Am heutigen Samstag (Ab 22.00 Uhr im SPORT1-LIVETICKER) trifft Deutschland bei der WM auf die Elfenbeinküste. Sprachen viele nach der Auslosung noch von einem machbaren, wenn nicht gar leichten Gegner, überwiegt längst der Respekt vor dem Team, das in der Vorbereitung sogar die Franzosen schlug.

Überhaupt empfiehlt sich höchste Wachsamkeit, denn in der deutschen WM-Historie wurde es nie leicht gegen Afrikaner. SPORT1 hat eine Auswahl der bislang härtesten Spiele aufgestellt – in denen deutscher Hochmut gegenüber afrikanischen Teams mehr als einmal vor dem Fall kam.

Karl-Heinz Rummenigge und Co. erlebten bei der WM 1982 gegen Algerien eine böse Überraschung
Karl-Heinz Rummenigge und Co. erlebten bei der WM 1982 gegen Algerien eine böse ÜberraschungKarl-Heinz Rummenigge und Co. erlebten bei der WM 1982 gegen Algerien eine böse Überraschung© IMAGO / Sven Simon

Deutsch-Afrikanische WM-Geschichte: Die schwersten Spiele im Ranking

1982 Algerien

Nach der Auslosung sagte Jupp Posipal, einer der Helden von Bern, man könne „morgens gegen Chile, abends gegen Algerien spielen“. Torwart Toni Schumacher versprach einen Sieg mit „vier bis acht Toren“ und Bundestrainer Jupp Derwall wollte mit der Bahn nach Hause fahren, sollte man gegen diesen Gegner verlieren.

Es war der Hochmut, der so manchem Fall vorauseilte. Der Europameister von 1980 legte bei der WM in Spanien einen kolossalen Fehlstart hin und verlor in Gijon mit 1:2. Plötzlich waren die Namen Madjer und Belloumi, die die Tore schossen, in Deutschland bekannt. Mahedine Khalef, Trainer des Außenseiters, wusste, warum es so kam: „Die Deutschen hatten keinen Respekt vor uns, das hat uns geärgert.“

Dennoch schied Algerien unter dubiosen Umständen in der Vorrunde aus und Deutschland kam nach dem Warnschuss bis ins Finale.

2014 Ghana

Bei der WM in Brasilien gewann Deutschland sechs von sieben Spielen. Die Ausnahme: Das zweite Vorrundenspiel gegen die Westafrikaner. Diesmal war niemand übermütig.

Bundestrainer Joachim Löw warnte ausdrücklich vor „einem offenen Schlagabtausch“ in der Hitze von Fortalezza. Vor der Pause musste Manuel Neuer mehrmals retten, nach dem 1:0 durch Mario Götze (51.) schien alles seinen erhofften Gang zu nehmen.

Doch die Führung hielt nur drei Minuten und nach Ayews Ausgleich griff Konfusion um sich.

„Allzu leicht gerät diese deutsche Mannschaft aus der Balance“, mäkelte der kicker hinterher. Nach 63 Minuten geriet sie zum ersten und einzigen Mal bei der so erfolgreichen Brasilien-WM in Rückstand, nach einem eher seltenen Fehlpass von Philipp Lahm überwand Gyan Neuer (63.).

Löw fand die Retter auf der Bank, brachte Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. Die Ecke des Münchners drückte der damalige Wahl-Römer Klose über die Linie (71.) – und dabei blieb es dann. Für den harten Kampf gab es einen Punkt, aber wenig Lob.

Die Frankfurter Rundschau hielt fest: „Nach dem 2:2 gegen Ghana hadern die deutschen Spieler mit ihrer taktischen Unreife.“

1978 Tunesien

Im letzten Gruppenspiel bei der Argentinien-WM wollte der Weltmeister an das 6:0 gegen Mexiko anknüpfen und den ersten Platz sichern. Auch der WM-Debütant hatte zwar gegen Mexiko gewonnen, rechnete sich aber selbst nicht allzu viel aus. Trainer Abdelmajid Chetali war schon „mit einer knappen Niederlage“ zufrieden.

Doch er bekam mehr: einen Punkt für ein 0:0 bei der ersten, weit weniger bekannten deutschen Blamage von Córdoba (das 2:3 gegen Österreich überstrahlt alles). Hätten die Tunesier nicht kurz vor Schluss nur das Außennetz getroffen, wäre der Weltmeister schon rausgeflogen.

Torwart Sepp Maier schimpfte: „Unsere Leistung war eine Katastrophe.“ Und wie vier Jahre später sein algerischer Kollege attestierte auch Chetali dem DFB-Team Arroganz: „Einige deutsche Spieler konnten vor Überheblichkeit nicht laufen.“

2014 Algerien

Das Achtelfinale von Porto Alegre gilt als schlechtestes Spiel der Deutschen in Brasilien, was freilich nicht von allzu viel Respekt gegenüber den Nordafrikanern zeugt.

Darauf wies Per Mertesacker in seinem legendären ZDF-Interview nach der Partie hin: „Glauben Sie, unter den letzten 16 ist hier eine Karnevalstruppe, oder was?“, blaffte er Reporter Boris Büchler an.

Kritische Fragen aber waren durchaus angebracht nach dem Spiel, das Torwart Manuel Neuer weltberühmt machte, weil er quasi Libero spielte und mehrmals Kopf und Kragen riskieren musste.

Auch dank Neuer ging es nach 90 Minuten nicht in die Kabinen, sondern in die Verlängerung, wo dann endlich Tore fielen: André Schürrle (92.) mit der Hacke und Mesut Özil nach einem Konter (120.) sackten den Sieg ein, ehe Algerien noch zum verdienten Ehrentor kam und Mertesacker „in die Eistonne“ hüpfen durfte.

Beifall gab es nicht von der Weltpresse. „Deutschland hat in 120 Minuten jeglichen Status eines großen Favoriten für den WM-Titel abgebaut“, schrieb Brasiliens O’Globo. Das wiederum fiel auf Brasilien zurück.

1970 Marokko

Mit großen Erwartungen reiste die Nationalelf 1970 nach Mexiko und die wurden auch erfüllt – mit dem dritten Platz nach teils epischen Spielen. Trotz eines schier blamablen Starts gegen Marokko, der doch ein leichter Aufgalopp werden sollte.

Vor dem ersten WM-Spiel gegen eine afrikanische Mannschaft wusste man kaum etwas über den Gegner, aber viel über den Ausgang.

„Wir gewinnen klar und deutlich“, versprach Berti Vogts vor dem Spiel in der Nachmittagshitze von Leon (39 Grad). Doch die Feierabendfußballer, die alle einem Beruf nachgingen, erzielten das erste Tor (21.) und mit einem 0:1 ging es in die Pause.

Im TV-Studio konnte der große Fritz Walter seine Erschütterung kaum zurückhalten über das, was seine Nachfolger um Uwe Seeler und Franz Beckenbauer da boten: „Ich bin genauso maßlos enttäuscht wie unsere Zuschauer am Bildschirm.“

Die Marokkaner vergaben noch das 2:0, dann drehten die Deutschen auf und die Torjäger vom Dienst gaben dem Spiel die Wende. Uwe Seeler (56.) und Gerd Müller (80.) sicherten den Zittersieg. Seeler versprach: „Es wird schon noch alles besser, weil es nicht schlechter werden kann.“

1986 Marokko

Auch bei der zweiten WM in Mexiko ging es wieder gegen Marokko, diesmal im Achtelfinale. In „der Hölle von Monterrey“ quälte sich die Elf von Franz Beckenbauer bei 40 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent mindestens genauso sehr mit den Rahmenbedingungen wie mit dem Gegner.

Im halbleeren Stadion ereignete sich nur wenig, das 0:0 war trotz deutscher Überlegenheit lange ein folgerichtiges Ergebnis. Die Verlängerung drohte bereits, als es in der 88. Minute einen Freistoß gab, den man heutzutage so nicht mehr sehen würde.

Aus 30 Metern Entfernung würde kaum jemand abziehen, allerdings gab es damals keine Mauer, die die Bezeichnung verdiente. Die  Marokkaner bauten zwei Mäuerchen – drei Spieler vorne, zwei dahinter – und boten Lothar Matthäus ein ziemlich freies Schussfeld. Der Bayern-Star wagte also einen Aufsetzer und hatte prompt Erfolg – 1:0, Ende, aus, kein Applaus.

„Das war das schlechteste der bisher 42 Spiele, die bei der WM stattfanden“, meckerte Spaniens El País.

2010 Ghana

Nach einem Sieg und einer Niederlage in Südafrika kam es im letzten Gruppenspiel zum „Endspiel, das keiner wollte“ (kicker)  gegen Ghana. Und zu einem historischen Bruderduell: Bei Deutschland verteidigte Jérôme Boateng, in Ghanas Mittelfeld lief Kevin-Prince Boateng auf. 

Wieder waren die Rahmenbedingungen speziell, in Johannesburg waren es nur drei Grad, man spielte im südafrikanischen Winter. In der Weltrangliste trennten sie 26 Plätze, doch in der Gruppe lag Ghana vor den Deutschen. Der jungen deutschen Elf von Joachim Löw garantierte nur ein Sieg das Weiterkommen, Ghana hätte ein Punkt gereicht.

Mesut Özil war 2010 der Siegtorschütze gegen Ghana
Mesut Özil war 2010 der Siegtorschütze gegen GhanaMesut Özil war 2010 der Siegtorschütze gegen Ghana© IMAGO/Laci Perenyi

Den hielten die Westafrikaner bis zur 60. Minute fest, ehe erneut ein Weitschuss die Erlösung brachte. Mesut Özil zog aus 20 Metern ab und brachte mit seinem wichtigsten Tor im DFB-Dress sein Team ins Achtelfinale. Joachim Löw stellte fest, dass „vieles nicht geklappt hat. Man hat gemerkt, dass ein großer Druck auf der jungen Mannschaft gelastet hat.“

2002 Kamerun

Auch das Spiel im japanischen Shizuoka wurde zum Showdown. Der Verlierer des letzten Gruppenspiels würde ausscheiden, den Deutschen reichte ein Punkt gegen die „Löwen“.

Der Afrikameister wurde vom Deutschen Winfried Schäfer trainiert, auf der Gegenseite saß Rudi Völler auf der Bank. Kameruns Kapitän Rigobert Song tönte: „Wir sind physisch stärker und müssen uns durchsetzen.“

So weit wäre es auch fast gekommen, hätte nicht Oliver Kahn wieder mal einen großartigen Tag gehabt. Als Abwehrchef Carsten Ramelow nach 40 Minuten vom Platz flog, sanken die deutschen Chancen gen Nullpunkt. Torlos ging es in die Kabinen, dann zog Völler seinen Joker.

Marco Bode, kaum fünf Minuten auf dem Platz, brachte das DFB-Team in Unterzahl in Führung, und als später nominell Gleichstand herrschte, erhöhte Miroslav Klose per Kopf auf 2:0.

Das war der höchste Sieg gegen eine afrikanische Mannschaft, aber wie in allen anderen Partien war er hart umkämpft. Völler gestand: „Ich habe an der Seitenlinie einige Kilo abgenommen.“

Die vollständige Chronik der deutschen WM-Spiele hat der Autor in seinem Buch „Die Turniermannschaft“ aus dem Arete-Verlag (32 Euro) zusammengestellt.