„Lasst uns feiern!“ Es war eine kurze, aber eindeutige Botschaft des Stadionsprechers im Stadium of Light. Der Grund? Der AFC Sunderland schrieb am Sonntag eine der größten Heldengeschichten des internationalen Fußballs.

Schon vor dem Anpfiff am letzten Spieltag der Premier League war die Ausgangslage klar definiert. Vor heimischer Kulisse empfing Sunderland das milliardenschwere Star-Ensemble des FC Chelsea. Die Vorzeichen hätten dabei kaum unterschiedlicher sein können – und sorgten nach dem Abpfiff für ein Gefühlschaos.

Ein szenischer Empfang für die Stars von Sunderland
Ein szenischer Empfang für die Stars von Sunderland Ein szenischer Empfang für die Stars von Sunderland © IMAGO/NurPhoto

Im direkten Duell um die europäischen Plätze setzte sich Sunderland mit 2:1 gegen das englische Fußball-Schwergewicht durch. Während Chelsea als Tabellenzehnter in der kommenden Saison somit nicht europäisch spielen wird, qualifizierten sich die „Black Cats“ für die Europa League und vollendeten ein kleines Fußballmärchen.

Der Absturz eines schillernden Traditionsklubs

Denkt man an die Frühzeit des englischen Fußballs zurück, erstrahlen die Erfolge von Sunderland. Sechsmals wurde der AFC zwischen 1891 und 1936 Meister und feierte dazu zwei FA-Cup-Titel. Auch im Pokal stammt der letzte Erfolg allerdings aus der Saison 1972/73.

Doch auch in der jüngeren Vergangenheit war Sunderland lange Teil der Premier League, wenngleich zwischen 2007 und 2017 nie ein einstelliger Tabellenplatz heraussprang. Stattdessen stieg der Klub am Ende der Saison 2016/17 als Tabellenletzter ab. Es war der Beginn einer Achterbahnfahrt, die in dieser Saison einen Höhepunkt erreicht hat.

Nach dem Abstieg aus der Premier League wurde Sunderland abermals als Schlusslicht der Tabelle direkt in die dritte englische Liga durchgereicht – erstmals in der langen Historie des AFC. Dort verbrachte der Klub aus dem Nordosten Englands satte vier Spielzeiten. Zweimal scheiterte man in den Playoffs, einmal verpasste man diese sogar.

Sunderland: Eine unwahrscheinliche Rückkehr in die Premier League

Erst im vierten Jahr gelang über die Playoffs die Rückkehr in die Championship. Allerdings drohte die Mission Premier-League-Comeback zu stagnieren. Nach Platz sechs und Platz 16 erkämpfte sich Sunderland in der vergangenen Saison jedoch die Rückkehr.

In der ersten Saison von Trainer Régis Le Bris erzielte Sunderland magere 58 Tore in 46 Partien und schien mit 24 Punkten Rückstand auf die direkten Aufstiegsplätze auch in den Playoffs nur geringe Chancen zu haben – dann folgte das Spektakel.

Im Halbfinal-Rückspiel köpfte Daniel Ballard Sunderland in der 120.+2 Minute ins Aufstiegsfinale von Wembley. Dort wartete mit Sheffield United jedoch ein vermeintlicher Übergegner, der die reguläre Saison vierzehn Punkte vor Sunderland beendete.

Doch wie Le Bris nach dem Finale festhielt, „die Planeten standen heute richtig“ für Sunderland. Trotz Rückstand kämpfte sich der Klub aus der Industriestadt zurück und drehte mit dem nächsten Last-Minute-Treffer (90.+5) die Partie. Die Rückkehr in die Premier League nach acht Jahren war perfekt.

Das Wunder nach dem Comeback

Was in dieser Saison folgte, hatten sich aber wohl nur die wenigsten Anhänger des Klubs erträumt. Waren in den vorherigen zwei Saisons noch alle drei Aufsteiger direkt wieder abgestiegen, widersetzte sich Sunderland allen Prognosen.

Zwei Derbysiege gegen den großen Rivalen Newcastle United, beachtliche Unentschieden gegen Meister Arsenal, Manchester City und Manchester United – sowie das spektakuläre Saisonfinale gegen Chelsea vollendeten das Märchen.

Mit Platz sieben qualifizierte sich Sunderland als Aufsteiger erstmals seit 53 Jahren wieder für einen internationalen Wettbewerb und fuhr das beste Saisonergebnis seit 1999/2000 und 2000/01 ein. Dazu konnten sich in der Geschichte der Premier League zuvor nur vier Aufsteiger über die reguläre Ligaplatzierung für Europa qualifizieren.

Englische Presse feiert „das Unvorstellbare“

Die Reaktionen in der englischen Presse fielen entsprechend ungläubig aus. „Sunderland trotzt allen Erwartungen und sichert sich gegen ein schwächelndes Chelsea die Teilnahme am europäischen Wettbewerb“, schrieb der Telegraph. Die BBC blickte hingegen in die Vergangenheit und schrieb: „Letztes Jahr um diese Zeit standen die Black Cats im Playoff-Finale der Championship in Wembley, und nun haben sie mit einem Platz unter den ersten Acht das Unvorstellbare geschafft. Die Europa League wartet…“

Mit Blick auf die bereits veröffentlichte Netflix-Doku „Sunderland, till I die“ stellte zudem The Sun fest: „Sunderlands Sieg über die milliardenschweren Blues, der 1973 erstmals die Qualifikation für den europäischen Fußball bedeutete, wäre der perfekte Saisonabschluss für eine Außenseitergeschichte gewesen, die in die Geschichte eingegangen wäre.“

Ähnlich fielen auch die Reaktionen innerhalb der Mannschaft aus. „Das ist unglaublich. Einfach großartig. Das Stadion dreht gerade durch und die Fans haben es verdient“, sagte Erfolgstrainer Le Bris nach dem Abpfiff am Sonntag der BBC.

Ein Kreis schloss sich derweil auch für Torschütze Trai Hume. Der Verteidiger war im Januar 2022 für nur rund 240.000 Euro Ablöse aus Nordirland in die dritte englische Liga gewechselt. Damals sei ihm versichert worden, dass der Klub „nach Höherem und Besserem strebe“. Auch Hume rechnete jedoch nicht mit dem Durchmarsch nach Europa.

„Mir fehlen ehrlich gesagt die Worte, wir haben uns das über die gesamte Saison absolut verdient, wir haben das ganze Jahr über alles gegeben. Als wir aufgestiegen sind, hat uns niemand etwas zugetraut, aber jetzt stehen wir in der Europa League, haben viele Kritiker eines Besseren belehrt – es gibt nichts Schöneres“, betonte der 24-Jährige.

Ein beachtlicher Transfersommer führt zum Erfolg

Ausschlaggebend dafür, dass die Kritiker belehrt werden konnten, war vor allem ein beachtlicher Transfersommer von Sunderland. Insgesamt stand ein Budget von rund 150 Millionen Pfund für 15 Neuzugänge zur Verfügung.

„Im Grunde genommen sind hohe Transferausgaben keine Garantie für das Überleben. Aber genau das hat Sunderland geschafft: viel Geld auszugeben und es sinnvoll einzusetzen“, urteilte die BBC.

Allen voran entpuppte sich die Verpflichtung von Granit Xhaka als echter Coup. Der Schweizer kam für rund 15 Millionen Euro von Bayer Leverkusen. Nach seinem Wechsel im Sommer noch belächelt, stieg Xhaka direkt zum Kapitän auf – und spielt in der kommenden Saison genau wie Leverkusen in der Europa League.

Anführer Xhaka als X-Faktor

„Xhaka hat die Mannschaft von Régis Le Bris von vorne angeführt und einem Kader, dem es nach dem Aufstieg über die Relegation an Führungsspielern mangelte, Erfahrung auf höchstem Niveau verliehen“, schrieb Goal und listete den Mittelfeldspieler auf Platz zwei der besten Premier-League-Neuzugänge der Saison – einzig hinter Rayan Cherki von Manchester City.

Neben Xhaka schafften es mit Torhüter Robin Roefs (8.), Nordi Mukiele (11.) und Noah Sadiki (20.) zudem drei weitere Schlüsselspieler in das Ranking des Portals. Besonders Xhaka glänzte jedoch mit sechs Vorlagen und einer Platzierung unter den Top fünf Prozent aller Spieler bei geblockten Schüssen und Klärungsaktionen.

Auch in der kommenden Saison soll der Anführer Sunderland weiter nach vorne treiben, wenn die Europa-League-Hymne im Stadium of Light erklingt und der Aufstieg aus der Drittklassigkeit bis nach Europa seinen bisherigen Höhepunkt erreicht.