Die Intervention von Donald Trump im Fall Balogun und das nach VAR-Überprüfung aberkannte Tor des DFB-Teams gegen Paraguay sind nur zwei Beispiele dafür, dass auch bei dieser WM viel und heftig über Schiedsrichterentscheidungen diskutiert wurde.
Nach dem Achtelfinale hat SPORT1 mit Markus Merk über die strittigen Entscheidungen gesprochen. Die Schiedsrichter-Legende wirft dem Weltverband FIFA in dem Interview vor, mit der Begnadigung des US-Amerikaners Folarin Balogun gegen seine eigenen Werte zu verstoßen.
Außerdem übt der 64-Jährige harsche Kritik an Pierluigi Collina und wirbt für einen reformierten Einsatz des VAR.
WM: So sieht Merk den Skandal um Trump, Infantino beim Thema Balogun
SPORT1: Herr Merk, wie bewerten Sie die Vorgänge rund um die nachträgliche Aufhebung der Rotsperre gegen US-Spieler Folarin Balogun für das WM-Achtelfinale gegen Belgien?
Markus Merk: Jede Rote Karte bedingt mindestens ein Spiel Sperre. Das ist klar festgeschrieben im Reglement. Wer das in der Vergangenheit verfolgt hat, weiß, dass das uns in Deutschland auch schon mal getroffen hat. Ich kann mich erinnern, das war, glaube ich, vor unserer WM 2006. Da gab es in der Bundesliga eine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Die Rote Karte war falsch. Das Sportgericht hatte damals überlegt, den Spieler freizusprechen. Damals hat die FIFA gedroht: Wenn ihr das macht, dann wird eure Nationalmannschaft aus dem nächsten Wettbewerb ausgeschlossen. Das ging nicht nur dem DFB so, sondern auch anderen Verbänden.
SPORT1: Was heißt das nun für den Fall Balogun konkret?
Merk: Die FIFA selbst hat diesen Paragrafen, dieses Reglement absolut verteidigt. Das ist auch insgesamt für den Fußball wichtig. Auch wenn es um eine falsche Entscheidung geht, müssen wir irgendwo die Tatsachenentscheidung auf dem Spielfeld schützen. Ansonsten diskutieren wir dann alle hinterher. Jede Gelbe Karte wird nachträglich überprüft und verändert, aber nie verbessert. Irgendwo brauchen wir die Tatsachenentscheidung, dass der Fußball so weiterläuft. Deswegen war das hier völlig außergewöhnlich. Es war eine Situation, die jetzt natürlich von allen kritisiert wird, die absolut verwunderlich ist, die eigentlich sprachlos macht. Denn sie greift die Integrität des Fußballs an. Sie greift die Basis des Reglements an. Klare Dinge innerhalb des Turniers zu ändern, ist zudem eine klare Wettbewerbsverzerrung.
Boykott? „Das würde nahezu das Aus bedeuten“
SPORT1: Wie meinen Sie das?
Merk: Bei allen anderen Spielern vorher, die ihre Strafen gemäß des Reglements abgesessen haben, gab es überhaupt kein Aufbäumen und kein Murren. Das ist auch kein persönlicher Angriff auf den Schiedsrichter oder das Schiedsrichterwesen, sondern das ist ein Angriff auf den Fußball. Das muss man ganz klar so sehen. Da sind nicht die Schiedsrichter gefragt, sondern die große Familie des Fußballs weltweit. Aber wir sehen auch immer wieder, dass wir daran auch nicht glauben dürfen, dass der Zusammenhalt so groß ist, sich gegen die große und mächtige FIFA zu stemmen. Denn jeder will wieder am nächsten Projekt beteiligt sein. Jeder, vor allem die kleinen Nationen, möchte seine Zuschüsse wieder haben für die nächsten Förderprojekte. Solche Dinge wie Boykott wird es deshalb nie geben, weil es immer wieder viele geben wird, die sagen, ich mache da nicht mit. Letztlich geht es ja auch um Wirtschaftlichkeit. Das betrifft ja auch uns als DFB. Wir können nicht sagen, wir spielen bei eurem FIFA-Zirkus einfach nicht mehr mit. Das würde ja nahezu das Aus bedeuten.
Merk kritisiert Collina: „Diese Anweisung gab es nirgends“
SPORT1: Den Deutschen wurde ein Tor aberkannt, weil Waldemar Anton den Torwart blockiert haben soll. Wie sahen Sie die Situation?
Merk: Für mich war es insgesamt zu wenig für einen Freistoß. Ich glaube auch, dass der Torhüter eben diesen Schritt nach vorne macht, beim Kontakt selbst erschrocken ist und dann sofort weitergespielt hat. Das Entscheidende ist eben, dass wir dieses Recht des Torhüters im Fünfmeterraum, quasi überhaupt nicht berührt und attackiert zu werden, wie wir es noch vor Jahren hatten, längst aufgegeben haben. Man spricht von gleichen Rechten für den Torhüter im Fünfmeterraum wie jeder andere Spieler bei jedem anderen Zweikampf. Dann kam es zu dieser Situation. Der Schiedsrichter hat es ja auch im Spiel nicht gewertet – für mich richtigerweise -, sondern erst auf Intervention des Videoassistenten.
SPORT1: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Reaktion von Schiedsrichterchef Pierluigi Collina?
Merk: Dass dann der Chef der Kommission, der Pierluigi, natürlich versucht, diese Entscheidung zu rechtfertigen, ist nicht außergewöhnlich in der Geschichte des Schiedsrichterwesens bei großen Turnieren. Aber hier war es schon überraschend, dass er gesagt hat, es sei ganz klar kommuniziert gewesen, dass die Torhüter im Fünfmeterraum nicht gesperrt oder geblockt werden können. Denn diese Anweisung gab es nirgends. Man hat also quasi innerhalb des Turniers das Reglement wieder etwas für sich zunutze gemacht und geändert. Das ist eben ein schlechter Weg. Wer dann, wie ich selbst, Spiele vorher und nachher beobachtet und sieht, dass gleiche Situationen doch nicht geahndet werden, muss zu dem Schluss kommen, dass das natürlich ein schlechtes Zeichen ist. Das ist ein Beispiel, das sehr prägnant ist und uns auch betroffen hat. Abgesehen davon war die Leistung unserer Nationalmannschaft eines Weiterkommens unwürdig, und wir sollten es nicht anhand einer Schiedsrichtersituation, wie es gottlob nahezu alle in unserem Land gesehen haben, festmachen. Aber diese Situation war schon überraschend, wenn wir von Autorität, Entscheidung und Macht sprechen.
„Das war von Anfang an ein Trugschluss“
SPORT1: Haben wir insgesamt ein Problem mit dem VAR?
Merk: Wir haben von Anfang an Probleme mit dem VAR gehabt. Wer gedacht hat, das wäre jetzt die Lösung für mehr Gerechtigkeit… Das war von Anfang an ein Trugschluss. Für mich wurden die Parameter, wie man technische Hilfsmittel im Fußball implementiert, sodass wir alle noch Spaß an unserem Fußball haben, von Anfang an von der FIFA falsch gesetzt. Zehn Nationalverbände damals, ein Probejahr mit den gleichen Parametern. Wir wollen mehr Gerechtigkeit. Aber was heißt das, mehr Gerechtigkeit? Das ist eh immer ein subjektiver Begriff. Wenn es uns selbst betrifft, empfinden wir es anders, als wenn es unseren Gegenüber betrifft.
Merk fordert Vetorecht bei strittigen Situationen
SPORT1: Was heißt das bezogen auf den Fußball?
Merk: Wir haben ja klare Situationen gesehen, wo der Videoassistent auch nicht eingegriffen hat. Das ist ja ungerecht, wenn es nicht geschieht. Und wer hat’s entschieden? Der Schiedsrichter – auf dem Spielfeld und im Videokeller. Und wer hat keine Chance, einzugreifen und sein Veto einzulegen? Die, die es betrifft. Wenn ich von Gerechtigkeit spreche – im gesellschaftlichen Leben und im Sport -, müssen die, die betroffen sind, auch eine Stimme haben. Ich versuche, das immer weiter zu reduzieren, weil es so oft von mir schon vor 20 Jahren ins Feld geführt wurde: Ein technisches Hilfsmittel funktioniert nur, wenn die Betroffenen eine Stimme haben. Sprich mit einem Vetorecht.
SPORT1: Was versprechen Sie sich davon?
Merk: Dann hätten wir es auch geschafft, nicht immer weiter neue Situationen zu kreieren: Eckball ja oder nein. Wo kommen wir da noch hin? Das Foulspiel 20 Meter vor dem Tor, das nicht geahndet wird. Das ist doch eigentlich die viel wichtigere Situation. Da wird man irgendwann drangehen. Also man wird es immer weiter verfeinern, für mich verschlimmbessern im Sinne des Fußballs. Hätte ich das Vetorecht, könnten das die Teams zwei- bis dreimal pro Spiel nutzen. Das muss man von der Theorie in die Praxis umsetzen. Aber dann können sie sagen, dort wollen wir jetzt die Überprüfung haben. Dann hätten wir das Ganze limitiert. Ich glaube – da muss man kein Fußballnostalgiker sein: Wer den Fußball liebt, dem geht es manchmal ganz schön gegen Sinn und Geist des Ganzen.