Manche Weisheiten überdauern die Jahre – und jede Entwicklung.

„Entscheidend is‘ auf’m Platz“, philosophierte Adi Preißler vor gut einem halben Jahrhundert, als Marketingreisen und 50+1-Regel noch weit entfernt waren.

Was Preißler über RasenBallsport Leipzig gedacht hätte, sei dahingestellt. An seinem Leitspruch würde er aber wohl weiter festhalten.

Auftakt gegen Aalen

Trotz des riesigen Wirbels, den der Aufsteiger schon vor seinem Zweitliga-Debüt gegen den VfR Aalen abseits des Platzes verursacht hat.

Schon seit der Vereinsgründung 2009 wird das Projekt des Brauseherstellers „Red Bull“ genauestens beobachtet. Mit dem Aufstieg in die Zweite Liga ist die Aufmerksamkeit noch einmal deutlich angestiegen – und im selben Maße auch die Kritik.

Kritik aus Mainz

„Ich finde es schade, dass der Erfolg im Fußball nicht mehr ausschließlich vom Fußball abhängig ist“, sagte beispielsweise Christian Heidel in der „Allgemeinen Zeitung“. Der Sport verändere sich immer mehr in Richtung Geschäft.

„Ist es das, was wir wollen? Dass andere Vereine das nicht so gut finden, was da passiert, muss auch erlaubt sein.“

Der Manager von Bundesligist Mainz 05 sprach damit aus, was gerade im Umfeld sogenannter Traditionsvereine viele denken. Zumal die Red-Bull-Verantwortlichen mit umstrittenen Transfers in der Sommerpause für zusätzliches Kopfschütteln sorgten.

Wirbel um Transfergeschäfte

Marcel Sabitzer wurde für zwei Millionen Euro von Rapid Wien verpflichtet, um anschließend direkt an den österreichischen Partnerverein Red Bull Salzburg verliehen zu werden – die von Rapid vertraglich festgehaltene Transfersperre für Österreich war umgangen.

Ähnlich wurde mit Massimo Bruno vom RSC Anderlecht verfahren, der ebenfalls nach Salzburg ausgeliehen wurde, nachdem ihn zunächst Leipzig für angeblich neun Millionen Euro verpflichtet hatte.

„Diese kolportierte Summe ist schlichtweg falsch“, sagte RB-Sportdirektor Ralf Rangnick zwar und betonte, die Ablöse belaufe sich auf fünf Millionen plus etwaige Bonuszahlungen.

Aber: Unabhängig von Summen stößt das Transfergebahren des Red-Bull-Imperiums nicht überall auf Gegenliebe.

Diskussion um die Statuten

„Dann können sich zwei Vereine die Spieler hin- und herschieben wie sie wollen“, kritisierte Bochums Trainer Peter Neururer bei SPORT1: „Wenn das durch die Statuten möglich ist, sollte man die Statuten mal überprüfen.“ Das Financial Fairplay werde „manchmal so interpretiert, wie man es gerade braucht.“

Trainerkollege Christoph Daum kann diese Kritik nicht nachvollziehen. „Dass ein Fußballverein einen Spieler transferiert und ihn danach sofort zu einem anderen Verein ausleiht, ist seit Jahren eine übliche Praxis“, erklärte der 60-Jährige bei SPORT1.

Jeder Verein habe das Recht, von den Möglichkeiten der Transferstatuten Gebrauch zu machen: „Dies gilt auch für RB Leipzig.“

Berthold spricht von Heuchelei

Ähnlich beurteilt auch SPORT1-Experte Thomas Berthold die Situation. Er könne einerseits zwar Neururers Standpunkt verstehen. Den Zweitliga-Neuling an den Pranger zu stellen, hält Berthold aber für „Heuchelei“.

„Geld regiert den Fußball“, stellte der Weltmeister von 1990 bei SPORT1 nüchtern fest: „Es gibt immer wieder in jedem Regelwerk Lücken und dieses Thema zieht sich durch alle Ligen.“

Davon unabhängig entstehe in Leipzig vielleicht „etwas Nachhaltiges und ein möglicher Bayern-Konkurrent. Konkurrenz ist immer gut für den Wettbewerb.“

Eben jenen sportlichen Aspekt ihres Projektes rücken auch die Verantwortlichen bei RB Leipzig immer wieder in den Vordergrund.

„Nicht in 15 Jahren“

„Dieser Verein ist nicht deshalb gegründet worden, damit irgendwann mal alle jubelnd auf der Straße stehen“, sagte Trainer Alexander Zorniger zuletzt bei „Spox“. Das werde „selbst in den nächsten 15 Jahren“ nicht passieren.

Sportlich soll in dieser Zeit dagegen noch einiges passieren. Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz will sobald wie möglich mit den Branchenführern FC Bayern und Borussia Dortmund konkurrieren.

„Wenn wir das nicht irgendwann einmal wollten, sollten wir den Fußball besser an den Nagel hängen“, erklärte der Österreicher.

Die Zweite Liga? Nicht mehr als eine Durchgangsstation. Das Ziel? Meisterschaften gewinnen. „Ein paar Jahre vergehen ja schnell, aber irgendwann wird es so sein“, sagt Mateschitz.

„Retortenklub“ als Tabubegriff

Den Begriff „Retortenklub“ hören sie in Leipzig trotz des rasanten Aufstiegs aber nicht gerne.

„Natürlich hat jeder das Recht zu einer eigenen Meinung über RB Leipzig“, sagte Sportdirektor Rangnick der „Welt“. Er störe sich aber an falschen Behauptungen, etwa über das angeblich fehlende Zuschauerpotenzial.

„Ich wage schon jetzt die Prognose, dass in der künftigen Saison nur wenige andere Zweitliga-Klubs bei Auswärtsspielen mehr mitreisende Fans mobilisieren werden als RB Leipzig“, prophezeite der ehemalige Bundesliga-Trainer.

Auch Martin Kind empfindet die Sachsen als Bereicherung für den deutschen Profifußball. Für den Präsidenten von Hannover 96 ist RB höchstens formal ein Retortenklub.

Akzeptanz aus Hannover

„Wenn in der Dritten Liga 40.000 Zuschauer zu Heimspielen von RB Leipzig kommen, dann zeigt das, dass die Menschen in Leipzig das Projekt vollumfänglich annehmen“, sagte Kind bei SPORT1.

„Tolles Stadion, erfolgreicher Fußball – das sind die Kriterien, an denen es zu beurteilen ist.“

Erfolgreichen Fußball wollen die Roten Bullen ab diesem Wochenende auch in der Zweiten Liga bieten – und damit für positive Schlagzeilen sorgen.

Womit wir wieder bei Adi Preißler wären: „Entscheidend is‘ – immer noch – auf’m Platz.“