Dass Victor Boniface in der vergangenen Saison gänzlich unbemerkt geblieben wäre, kann man ihm nun wirklich nicht vorwerfen. Allein sein Wechsel zu Werder Bremen löste riesiges Aufsehen aus. Ein Stürmer, der 2024 noch ein wichtiges Puzzleteil im Kader des ungeschlagenen Doublesiegers aus Leverkusen war, wechselt zu einem Verein, dessen Anhänger gewöhnlich irgendwo zwischen Europapokalträumen und Abstiegssorgen schwanken? Was zunächst mehr wie ein wirres Gedankenspiel wirkte, stellte sich wenig später als wahres Transferszenario heraus.

Primär hatte das mit Bonifaces Verletzungshistorie zu tun. Zwei Kreuzbandrisse aus früheren Jahren, dazu immer wieder Probleme am Oberschenkel. Körperliche Rückschläge begleiteten ihn seit geraumer Zeit. Ohne diese Vorgeschichte wäre er vermutlich nie nach Bremen gekommen. Und was viele schon befürchteten, machte sich auch nach seiner Ankunft bemerkbar. Für längere Einsätze fehlte ihm zunächst die nötige Belastbarkeit, meist blieb ihm nur die Rolle des Jokers. Sein prägendster Moment? Ausgerechnet eine der kuriosesten Szenen der gesamten Bundesliga-Saison.

Im Hinrundenspiel gegen Wolfsburg versuchte Boniface in der Nachspielzeit einen spektakulären Seitfallzieher und drosch den Ball nahezu senkrecht in den Abendhimmel. Während die Verteidiger noch orientierungslos nach oben blickten, reagierte Teamkollege Samuel Mbangula geistesgegenwärtig. Er nahm den herabfallenden Ball direkt und jagte ihn volley ins Netz. Der späte Siegtreffer für Werder – und der Auftakt eines persönlichen Aufschwungs? Von wegen. Anstelle einer sportlichen Renaissance folgten vor allem kryptisch poetische Instagram-Captions und die nächste langwierige Knieverletzung, die Boniface erneut für mehrere Monate außer Gefecht setzte. Zumindest bis jetzt. 

Victor Boniface kämpft um seine womöglich letzte Chance
Victor Boniface kämpft um seine womöglich letzte ChanceVictor Boniface kämpft um seine womöglich letzte Chance© IMAGO/DeFodi Images

Boniface zeigt sich in Leverkusen motiviert 

Denn inzwischen ist Boniface zurück in Leverkusen und kämpft dort um sein Comeback. Schon vier Wochen vor dem offiziellen Trainingsauftakt am 14. Juli legte der 25-Jährige aus eigener Initiative in der BayArena los. Unter Aufsicht des medizinischen Personals schuftet er seither täglich im Kraftraum. Im Fokus stehen dabei die Stabilität und Beweglichkeit seines arg lädierten Knies, zugleich will er seine konditionellen Grundlagen verbessern. Ganz ohne Ball findet seine Arbeit auch nicht statt. Neben Lauf- und Athletikeinheiten gehört längst das Training auf dem Platz wieder zum Programm. Rund eine Stunde verbringt Boniface dort jeden Tag.

Seine Botschaft: Er will es nochmal wissen. „Leider ist Boni durch Verletzungen immer ein wenig zurückgeworfen worden. Aber er arbeitet sehr engagiert und hart daran, wieder in Topform zu kommen. Dann hat er in ganz vielen Mannschaften eine Perspektive“, sagte Sportgeschäftsführer Simon Rolfes kürzlich über seinen Rückkehrer. Hintergrund seiner leisen Zuversicht ist eine Operation, der sich Boniface im vergangenen Januar in Innsbruck am rechten Knie unterzogen hatte. Der Eingriff verlief erfolgreicher als zunächst erwartet – und wurde aus Sicht von Rolfes so auch mental zu einem Wendepunkt für den Stürmer, der zuletzt offenkundig mit Zweifeln zu kämpfen hatte. 

Leiser Abschied aus Bremen

Ende 2025 sah die Lage immerhin deutlich düsterer aus. Im Rahmen seiner individuellen Vorbereitung im vergangenen Sommer hatte Boniface sein ohnehin schwer vorbelastetes Knie überbeansprucht. Die Beschwerden wurden so massiv, dass intensives Training kaum noch möglich war. Auffällig schien währenddessen, mit welcher Dankbarkeit er sprach: Dafür, es trotz der seit Jahren wiederkehrenden Schmerzen überhaupt bis in die Bundesliga und zum Double-Gewinner geschafft zu haben. Ob der Nigerianer jemals wieder auf sein früheres Niveau zurückkommen werde? Unklar. Zeitweise kursierten gar Befürchtungen, eine weitere Verletzung könnte seine Karriere beenden. 

Der 1,90 Meter große Mittelstürmer war zu diesem Zeitpunkt längst zum Sorgenfall geworden. Im Frühjahr sorgten schließlich Bilder für Aufsehen, die zeigten, dass Boniface sichtbar mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hatte. So verlief sein Abschied aus Bremen völlig anders als der einst viel beachtete Transfer an die Weser: ohne große Worte, ohne Schlagzeilen, beinahe geräuschlos. Inzwischen wirkt es allerdings, als habe sich bei Boniface etwas verändert. „Die Knieprobleme sind nicht mehr in meinem Kopf, wenn ich auf dem Platz bin“, sagte er jüngst der Bild. Das sei „ein sehr gutes Gefühl“. Also gehe es nun darum, Schritt für Schritt wieder in die Form zu kommen.

Was passiert jetzt mit Boniface?

Wie und vor allem wo es für Boniface weitergeht, sollte ihm die Rückkehr gelingen, ist derzeit offen. In Leverkusen steht der Nigerianer noch bis 2028 unter Vertrag. Ob er Teil der Zukunftspläne der Werkself bleibt oder seine Karriere andernorts fortsetzt, soll von den kommenden Wochen abhängen. Rolfes stellte klar: „Wir werden nie vergessen, was Boni für uns in der Meistersaison geleistet hat. Da hat er das verkörpert, was wir brauchten, diesen Attacke-Modus. Ganz Europa hatte Angst vor ihm.“ Entscheidend ist nun aber eine andere Frage: Hält sein Knie und kommt jene explosive Dynamik wieder, die Boniface in der ersten Hälfte der Double-Saison 2023/24 zu einem der spektakulärsten Stürmer der Bundesliga machte?

Boniface setzt bewusst ein Zeichen

Dass er den Versuch ernst meint, seine Karriere noch einmal auf Spitzenniveau anzukurbeln, hat Boniface signalisiert. Der Angreifer, für den Leverkusen 2023 inklusive möglicher Bonuszahlungen mehr als 20 Millionen Euro an Union Saint-Gilloise überwies, begann seine Vorbereitung früher als vorgesehen und setzte damit bewusst ein Zeichen. Nun wird sich zeigen, ob sein Körper diesen Ehrgeiz mitträgt. In einem Trainingslager in Marbella will er die Voraussetzungen dafür schaffen, fit in die entscheidende Phase seiner Rückkehr zu gehen. Nur wenn es diesmal passt, wird Boniface für Bayer oder potenzielle Interessenten wieder zu einer ernsthaften Option. Einen weiteren Rückschlag wie den vergangenen kann er sich kaum leisten. 

Allzu lang dürfte die Liste möglicher Interessenten zunächst dennoch nicht sein. Nach dem gescheiterten Wechsel zur AC Mailand und der enttäuschenden Leihe nach Bremen überwiegen bei Boniface derzeit die Fragezeichen. Zu offensichtlich ist das Verletzungsrisiko, das ihn seit Jahren begleitet. Wie groß die Zweifel sind, zeigt auch die von der BILD kolportierte Ablöseforderung von Bayer. Demnach wären die Leverkusener bereit, Boniface schon für rund fünf Millionen Euro ziehen zu lassen. Zur Erinnerung: Vor kaum anderthalb Jahren stand noch ein Wechsel zu Al-Nassr FC im Raum, der eine Ablöse von rund 70 Millionen Euro eingebracht hätte. Doch Boniface braucht nun vor allem eines: einen Verein, der bereit ist, ihm eine echte Perspektive zu geben.

Klar ist auch, dass seine Aussichten auf regelmäßige Einsatzzeit bei Bayer selbst eher gering wären. Die Rheinländer planen im Sturm mit Patrik Schick und Christian Kofane, der Nigerianer müsste sich also hinter beiden einordnen. Zwar wäre ein fitter Boniface weiterhin eine Bereicherung für den Kader. Der Klub dürfte seine Planungen aber kaum noch nach ihm ausrichten. Heißt: Viele Sommer waren in Bonifaces Karriere richtungsweisend. Dieser ist es ganz besonders. Erstmals geht es nicht mehr nur um den nächsten Vertrag oder Karriereschritt. Vielmehr geht es darum, ob seine Laufbahn überhaupt noch einmal Fahrt aufnehmen kann.