„Das sind einschneidende Entscheidungen – und ein großes Risiko. Doch dieser Trainer hat keinen Sinn für Reputationen und kümmert sich noch weniger darum, was andere Leute denken“, schrieb der Daily Mirror, als Thomas Tuchel seinen WM-Kader bekannt gab. In diese Kerbe schlugen große Teile der englischen Medienlandschaft.
Die Verkündung der WM-Reisegruppe glich auf der Insel einem Bombeneinschlag. Überrascht hat das gewaltige Medienecho Tuchel, der die englische Presse aus seiner Zeit als Chelsea-Trainer sehr gut kennt, sicherlich nicht.
Etliche große Namen hatte er zu Hause gelassen – wie Harry Maguire (Manchester United), der sich danach öffentlich darüber beschwerte, Phil Foden (Manchester City), Cole Palmer (FC Chelsea), Trent Alexander Arnold (Real Madrid) oder Morgan Gibbs-White (Nottingham Forest). Spätestens jetzt war klar: Tuchel begibt sich auf eine heikle Mission.
Tuchel geht mit seinem WM-Kader ins Risiko
Für BBC-Reporter und Nationalmannschafts-Experte John Murray kam vor allem die Nicht-Nominierung von Palmer überraschend. „Wegen dem, was er potenziell leisten kann. Eine weitere Überraschung war Morgan Gibbs-White von Nottingham Forest. Er gehörte in den Monaten zwischen März und der Bekanntgabe zum Kader und hatte eine starke Form, mit der er mit jedem Nationalspieler mithalten konnte“, erklärte Murray in WM Aktuell bei SPORT1.
Der erste Deutsche auf dem englischen Trainerstuhl geht mit seinen Entscheidungen damit ins Risiko. Dass bei einem unrunden Start in die Weltmeisterschaft schnell erste Stimmen laut werden, die nach den daheimgebliebenen Stars schreien, liegt auf der Hand.
Da hilft ihm auch die nahezu perfekte WM-Qualifikation nicht weiter. Acht Siege aus acht Spielen mit 22:0 Toren standen zu Buche.
Stillt Tuchel den englischen Titelhunger?
So weit, so gut – auf dem Papier: Den gewaltigen Titelhunger auf der Insel stillt diese Bilanz natürlich nicht. England muss sich nun seit sechs Jahrzehnten gedulden: 1966 erlebte das Mutterland des Fußballs den letzten WM-Triumph.
Die Finalteilnahmen bei den Europameisterschaften 2021 und 2024 dürften die Sehnsucht nur noch weiter vergrößert haben. Das Wehklagen des verlorenen Elfmeterschießens gegen Italien beim Endspiel der Heim-EM hallt bis heute nach.
„Der Job des englischen Nationaltrainers wird schon seit langem als der unmögliche Job bezeichnet“, verdeutlichte Murray, „weil alle Trainer seit 1966 keinen Titel holen konnten. Als ich Tuchel bei seinem Amtsauftritt darauf ansprach, sagte er: Lasst uns sehen, ob wir es möglich machen können.“
Klar ist: Das immer wieder zunichte gemachte Szenario sollte/muss Tuchel nun realisieren, nicht weniger als das ist die Erwartungshaltung des englischen Fußballverbandes. „Er soll Weltmeister werden, das ist das ultimative Ziel. Dafür hat ihn die FA verpflichtet, um nach den vergangenen Finalniederlagen diesen letzten Schritt zu gehen.“ Tuchel werde „als das Upgrade gesehen, der Coach, der England helfen kann, den Titel zu holen.“
Tuchel: „Ich habe keine Angst“
Von dem enormen Druck, der zweifelsohne auf Tuchels Schultern lastet, wollte sich der Übungsleiter der Three Lions auch bei der Kadernominierung nicht beeinflussen lassen. „Ich habe keine Angst (große Namen nicht zu berücksichtigen, Anm. d. Red.), denn ich habe großes Vertrauen in die Gruppe. Wir versuchen, die Aufstellung so zu wählen, dass die Balance stimmt“, erklärte Tuchel und wies darauf hin, dass bei der Fülle an englischen Stars „einige außergewöhnliche Talente und Persönlichkeiten“ eben zu Hause bleiben müssen. Viel Wert legt der Übungsleiter auf die Teamchemie.
Etwas Druck vom Kessel nahm zuletzt die FA. Der englische Fußballverband verlängerte Tuchels Vertrag vorzeitig bis 2028. Ein Vertrauensbeweis mit Kalkül. „Bei verschiedenen Spitzenklubs wurden Trainerposten frei oder drohten frei zu werden. Der englische Fußballverband hatte dann wohl das Gefühl, schnell handeln zu müssen, um Thomas Tuchel langfristig an sich zu binden“, vermutete Murray.
Dass Thomas Tuchel vor großen Namen und Verdiensten nicht Halt macht, zeigte der 52-Jährige bereits als Bayern-Trainer, als er Vereinslegende Thomas Müller häufig auf die Bank setzte.
Kommt Englands Offensive ins Rollen?
Große Namen sind die eine Sache, fehlende spielerische Elemente die andere. Auch da soll Tuchel Verbesserungen bringen. Denn obwohl es die Three Lions bei der EM 2024 bis zum Finale ins Berliner Olympiastadion schafften (1:2-Niederlage gegen Spanien), sorgte der ergebnisorientierte, oft biedere Spielstil der Briten für alles andere als Begeisterung. Trotz des zweiten Platzes trat Trainer Gareth Southgate zwei Tage nach der Niederlage zurück.
Das ist der DFB-Kader bei der WM 2026
Sollte die englische Offensive um Kapitän und Torgarant Harry Kane bei der WM 2026 wieder nicht ins Rollen kommen, wird Tuchel sich die Frage gefallen lassen müssen. Außer Frage steht: Streckt Tuchel mit England am 19. Juli den Pokal in die Höhe, werden sämtliche Diskussionen im Keim erstickt. Bei allen anderen Szenarien wird es haarig – allen voran für Tuchel. Wieder einmal stände der Trainer dann im Kreuzfeuer. Der unmögliche Job eben.
Die Mission zweiter WM-Titel beginnt am Mittwoch, dem 17. Juni, um 22 Uhr in Dallas mit dem Kracher gegen Kroatien. Die letzten beiden Spiele der Gruppe L folgen gegen Ghana (Dienstag, 23. Juni) und gegen Panama (Samstag, 27. Juni). Die ersten Auftritte dürften die Kritiker entweder etwas verstummen lassen oder eben noch größeren Gegenwind hervorrufen.