Bei Rudi Völler wurden alte Erinnerungen wieder wach. Die Vorfreude auf die Rückkehr ins Soldier Field in Chicago war dem heutigen DFB-Sportdirektor anzusehen.
„Da habe ich mein letztes Tor für die Nationalmannschaft geschossen. Im Achtelfinale gegen die Belgier. Das war schön, das hat mich gefreut“, sagte Völler lächelnd auf der Pressekonferenz am Mittwoch zum Auftakt der heißen Phase der WM-Vorbereitung.
Zwar hatte sich Chicago mit der 61.500 Zuschauer fassenden Arena frühzeitig aus dem Werben um einen WM-Standort zurückgezogen, doch am 6. Juni steigt für Völlers Nachfolger im DFB-Dress gegen Co-Gastgeber USA im Soldier Field die Generalprobe für die Endrunde. „Meine letzte WM als Spieler war in den USA, jetzt geht es wieder dorthin“, spannte Völler den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
„Schinde dich!“ Völler liefert sofort
Rückblick: Am 2. Juli 1994 traf Deutschland als Titelverteidiger im Achtelfinale auf Belgien. Der damals 34-jährige Völler, der erst im Mai vor der WM nach eineinhalb Jahren sein Comeback in der Nationalmannschaft gefeiert hatte, stand im ersten K.o.-Spiel erstmals in der Startelf von Bundestrainer Berti Vogts.
ARD-Kommentator Gerd Rubenbauer verkündete zu Beginn der Übertragung, dass Vogts Völler noch mit auf den Weg gegeben habe: „Schinde dich, so lange es geht, dann kann ich dich immer noch herunterholen, aber gib von der ersten Minute an dein Bestes.“
Es dauerte nur bis zur fünften Minute, ehe Völler erstmals lieferte. Nach einem Pass von Lothar Matthäus legte sich Völler den Ball geschickt per Kopf vor und vollendete mit einem Lupfer über Keeper Michel Preud’homme hinweg zur frühen Führung für die Deutschen.
Völler als unglücklicher „Aushilfskellner in der Abwehr“
Der Jubel war kaum verstummt, da kassierte das DFB-Team einen herben Dämpfer – auch wegen Völler. Dem Stürmer misslang im eigenen Strafraum ein Klärungsversuch. Rubenbauer bezeichnete ihn als „Aushilfskellner in der Abwehr“, der „sehr unglücklich agierte“, als er Teamkollege Guido Buchwald anköpfte und so für Belgiens Torschützen Georges Grün auflegte.
Wiederum nur drei Minuten später machte Völler seinen Fehler wieder gut. Nach einer Balleroberung von Thomas Häßler trieb er im Zusammenspiel mit Jürgen Klinsmann den Ball Richtung Strafraum. Dort vollendete dann Klinsmann zur erneuten Führung.
In der Schlussphase der ersten Hälfte gelang Völler nach einer Ecke von Häßler per Kopf das 3:1. Das Anschlusstor der Belgier zum 2:3 kurz vor Schluss kam zu spät. Völler blieb der Star des Spiels.
„Raffiniert, clever, einfach Völler!“
„Das große Comeback des Rudi Völler, wer hätte an das noch geglaubt“, jubelte auch Rubenbauer. „Wie er seine Tore heute macht, in allen Variationen, raffiniert, clever, einfach Völler!“
So gern sich Völler an seine letzte Sternstunde im DFB-Trikot erinnert, so offen sprach er auch über die Gründe für das Scheitern der deutschen Mannschaft im darauffolgenden Viertelfinale gegen Bulgarien.
Völler gibt Nagelsmann Ratschläge
„Damals war es so, dass wir eine hohe Qualität hatten. Wenn man nur die Einzelspieler betrachtet, waren wir sogar besser als 1990. Aber es hat in der Mannschaft nicht gestimmt, es gab Ungereimtheiten“, sagte Völler. „Vielleicht hatten wir auch zu viele Weltmeister dabei von 1990.“
Und der heutige Bundestrainer Julian Nagelsmann, der neben ihm auf dem Podium saß, bekam bei der Gelegenheit auch gleich noch ein paar weise Ratschläge mit an die Hand. Einen guten Teamspirit zu kreieren werde „fundamental sein, auf jeden Fall“, betonte Völler.
Das Spiel im Soldier Field vor 32 Jahren kann für die heutige Generation aber durchaus als Vorbild dienen. „Daran können wir ansetzen, Julian“, sagte Völler. Und Nagelsmann antwortete: „Machen wir!“