Die Diva vom Main wird Eintracht Frankfurt immer dann gerne genannt, wenn es nicht gut läuft. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Die 122-jährige Vereinsgeschichte bietet einige Titel und Triumphe – aber auch viele Niederschläge und Tränen. Seit März schon befindet sich der Verein nach fünf erfolgreichen Jahren im Krisenmodus.

Eintrachts Griff in das oberste Regal zahlt sich noch nicht aus

Sportvorstand Markus Krösche, der die Nachfolge von Fredi Bobic antrat, hat nach seinem Weggang aus Leipzig eine schwierige Aufgabe genommen. Der Klub hat die Champions League verpasst, Toptorjäger André Silva galt es zu ersetzten, dazu musste ein neuer Trainer für den nach Gladbach abgewanderten Adi Hütter präsentiert werden. Die Wahl fiel auf Oliver Glasner, der beim VfL Wolfsburg sehr gute Arbeit abgeliefert und den Klub in die Königsklasse geführt hat.

Doch der Griff ins oberste Regal der Bundesliga – wie es auch von SPORT1 bezeichnet wurde – hat sich bislang für die Eintracht nicht ausgezahlt.

Im Gegenteil: Nach zehn Bundesligapartien steht erst ein Sieg auf der Habenseite, Platz 15 mit erst neun Punkten sind auch in einem Übergangsjahr zu wenig. International läuft es dagegen wie am Schnürchen: Nach dem 2:1-Sieg in Piräus hat die Eintracht schon vorzeitig die K.o.-Phase in der Europa League erreicht. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

„Das ist ein Prozess“: Wie viel Geduld hat Krösche?

Dennoch: Eine fußballerische Besserung ist bislang nicht in Sicht. „Wir müssen sehen, dass wir die Dinge kontinuierlich umsetzen und die Leistung auf dem Platz abrufen. Jeder einzelne Spieler hat zu viele Schwankungen. Wir müssen Stabilität reinbekommen“, gab Krösche zuletzt zu. Woche für Woche wiederholen sich die Fehler und Analysen.

Der Sportvorstand setzt dabei auf den Faktor Geduld: „Das ist ein Prozess, den wir weiter voranschreiten lassen müssen. Wir müssen unsere Schritte kontinuierlich nach vorne machen.“ Doch wie viel Zeit darf sich die Eintracht im knallharten Bundesliga-Business geben? Und wann werden die Fortschritte unter Glasner sichtbar?

Eintracht hat Winter-Transfermarkt im Blick

„Kreativität bedeutet Freiheit. Aber jeder hat seine Bleiweste um. Das drückt auf die Kreativität“, klagte der Trainer nach dem späten 1:1 gegen Leipzig. „Man sieht uns an, dass die Leichtigkeit total fehlte“, sagte Glasner und fügte an: „Ich hoffe, dass der späte Ausgleich ein bisschen Schwung gibt.“ (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Krösche steht dabei vor einer für ihn ganz zentralen Frage. Kann die Mannschaft nicht mehr leisten? Sprich: Hat die Eintracht ein Qualitätsproblem? Dann muss Krösche an Glasner festhalten, die nötigen Punkte bis zum Winter zusammenkratzen und dann auf dem Transfermarkt zuschlagen.

SPORT1-Informationen zufolge schaut sich die Eintracht genauestens um, der Kader soll weiter verstärkt werden. Die Gedanken über die Personalie Ansgar Knauff wird dabei auch intern kritisch gesehen, der 19 Jahre alte Offensivmann von Borussia Dortmund wäre für einen drohenden Abstiegskampf keine brauchbare Alternative.

Nur Borré und Jakic stehen für Mentalität und Kampfgeist

Dennoch gilt: Die Nachjustierungen wären das Eingeständnis, bei den Neueinkäufen im Sommer den falschen Fokus gesetzt zu haben. Jens Petter Hauge und Jesper Lindström sind talentierte Offensivallrounder, die ein gewisses Tempo und Unbekümmertheit mitbringen. Sie können gewiss heranreifen, aktuell aber reicht das Niveau nicht für die Bundesliga.

Ähnliches gilt derzeit für Sam Lammers, der nach gutem Start mit zwei Pflichtspieltreffern kaum noch in Position gebracht wurde und generell viel zu spät kam, schließlich stand der Abgang von 28-Tore-Mann Silva schon lange zuvor fest.

Einzig Kristijan Jakic, der aufgrund der Verletzung von Sebastian Rode nachgekauft wurde, und Rafael Borré bringen neben einem guten Grundgerüst auch den Faktor Mentalität ins Team. Das Duo steht für die abhanden gekommene Eintracht-DNA der vergangenen Jahre, für Furchtlosigkeit und Kampfgeist. Es sind diese Elemente, die dem Team guttun und derzeit abgehen. Doch davon bietet der Kader zu wenig.

Ungleichgewicht im Kader – Glasner holt dennoch zu wenig heraus

Stattdessen gibt es mit Timothy Chandler, Danny da Costa, Erik Durm und Almamy Touré vier Rechtsverteidiger – auf der linken Seite mit dem aktuell verletzten Christopher Lenz aber nur eine Alternative. Dieses Ungleichgewicht ist ein großes Problem für Glasner, der eine Unabhängigkeit von Filip Kostic erreichen wollte, stattdessen aber mehr denn je auf dessen Tore und Vorlagen angewiesen ist. Bei sechs von zehn Treffern hatte er seine Füße mit im Spiel.

Der Kader bietet dennoch mehr Qualität als er seit Monaten auf den Rasen bringt. „Wir wollen fußballerische Lösungen mit dem Ball haben und im offensiven Bereich unsere Möglichkeiten finden“, erklärte Krösche.

Doch weder die eine noch die andere Komponente findet derzeit statt. Die Eintracht findet gegen tiefstehende Gegner keine Lösung und hat gegen gezielt pressende Mannschaften nicht die nötige Ruhe, um das Spiel aufzubauen.

Plan Kostic – und sonst?

Das Team beruft sich dann auf Plan K – wie Kostic – und gibt dem Serben das Leder, der sich dann oftmals drei oder vier Gegenspielern ausgesetzt sieht. Da Glasner früheren Leistungsträger wie Makoto Hasebe oder Daichi Kamada, die für feine Klinge und spielerische Klasse stehen, nicht das nötige Vertrauen aussprach, wirkt das Spiel der Frankfurter berechenbar. Mit Sebastian Rode fehlte darüber hinaus verletzungsbedingt der Kapitän.

Insgesamt fehlt dem Team dadurch die Durchschlagskraft. Angriffe werden nicht zu Ende gespielt. 3,7 Schüsse pro Partie auf das gegnerische Gehäuse werden nur von zwei Teams (VfL Bochum und FC Augsburg) unterboten, durchschnittlich 6,3 Abschlüsse innerhalb des Strafraums bedeuten ebenfalls unteres Drittel. Hinten fehlt vor allem die Zweikampfstärke, auch gegen Leipzig standen nur 45 Prozent gewonnener Duelle auf dem Zettel.

Findet der „arme Tropf“ Glasner keinen Zugang zum Team?

Zudem stellt sich die Frage, ob Glasner das Team vollumfänglich erreicht. Vor dem zweiten Spieltag gegen den FC Augsburg (0:0) sah der Coach ein „fantastisches Training“ mit „super Situationen“ und „zwei Toren des Monats“. Er führte aus: „Dann habe ich die Spieler gefragt, wie ihre Wahrnehmung war. Und dann kam die Antwort: ‚Gute Intensität, sehr gut gespielt.‘ Und dann habe ich nach dem Gefühl gefragt.“ Glasner wackelte leicht mit dem Kopf, kniff die Lippen zusammen und deutete an, dass die Profis nicht ganz so euphorisch waren.

Er machte dies am fehlenden Glauben an die eigene Stärke aus. Doch war dem tatsächlich so? Oder trafen zwei Arten der Vorstellung aufeinander, die sich nur schwer kombinieren lassen? Die Probleme liegen insgesamt tiefer bei der Eintracht, doch der „arme Tropf“ Glasner findet derzeit keinen Zugang, er ist offenbar kein Teil der Lösung.

Eintracht muss Spielerwerte entwickeln

Zum Geschäftsmodell des Klubs gehört es nämlich auch, Spieler zu entdecken, günstig zu holen und für viel Geld weiterzuverkaufen. Sébastien Haller und Luka Jovic brachten über 100 Millionen Euro und die Eintracht somit auf eine neue Ebene.

Derzeit verlieren die Profis eher an Marktwert, mit jeder schlechten Leistung wenden sich Interessenten weiter ab. Die Schleifspuren der Coronakrise werden den Transfermarkt weiter beschäftigen, zudem konnte Krösche den Kader in seiner ersten Transferperiode nicht ausreichend für den von Glasner präferierten Stil verstärken.

Eine Trainer-Entlassung wäre für den Sportvorstand natürlich ein herber Schlag in dessen kurzer Amtszeit. Zudem läuft der Vertrag bis 2024, eine Abfindung käme teuer.

Sollte allerdings auch gegen das abgeschlagene Schlusslicht Greuther Fürth kein Sieg herausspringen, dann wachsen die Zweifel weiter und fehlen die Argumente. Möglicherweise muss die T-Frage deshalb noch vor der letzten Länderspielpause des Jahres intensiv diskutiert werden.

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