Wenn die drei ehemaligen Nationalspielerinnen Tabea Kemme, Josephine Henning und Anja Mittag alle zwei Wochen für ihren Podcast „MBHK“ zusammenkommen, ist das ein bisschen so, als würden sich drei Freundinnen zum Essen treffen. Deshalb hieß der Podcast zu Beginn auch „Mittags bei Henning“ – da war Kemme noch kein festes Ensemblemitglied.
Und was heißt überhaupt „so, als“, schließlich sind die drei Freundinnen seit den gemeinsamen Zeiten als Spielerinnen. Über die sprechen sie in ihren Folgen angenehm offen, mit viel Humor, aber auch deutlicher Kritik an Verhalten und Verhältnissen, in Vergangenheit und Gegenwart, Vereinen, Verbänden und dem ganzen System Fußball – bei aller Liebe zum Spiel.
Kemme, Henning, Mittag: Freundschaft, die mehr bewegt
Es ist für das Trio natürlich eine gute Nachricht, dass aus MBHK nicht permanent Zitate durch die Medien geistern, sagt andererseits aber einiges aus darüber, wie der Fußball der Frauen weiterhin betrachtet – oder eben nicht betrachtet – wird. Denn die Themen, die sie anfassen, oft mit spannenden Gäst*innen, haben Gewicht und viel zu wenig Aufmerksamkeit.
In den Schlagzeilen ist Kemme dann neulich ganz ohne ihr Zutun oder große Worte gelandet, als einige Spieler des FC Bayern die TV-Expertin anders als ihre männlichen Kollegen nach dem Champions-League-Spiel bei Atalanta Bergamo nicht abklatschen. Auch diese hinterher viel diskutierte Szene sagt einiges darüber, wie Frauen im Männerfußball und von Männern im Fußball weiterhin regelmäßig behandelt werden.
Wenn Respekt zur Ausnahme wird
Kemme scheut sich nicht, diese Themen offensiv anzusprechen. Sie weiß, in ihrer Rolle als Expertin bei Spielen der Männer ist sie hierzulande immer noch Pionierin. Natürlich hat sich in den letzten Jahren an der einen oder anderen Stelle etwas verändert, aber wenn sie beim Sender vorschlägt, mal zwei Frauen an die Seitenlinie zu stellen, winken die erschrocken ab.
Immer „die Eine“ zu sein, bringt unsichtbare Aufgaben mit sich. Bei den Kollegen verspüre sie anfangs oft eine Hilflosigkeit darüber, wie umgehen mit der Frau, die da plötzlich mit am Tisch steht. „Mein Wunsch ist es, in einem Umfeld zu arbeiten, wo wir eine schöne Ebene haben“, bringt die Champions-League-Siegerin ihre Haltung im Podcast „Flutlicht an!“ auf den Punkt.
Die Last der Pionierrolle
„Da habe ich nicht die Erwartung, dass die vom Gegenüber geschaffen wird, wenn da diese Art von Hilflosigkeit gegeben ist.“ Sie mache deshalb in solchen Situationen immer den ersten Schritt. Dafür brauche es aber viel Energie. „Das merke ich einfach. Es ist ein Energiefresser – zu 90 Prozent liegt es an mir, inwiefern die Ebene geschaffen wird.“
Eigentlich müsse das als Teilleistung bezahlt werden, hält Kemme fest. Stattdessen wird in Verhandlungen ihr gegenüber oft argumentiert, sie habe weniger Reichweite als männliche Ex-Profis – und damit weniger Wert.
Zwischen Frust und Klarheit
Sie müsse sich, sinniert die ehemalige Nationalspielerin, dann sehr darauf konzentrieren, nicht zu resignieren, sondern sich zu vergegenwärtigen: Die Art der Argumentation hat nichts mit ihr zu tun, sondern mit dem System.
Diese Gespräche selbst zu führen, sich also eigens zu managen, ist ihr wichtig. Einerseits, weil sie den Dialog ja führen will, um Dinge anzuschieben, zu verbessern. Gleichzeitig beschreibt Kemme, sie sei im System Fußball so lange fremdbestimmt gewesen, dass Autonomie ihr heute über alles geht. Dazu gehört die Verantwortung sich selbst gegenüber, nicht auszubrennen.
Der Ort, an dem die 34-Jährige Kraft schöpft, ist der Hof ihrer Eltern in Norddeutschland. Gerade haben einige der Schafe dort wieder Nachwuchs bekommen. Die Zeit mit den Tieren erdet, sagt Kemme – und gibt Energie für den nächsten Fernsehauftritt.