Ganz Fußball-Deutschland blickte am 6. August 2004 nach Bremen, wo der amtierende Meister nach einer damals noch ziemlich neuen Regelung in einem vorgezogenen Heimspiel am Freitagabend die Saison eröffnen durfte.

Bühne frei für die 42. Spielzeit, in der nach einer kicker-Umfrage auch die Kontrahenten des Abends zu den Titelfavoriten gehörten. 16 Prozent rechneten Werder die besten Chancen aus, etwas über zwölf prognostizierten Gegner Schalke die Meisterschaft.

Doch um zunächst mal einen Gewinner am ersten Spieltag zu ermitteln, muss in erster Linie einmal gespielt werden. Und das war das große Problem an diesem Tag.

Plötzlich gibt es einen Knall – und alle sind ratlos

Als die Mannschaften schon im Kabinengang stehen, gibt es einen lauten Knall. Er gehört nicht zur DFL-Choreographie, die bei Eröffnungsspielen üblich ist. Nein, er kündigt das Unheil an: drei Minuten vor Anpfiff fällt der Strom aus. Im Stadion wird es dunkel, auf den Bildschirmen auch – Premiere und ARD wollen live übertragen.

Die Fernsehleute sind ratlos, Marcel Reif moderiert kurzfristig per Telefon, aber das „hörte sich in etwa so an wie die alten Fußballmoderationen a la Bern 1954“, lästert ein Zuschauer im Internet.

Ein einsamer Mast bringt Licht ins Dunkel

Nur ein einsamer Flutlichtmast bringt etwas Licht ins Dunkel, die Anzeigetafel fällt auch aus. Ein Teil der 42.500 Fans nimmt es locker und skandiert: „Fußball geht auch ohne Strom“. Feuerzeuge werden geschwenkt und – damals ganz neumodisch – sogar Handy-Displays dienen als Lichtquellen.

Lediglich ein Flutlichtmast ist funktionstüchtig, dieser versprüht dafür bei klarem Abendhimmel einen Hauch Fußballerromantik
Lediglich ein Flutlichtmast ist funktionstüchtig, dieser versprüht dafür bei klarem Abendhimmel einen Hauch FußballerromantikLediglich ein Flutlichtmast ist funktionstüchtig, dieser versprüht dafür bei klarem Abendhimmel einen Hauch Fußballerromantik© IMAGO/MIS

Um ein reguläres Spiel auszutragen, reichen sie natürlich nicht. Schiedsrichter Stefan Trautmann schickt die Spieler in die Kabinen zurück, der rote Teppich für die Eröffnungs-Zeremonie wird wieder eingerollt. Vor der Problembehebung kommt die Ursachenforschung. Aber noch weiß niemand, warum die Bundesliga-Premiere in ein schwarzes Loch gefallen ist.

Heute wissen wir es: Der Schuldige ist eine Kabelmuffe namens Carola, die heute im Werder-Museum zu besichtigen ist. Sie hat den Geist aufgegeben, Materialermüdung zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Zunächst kursiert eine andere Theorie. In Stadionnähe finden nämlich Straßen-Bauarbeiten der Bremer Stadtwerke statt und es heißt, ein Bagger habe das Kabel nachhaltig beschädigt. Aber um die Uhrzeit wird nicht mehr gebaggert.

Das späteste Bundesliga-Tor der Geschichte

Immerhin funktioniert das Stadionmikrofon noch und so lernt der Zuschauer im Laufe des seltsamen Abends, dass diese Muffe zwei Kabel verbindet – und weil sie in einem Meter Tiefe verbuddelt war, dauert es entsprechend lange, bis sie repariert und die Bundesligasaison 2004/05 endlich eröffnet wird.

66 Minuten genau genommen, während denen sich die Spieler in den Katakomben dehnen und strecken und vergeblich gegen den Spannungsverlust ankämpfen. Nach 20 Minuten kommen sie auf den Rasen und trainieren öffentlich, prompt singen die Fans: „Wir wollen Fußball sehen.“ Sie müssen weiter warten, bis die Bremer Elektrizitätswerke ihre Spezialisten aus dem Feierabend geholt haben. Die Schalker Mannschaft vertreibt sich die Zeit unter anderem mit den stimmungsvollen eigenen Fans.

Spieler von Schalke halten die Fans während des Stromausfalls bei Laune
Spieler von Schalke halten die Fans während des Stromausfalls bei LauneSpieler von Schalke halten die Fans während des Stromausfalls bei Laune© IMAGO/Team 2

Die Verantwortlichen wollen übrigens schon nach 45 Minuten und ohne Rücksicht auf die TV-Zuschauer im Dämmerlicht anstoßen lassen, auch Schalke-Manager Rudi Assauer gibt sein Okay. Aber als Trautmann bereits die Pfeife im Mund hat, fällt auch der letzte Flutlichtmast aus. Allmählich sieht es nach einem verdammt schlechten Scherz eines Fußballhassers aus.

15 Minuten dauert die Gespensterstunde im Stadion, das kaum jemand verlässt. Dann beklatschen die Fans den Moment, als das Licht wieder kommt, euphorischer als so manches Werder-Tor. An diesem Abend fällt nur eines – Nelson Valdez erzielt für die Gastgeber um 23.13 Uhr das späteste Bundesliga-Tor der Geschichte.

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