Im Grunde sind es nur 180 Sekunden. Ein Treffen an der Seitenlinie. Ein Schluck Wasser. Ein paar Worte ans Team. Eigentlich nichts, worüber man sich aufregen müsste. Und wahrscheinlich liegt genau darin das Problem.

Denn die neuen „Hydration Breaks“, die wir gerade in jedem WM-Spiel erleben, sind tatsächlich viel mehr als eine Maßnahme gegen die Hitze. Sie verändern das Wesen des Spiels, das seit jeher von einer einfachen, fast revolutionären Idee gelebt hat: 45 Minuten am Stück. Keine Timeouts. Keine Werbeblöcke. Keine künstlich gesetzten Atempausen.

Die Trinkpausen verändern die WM grundlegend
Die Trinkpausen verändern die WM grundlegendDie Trinkpausen verändern die WM grundlegend© Imago Images

Jetzt diese „Trinkpausen“. Sagen wir so: Wer glaubt, dass die FIFA die zusätzlichen Unterbrechungen nicht auch als neue Einnahmequelle entdeckt hat, glaubt auch, dass Bandenwerbung vor allem der Verschönerung der Stadien dient.

Fußball ist bei dieser WM ein Spiel in vier Vierteln, mit einer großen Pause in der Mitte.

NBA und NFL als Vorreiter für die Fußball-WM

Okay, schauen wir auf die großen Entertainment-Sportligen wie NBA oder NFL, mit denen der Top-Fußball um Zuschauer, Reichweiten und Sponsoren streitet, dann war das mit den zusätzlichen Unterbrechungen sicher vorauszusehen. In kleinen Schritten geht es immer in eine Richtung.

Ein paar Minuten hier, ein paar zusätzliche Spiele da. Eine neue Klub-WM, jetzt die größte Weltmeisterschaft der Geschichte. Immer neue Kompromisse, schleichende Veränderung. Und irgendwann fragt niemand mehr, wie es einmal war. Wir vergessen schnell.

Gar keine Frage: Genauso geht ja auch Fortschritt. Und jede einzelne Veränderung lässt sich erklären. Jede wirkt vernünftig. Aber die Summe dieser Veränderungen, die formt irgendwie auch einen anderen Sport. Denn die Einflussnahme in den Trinkpausen ist definitiv spürbar.

Der unterbrochene Spielfluss beispielsweise ist ein Punkt, der den gerade Strauchelnden hilft. Das ist gar nicht schlimm, nur es ist eben auch Fakt: Der kleine Neustart mittendrin verändert das Spiel.

Trinkpause bei der WM: Gibt es kein Zurück mehr?

Vielleicht sind die Hydration Breaks nur ein Nebenschauplatz der WM. Vielleicht werden sie auch wieder verschwinden.

Wahrscheinlicher ist aber, dass die Einnahmen der neuen Werbeunterbrechungen bald schon dringend benötigt werden. Die immer teureren Rechte müssen bezahlt werden, die immer höheren Kosten der Superkader auch. Mal schauen, wie das in der Champions League wird.

Aller Voraussicht nach erleben wir gerade den Moment, in dem der Spitzenfußball eine weitere werbefreie Insel verliert – nicht mit einem großen Knall, sondern, fast unscheinbar, mit ein paar Schluck Wasser.

Tobias Holtkamp war in der Chefredaktion von Sport Bild und Chefredakteur von Transfermarkt.de. Heute berät er Sportler und Marken in ihrer inhaltlichen und strategischen Ausrichtung. Für SPORT1 schreibt...