Es ist der wahrscheinlich schlimmste Schmerz, den eine Mutter fühlen kann: Am 3. März 2025 verlor Susen Tiedtke, Olympiafünfte von 2000, ihren erst 17-jährigen Sohn. Nun hat die ehemalige Weitspringerin erzählt, wo sie die Leiche des Jungen fand und wie sie in der Folge mit dem schweren Schicksalsschlag zu leben begann.

Nach einer langen Nacht, in der der Teenager am Computer gezockt hatte, kam er am nächsten Tag nicht mehr aus seinem Zimmer. „Ich bin dann hoch, habe geklopft, auch gerufen, aber keine Reaktion“, verriet Tiedtke im Gespräch mit Bild. Seine Tür hatte der Junge abgeschlossen – die Mutter baute schließlich gemeinsam mit ihrer Tochter das Schloss aus.

Im vergangenen Jahr verstarb Tiedtkes Sohn im Alter von 17 Jahren
Im vergangenen Jahr verstarb Tiedtkes Sohn im Alter von 17 JahrenIm vergangenen Jahr verstarb Tiedtkes Sohn im Alter von 17 Jahren© IMAGO/Thomas Lebie

Weitsprung-Star: „Mir war sofort klar, was los war“

„Er lag im Bett, als würde er friedlich schlafen. Aber als ich ihn berührte, war er schon steif und kalt, blau an den Waden. Das war ein krasser Schock. Mir war sofort klar, was los war“, erinnerte sich die 57-Jährige. Die Polizei kam, um den verstorbenen Jungen abzutransportieren. Dies ist bei toten Minderjährigen üblich. „Seine Augen waren noch offen, sie waren so leer und ausdruckslos, das kann man nicht beschreiben“, erzählte Tiedtke weiter.

Der Obduktionsbericht des Teenagers ergab, dass sein Herz extrem entzündet gewesen war. Angesehen hatte Tiedtke ihrem Sohn die Beschwerden jedoch nie: „Monate vorher hatte er Schmerzen im Herzbereich. Ich wollte mit ihm zum Arzt, er nicht, und nach zwei Tagen waren die Schmerzen wieder weg“, erklärt sie. Sie tat es als Wachstumsschmerzen ab.

Er rief die Mutter in seiner letzten Nacht an

Macht sie sich heute Vorwürfe? „Irgendwie schon. Warum habe ich nichts bemerkt, nichts gesehen?“ Erst wenige Tage vor dem Tod sei ihr eine Veränderung an ihrem Sohn aufgefallen: „Er sah grau im Gesicht aus, wie ein 80-Jähriger“, erzählte Tiedtke. „Aber er fühle sich gut, sagte er.“ In der Nacht, in der er verstarb, rief der Sohn seine Mutter sogar nochmal aus seinem Zimmer heraus an – doch Tiedtke schlief bereits und nahm den Anruf nicht entgegen.

Die Wochen und Monate danach versank die gebürtige Berlinerin in einem tiefen Loch: „Ich war wie in Trance, funktionierte nur noch. So was kannst du nicht begreifen. Ich kauerte zwei Monate auf dem Sofa.“ Ihre Tochter kochte für sie.

Tiedtkes Leben hat sich „komplett geändert“

Inzwischen hat Tiedtke einen Weg gefunden, mit dem schweren Verlust umzugehen: Sie „stehe in Kontakt“ mit ihrem Sohn, sagte sie glücklich. Auch einen kleinen Anhänger mit einem Teil seiner Asche besitzt sie. „Durch seinen Tod hat sich mein Leben komplett geändert. Ich lebe viel bewusster, mache nur noch Dinge, die mir Spaß und Freude machen.“

Susen Tiedtke gehörte zu den besten Weitspringerinnen der Welt
Susen Tiedtke gehörte zu den besten Weitspringerinnen der WeltSusen Tiedtke gehörte zu den besten Weitspringerinnen der Welt© IMAGO/WEREK

Ihr Sohn wurde in Bielefeld beigesetzt, dort lebt der Vater, Tiedtkes Ex-Mann. Mit ihm war die 57-Jährige von 2005 bis 2008 verheiratet und bekam zwei Kinder. Wenige Jahre zuvor hatte Tiedtke ihre aktive Karriere beendet. 1993 wurde sie Deutsche Meisterin im Weitsprung, es folgten je eine WM-Silber- und Bronzemedaille. Bei den Spielen in Sydney 2000 wurde sie Fünfte.

Im Schatten von Heike Drechsler gehörte Tiedtke jahrelang zu den besten Weitspringerinnen der Welt und nahm mehrfach an Olympia teil – ihre Rekordweite liegt bei exakt sieben Metern. Nach ihrer Sportkarriere machte die gelernte Physiotherapeutin eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und führt inzwischen eine eigene Praxis in Berlin.