Panik, Stress, Sturheit – alles Eigenschaften, die man Eseln gerne zuschreibt. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Es sind ruhige, ausgeglichene, treue Tiere – und sie werden sogar in Schafherden zur Abwehr von Wölfen eingesetzt. Zudem haben sie einen prominenten Fan: Kai Havertz ist von ihnen fasziniert.

„Die Liebe war immer da. Generell für Tiere, aber spezifisch für Esel. Ich weiß nicht, wie sich die entwickelt hat“, sagte der Offensivspieler auf der Pressekonferenz in Herzogenaurach.

Kai Havertz ist von enormer Bedeutung für die deutsche Nationalmannschaft
Kai Havertz ist von enormer Bedeutung für die deutsche NationalmannschaftKai Havertz ist von enormer Bedeutung für die deutsche Nationalmannschaft© IMAGO / Justus Stegemann

Diese Ruhe, dieses Stoische, trotz großer Rückschläge – es zieht sich wie ein roter Faden durch Havertz’ Karriere. Auch jetzt, vor seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft, wirkt er nicht wie einer, der sich in den Vordergrund drängt. Und doch ist er einer, um den sich vieles dreht. Einer, der für Bundestrainer Julian Nagelsmann längst mehr ist als nur eine Option: ein Fixpunkt und Liebling.

Havertz steht vor dem Comeback

493 Tage nach seinem letzten Einsatz (1:1 gegen Ungarn) steht Havertz vor seinem Comeback. Eine lange Leidenszeit, geprägt von Rückschlägen. „Es war nicht leicht […] Es war ein Auf und Ab“, sagte er selbst. Und trotzdem hat sich an seinem Status nichts geändert. Im Gegenteil.

Nagelsmann sucht keine starren Profile, sondern Spieler, die denken, sich anpassen, mehrere Rollen ausfüllen können. Begriffe wie Flexibilität und Variabilität sind für ihn keine Floskeln, sondern Prinzipien. Und kaum jemand verkörpert sie so sehr wie Havertz.

Ob auf dem Flügel, als alleinige Spitze, in einer Doppelspitze oder als hängende Kraft – Havertz ist kein Spieler für eine Position, kann in nahezu jedem System seine Stärken einbringen. Der gebürtige Aachener erkennt Räume, schafft Verbindungen, gibt Tiefe oder macht Bälle fest.

„Ich fühle mich offensiv auf fast allen Positionen sehr, sehr wohl. Ich bin ein Spieler, der sehr flexibel ist“, bestätigte der 26-Jährige.

Diese Eigenschaft macht Havertz so wertvoll

Und genau diese Eigenschaft macht ihn so wertvoll – und so schwer zu ersetzen. Während andere Spieler bestimmte Rollen ausfüllen, kann Havertz sie miteinander verbinden. Genau deshalb blieb er für Nagelsmann auch in seiner langen Verletzungsphase unverzichtbar. Nicht auf dem Platz, aber im Plan.

Doch Havertz ist nicht mehr nur der elegante, manchmal zu leise Techniker von früher. Er hat sich entwickelt. Nicht nur im Spiel, sondern im Kopf.

Lange galt er als einer, dem es gelegentlich an sichtbarer Gier mangelte. Einer, der die Schultern hängen ließ, wenn es nicht lief. Doch genau daran hat er gearbeitet – vor allem in seiner Zeit in London. „Wir wollen auch diese Euphorie ausstrahlen“, so Havertz auf SPORT1-Nachfrage. Und weiter: „Es ist extrem wichtig, Tore zu feiern und Defensivaktionen auch.“

Es sind Sätze, die zeigen, wie sehr er sich dem Anspruch seines Bundestrainers angenähert hat. Nagelsmann fordert genau dieses Mindset – und Havertz liefert es inzwischen. Auch neben dem Platz hat er zugelegt. Kein Lautsprecher, aber einer, der führen will. Einer, der „vorneweg“ geht, ohne laut zu sein. Gerade in einer Mannschaft, in der Teamspirit zur entscheidenden Währung werden soll, ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Wächst ein neues Traum-Duo heran?

Mit Nick Woltemade wuchs im letzten Jahr – in Abwesenheit von Havertz – eine echte Alternative heran, ein ähnlicher Spielertyp. „Wir haben beide dieselbe Statur, haben dieselbe Idee vom Fußball oder wie man eine Position spielen sollte. Generell bringen wir beide eine Torgefahr mit“, so Havertz. Und: „Ich habe noch nicht mit ihm zusammengespielt, heute das erste Mal mit ihm zusammen trainiert. […] Ich glaube nicht, dass wir lange brauchen, um uns auf dem Platz zu verstehen.

Einen hitzigen Konkurrenzkampf sieht Havertz darin aber nicht: „Wir können uns auch gut ergänzen.“ Gut möglich, dass die beiden in naher Zukunft das neue Sturmduo beim DFB bilden, vielleicht ja schon am Freitag gegen die Schweiz. Fast 500 Tage nach seinem letzten Länderspiel scharrt Havertz wieder mit den Hufen. Nicht nervös, nicht hektisch – eher ruhig, fokussiert, bereit. Wie ein Esel.