Hans-Joachim Watzke wird mit einer überraschend knappen Mehrheit zum neuen BVB-Präsidenten gewählt. Der Verein muss auf der Mitgliederversammlung aber auch andere Rückschläge hinnehmen. Ein Mann dürfte dagegen so etwas wie der heimliche Gewinner der XXL-Veranstaltung gewesen sein.

Die diesjährige Mitgliederversammlung geht in die Geschichte von Borussia Dortmund ein. 14 Stunden und 14 Minuten (!) dauerte das Treffen am Sonntag in der Westfalenhalle. Am Ende stand ein überraschend knapper Wahlausgang für Hans-Joachim Watzke. Dass sich der Klub-Patron und wohl auch viele Verantwortliche ein anderes, eindeutigeres Ergebnis ausgemalt hatten, dürfte klar sein.

Hans-Joachim Watzke erlebt einen schwierigen Tag
Hans-Joachim Watzke erlebt einen schwierigen TagHans-Joachim Watzke erlebt einen schwierigen Tag

Doch bei einem dürfte dieser Ausgang auch für ein innerliches Schmunzeln gesorgt haben. Darüber sprechen BVB-Reporter Oliver Müller und SPORT1-Reporter Manfred Sedlbauer in einer neuen Ausgabe des SPORT1-Podcasts „Die Dortmund-Woche“.

Ex-Präsident bekommt Standing Ovations

Unter tosendem Applaus wurde Dr. Reinhold Lunow in der Westfalenhalle abgefeiert. Der 72-Jährige kam aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. Neben einem Blumenstrauß bekam der scheidende Präsident, der bei seiner Wahl 2022 noch 99,5 Prozent der Stimmen bekommen hatte und damit knapp 40 Prozentpunkte mehr als Watzke, Standing Ovations. „Für ihn dürfte der Abend eine Genugtuung gewesen sein“, schätzt Sedlbauer.

Lunow hatte Ende Mai seine neuerliche Kandidatur angekündigt, um einen Gegenpol zu Watzke darzustellen. Nach internen Querelen und intensiven Machtkämpfen hat er sich dann aber doch wieder aus dem Rennen zurückgezogen.

„Der Großteil der anwesenden Fans in der Westfalenhalle hätten sich deutlich lieber ihn als Präsidenten gewünscht als Watzke. Die stehen Lunow deutlich näher“, so der SPORT1-Reporter.

Auch deshalb waren die Buhrufe und Pfiffe bei der Bekanntgabe von Watzke als Präsidenten unüberhörbar. Das lag vor allem daran, dass die organisierte BVB-Fanszene, unter anderem die Ultras, für die Mitgliederversammlung mobil machen konnte und somit in der physischen Überzahl war.

Hybride Abstimmung rettet Watzke

Doch die diesjährige Versammlung hatte ein Novum: Erstmals fand sie in hybrider Form statt. Sprich: Nicht nur die anwesenden Mitglieder in der Halle, sondern auch die digital zugeschalteten Anhänger durften ihre Stimme abgeben.

Das Argument: So ist die Versammlung deutlich demokratischer und schließt keines der 238.000 Mitglieder aus.

„Ohne die hätte Watzke wohl niemals im ersten Wahlgang gewonnen“, so Müller und weiter: „Je länger sich die Sitzung gezogen hat, desto mehr Leute, sowohl in der Halle als auch digital, sprangen ab. Nur der harte Kern blieb dabei und war dementsprechend entscheidend für die Abstimmung der Anträge.“

Und genau die sind für Müller der eigentliche Hammer des Abends.

Wichtige Anträge werden durchgewunken

Als die Versammlung bereits Rekordlänge angenommen hatte und viele Mitglieder nach der Ernennung von Watzke zum Präsidenten abschalteten oder nach Hause gingen, gab es noch einige wichtige Anträge, über die abgestimmt werden musste. Und die wurden von der Mehrheit der dann noch Anwesenden – hauptsächlich aus der organisierten Fanszene – durchgewunken.

Eine Erweiterung des Grundwertekodexes, bei dem es um ethische Standards in der Zusammenarbeit mit Sponsoren – Stichwort Rheinmetall – geht, bekam eine eindeutige Mehrheit (83 Prozent Zustimmung).

Genauso wie die Einführung eines Mitgliederrechts auf Wahlvorschläge für Vorstand und Wirtschaftsrat (80 Prozent). Demnach entscheidet in Zukunft die Mitgliederversammlung über die Zusammensetzung und Abschaffung der acht Mitglieder des Wirtschaftsrats – und eben nicht der Vorstand. Außerdem soll ein Paragraf 20 eingeführt werden, der eine transparente Arbeitsgrundlage für den Wahlausschuss sein soll.

„Das klingt für den normalen Fan jetzt alles etwas fern, aber das sind starke Einschnitte in die bisherige Arbeit“, so Müller. Bei allem Verständnis für die Anträge gibt Müller zu bedenken, dass die Handlungsfähigkeit der Klub-Verantwortlichen darunter leiden und Prozesse lange hinausgezögert werden könnten.

Deshalb gewann Watzke denkbar knapp

Für die sesshaft gebliebenen Mitglieder sind diese Anträge ein voller Erfolg. Die Ernennung von Watzke als Präsident überstrahlte an diesem Abend dennoch alles. Gründe für den knappen Ausgang gibt es laut den Podcastern viele: Missbrauchsskandal, Rheinmetall-Deal, Gerangel um das Präsidentschaftsamt oder auch mangelnde Transparenz und Mitbestimmung der Fans.

„Auch wenn der knappe Wahlausgang für Lunow vielleicht so etwas wie eine Bestätigung sein dürfte, muss ich ihm ein bisschen Wasser in den Wein gießen. Denn seine unabgesprochen angekündigte Kandidatur schadete Watzke enorm und verschlimmerte die Spaltung im Verein“, so Müller. Und genau das wird nun Watzkes größte, mit Sicherheit nicht leichteste, Aufgabe werden: den Klub wieder zu vereinen.

Mehr Hintergründe, Informationen und Einordnungen zur Mitgliederversammlung des BVB hört ihr ab sofort in einer neuen Ausgabe des SPORT1-Podcasts „Die Dortmund-Woche“.