Noussair Mazraoui kam ins Grübeln. Eigentlich hatte er sich entschieden, er wollte für Marokko spielen, das Land seiner Eltern. Doch dann? „Es gab auf jeden Fall einen Moment des Zweifelns“, sagte Mazraoui später über den Anruf von Ronald Koeman, damals wie heute Nationaltrainer der Niederlande.
Doch der aufstrebende Jungstar von Ajax Amsterdam blieb bei seiner Entscheidung – und trifft nun als gestandener Verteidiger von Manchester United auf der größtmöglichen Bühne auf sein Geburtsland.
WM 2026: Warum das Duell mit Oranje für Marokko so besonders ist
Im WM-Sechzehntelfinale zwischen Marokko und den Niederlanden in der Nacht auf Dienstag (3.00 Uhr im LIVETICKER) in Monterrey geht es jedoch nicht nur Mazraoui, geboren in Leiderdorp rund 40 Kilometer südlich von Amsterdam, so. Auch Anass Salah-Eddine und Sofyan Amrabat sind in den Niederlanden geboren.
Wie Ex-Bayern-Profi Mazraoui durchliefen sie die Jugendakademien großer Vereine, Salah-Eddine lief bis zur U21 sogar für die Niederlande auf. Dass sie nun für Marokko spielen? Alles andere als eine statistische Anomalie.
Es sei ein „sehr seltsames Gefühl“, auf ein Land zu treffen, das „einem auch etwas gegeben hat, das einem ebenfalls wichtig ist“, sagte Marokkos Nationaltrainer Mohamed Ouahbi – Mazraoui, Salah-Eddine und Amrabat seien aber in erster Linie Marokkaner und wollten mit Marokko gewinnen: „Sie haben einen klaren Kopf, sind sehr ruhig und gelassen.“
In den 1960er-Jahren kamen viele Marokkaner als Gastarbeiter in die Hafengebiete der Niederlande. Seitdem vergrößerte sich die Gemeinde der Nordafrikaner im europäischen Land immer weiter. Vor allem in der „Randstad“ um die Großstädte Amsterdam, Rotterdam und Utrecht leben inzwischen rund 400.000 Menschen mit marokkanischen Wurzeln.
Auch Bayern-Flirt Saibari wurde in den Niederlanden zum Star
Die Verwebungen der beiden Staaten werden nun auch während der WM sichtbar. Doch damit nicht genug. Einige Spieler verdanken nahezu alles, was sie auf dem Rasen auszeichnet, den Niederlanden. Bayern-Flirt Ismael Saibari kam 2020 mit 19 Jahren zur PSV Eindhoven in die zweite Mannschaft. Seit nunmehr sechs Jahren läuft der Offensivmann für den Verein auf, spricht fließend niederländisch und wurde zum Star.
Die marokkanische Diaspora ist eine der größten in Europa, das hat sich der nationale Fußballverband FRMF zunutze gemacht. Überall, sei es in Frankreich, Spanien oder eben in den Niederlanden, hat die FRMF seit den 2010er-Jahren Scouts platziert.
Dort verfolgt der Verband Talente oft bereits in jungen Jahren, pflegt den Kontakt zu Familien und zeigt ihnen langfristige Perspektiven auf. Auch aus der entsprechenden Zuführung von Spielern resultierte die bislang größte Sternstunde des marokkanischen Fußballs: der Einzug ins WM-Halbfinale 2022 in Katar.
„Die Ergebnisse, die wir heute sehen“, sagte FRMF-Präsident Fouzi Lekjaa, „sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit, Planung und Investitionen“. Und auch beim Turnier in Nordamerika sind sie zu betrachten. Aus dem aktuellen 26er-Kader wurden 19 Spieler nicht in Marokko geboren.
Kapitän Achraf Hakimi etwa kam in Spanien zur Welt, genauso wie der bisherige WM-Star der Marokkaner und Bayern-Wunschspieler Saibari. Toptalent Ayyoub Bouaddi, bis vor Kurzem noch Kapitän der französischen U21, wechselte erst kurz vor der WM den Verband.
Marokko wirbt gezielt europäische Talente ab
Das zeigt: Auch für junge Talente wird das Projekt immer mehr zu einer echten Option. Aufgrund des Erfolgs, klar. Aber auch, weil in Marokko selbst kräftig in den Fußball investiert wird. Das verleiht Glaubwürdigkeit.
Spieler würden „kommen, weil sie an das Projekt glauben und weil sie zu diesem Land gehören“, sagte Lekjaa. Die Bindung an die familiäre Herkunft soll jedoch keinesfalls in Konkurrenz zu den europäischen Heimatländern stehen.
„Ich bin stolzer Marokkaner, aber auch stolzer Niederländer“, sagte etwa Mazraoui: „Ich verstehe nicht, warum manche das nicht begreifen. Warum muss man sich entscheiden?“ Die Wahl der Nationalmannschaft könne jedenfalls „keine strategische Entscheidung darüber sein, wo man mehr Chancen haben wird“, betonte Saibari zuletzt: „Man repräsentiert ein ganzes Land, also muss man mit dem Herzen spielen.“
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)