öffentlichkeit brüchig wird?

Bierhoff: Das kann sehr schnell gehen. Im März 2018 waren wir gemeinsam mit Spanien für viele noch die beste Fußballnation der Welt. Alle wollten die Mannschaft sehen, die Stimmung war hervorragend. Drei Monate später scheidest du bei einer Weltmeisterschaft in der Vorrunde aus – und plötzlich bist du abgehoben, distanziert und alles wird infrage gestellt, obwohl sich an vielen Dingen gar nichts verändert hat. Natürlich hat man gespürt, dass sich über Jahre auch Kritik angestaut hatte. Ich habe damals zu Joachim Löw gesagt: Wir dürfen das nicht persönlich nehmen. Vielleicht konnten uns die Menschen nach all den Jahren einfach nicht mehr sehen. Das ist auch normal. Irgendwann wollen die Menschen neue Gesichter und neue Geschichten sehen.

SPORT1: Viele Fans empfanden die Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren als emotional schwer greifbar. Haben wir unterwegs etwas verloren?

Bierhoff: Dieses Empfinden muss man ernst nehmen. Interessanterweise haben wir während meiner Zeit deutlich mehr Fanaktionen durchgeführt als früher. Als ich selbst Spieler war, waren wir deutlich stärker abgeschottet. Trotzdem glaube ich, dass vieles mit der Leistung zusammenhängt. Solange die Mannschaft erfolgreich ist, wird vieles akzeptiert. Fehlt der Erfolg, werden plötzlich andere Themen wichtig. Natürlich spielen auch Bilder eine Rolle. Wenn Spieler mit Designerkleidung oder sehr luxuriös auftreten, kann das Distanz erzeugen. Solange die Ergebnisse stimmen, wird das kaum hinterfragt. Fehlen die Ergebnisse, verändert sich die Wahrnehmung sofort. Wenn dann über Familienbesuche, Teamquartiere oder irgendwelche Graugänse diskutiert wird, halte ich vieles davon für überzogen. Ob Familien drei Tage früher anreisen oder Partnerinnen am Pool fotografiert werden, darf auf die Leistung von Nationalspielern eigentlich keinen Einfluss haben. Entscheidend ist immer, was auf dem Platz passiert.

Hat das das DFB-Team negativ beeinflusst? "Vollkommener Quatsch"

Hat das das DFB-Team negativ beeinflusst? „Vollkommener Quatsch“

„Damals waren wir noch ‚Die Mannschaft'“

SPORT1: Sie haben die erfolgreichste Zeit der jüngeren DFB-Geschichte als Spieler und Manager maßgeblich mitgeprägt. Was fühlen Sie heute zuerst: Stolz, Distanz oder Wehmut?

Bierhoff: Vor allem Stolz. Jemand hat mir vor Kurzem gesagt, dass ich in den vergangenen 35 Jahren die letzten drei großen Erfolge des deutschen Fußballs aktiv mitgestaltet habe: die EM 1996 als Spieler, das Sommermärchen 2006 und den WM-Titel 2014 als Manager. Darauf bin ich wahnsinnig stolz. Jetzt sage ich es ein bisschen provokativ: Damals waren wir noch „Die Mannschaft“. Da haben wir gepowert, dominiert und eine enorme Identifikation geschaffen. Das Nationaltrikot zu tragen und für Deutschland zu spielen, ist etwas ganz Besonderes. Wenn ich daran denke, wie wir die Mannschaft 2004 übernommen haben und welches Feuer wir schon bei der WM 2006 entfacht haben, erfüllt mich das mit großer Dankbarkeit. Für mich war das Sommermärchen immer mehr als nur ein Fußballturnier. Es war ein Turnier des ganzen Landes. Aus dieser Euphorie sind zehn Jahre voller Freude, Identifikation und großartiger Fußballmomente entstanden. Darauf blicke ich sehr gerne zurück.

SPORT1: Es gibt viele ehemalige Verantwortliche, die sagen: Wenn man einmal beim DFB war, lässt einen die Nationalmannschaft nie wieder los. Geht es Ihnen genauso?

Bierhoff: Absolut. Natürlich habe ich nach wie vor eine große Liebe zur Nationalmannschaft. Ich fiebere mit und bin Fan. Ob bei der Heim-EM 2024 oder jetzt bei der Weltmeisterschaft – mein Herz schlägt schneller, wenn solche Turniere stattfinden. Seit 1998 war das die erste Weltmeisterschaft, bei der ich nicht mehr aktiv beteiligt war. Das hat sich schon ungewohnt angefühlt. Gleichzeitig habe ich ganz bewusst versucht, Abstand zu gewinnen. Ich glaube, dass es für die handelnden Personen nicht hilfreich wäre, wenn ich ständig auftauche oder permanent alles kommentiere. Es ist heute nicht mehr meine Mannschaft. Ich habe sie nicht gestaltet. Es ist ein anderes Team mit einem anderen Gesicht. Aber die Verbundenheit bleibt natürlich.

SPORT1: Wie möchten Sie einmal in der Geschichte des deutschen Fußballs gesehen werden?

Bierhoff: Als jemand, der Dinge bewegt hat. Natürlich wird man sich an das Golden Goal bei der Europameisterschaft 1996 erinnern. Aber ich hoffe auch, dass man sich an den Bau des DFB-Campus, die Akademie und viele weitere Entwicklungen erinnert. Ich möchte als integre, loyale, kompetente und innovationsfreudige Persönlichkeit wahrgenommen werden. Und vor allem als Teamplayer. Ich war immer ein Teamplayer. Wenn man ehemalige Profis fragt, was ihnen nach der Karriere am meisten fehlt, dann antworten die wenigsten: das Stadion oder die Öffentlichkeit. Die meisten sagen: die Kabine. Und genau das vermisse ich manchmal bis heute. Mir fehlt mein Team, meine Mitarbeiter und Kollegen, mit denen ich Träumen und Zielen nachgehen konnte.