Dorando Pietri wurde 1885 in der italienischen Provinz Reggio Emilia geboren. Er arbeitete zunächst als Bäcker und entdeckte seine außergewöhnliche Ausdauer eher zufällig.

Schnell entwickelte er sich zu einem der besten Langstreckenläufer Italiens. Seine Spezialität waren Straßenläufe und Marathonrennen – Disziplinen, die Anfang des 20. Jahrhunderts immer populärer wurden. Schon vor den Olympischen Spielen 1908 hatte sich Pietri einen Namen gemacht.

Der berühmteste Marathon der Geschichte

Bei den Olympischen Spielen in London galt Pietri nicht als Topfavorit. Der Marathon wurde unter schwierigen Bedingungen ausgetragen. Die Temperaturen waren hoch, viele Läufer brachen erschöpft zusammen.

Lange Zeit führte der Südafrikaner Charles Hefferon das Rennen an. Doch wenige Kilometer vor dem Ziel begann er zu schwächeln. Pietri nutzte die Gelegenheit und zog vorbei. Plötzlich lag der Italiener auf Goldkurs.

Das Drama im Stadion

Dann begann eine Szene, die bis heute unvergessen ist. Als Pietri das Stadion erreichte, war er völlig erschöpft und orientierungslos. Zunächst lief er sogar in die falsche Richtung. Kurz darauf brach er zusammen.

Helfer und Offizielle richteten ihn wieder auf. Doch nur wenige Meter später stürzte er erneut. Insgesamt kollabierte Pietri mehrfach auf den letzten Metern. Das Publikum hielt den Atem an. Immer wieder wurde der Italiener aufgerichtet und gestützt, bis er schließlich als Erster die Ziellinie überquerte.

Dann kam die Disqualifikation

Die Freude hielt jedoch nur kurz. Der Amerikaner Johnny Hayes, der als Zweiter ins Stadion eingelaufen war, legte Protest ein. Die Begründung war eindeutig: Pietri hatte unerlaubte Hilfe erhalten.

Die Kampfrichter gaben ihm recht. Obwohl Pietri als erster Läufer die Ziellinie erreicht hatte, wurde er disqualifiziert. Olympiasieger wurde offiziell Hayes. Für den Italiener war es die bitterste Niederlage seines Lebens.

Die Welt verliebte sich in Verlierer Pietri

Doch etwas Unerwartetes passierte. Die Zuschauer hatten das Drama live erlebt und waren tief bewegt. Zeitungen auf der ganzen Welt berichteten über den erschöpften Italiener, der seine letzten Kräfte geopfert hatte.

Während Hayes zwar Gold gewann, wurde Pietri zur eigentlichen Berühmtheit der Spiele. Sogar Königin Alexandra zeigte Mitgefühl und überreichte ihm einen speziellen Ehrenpokal als Anerkennung für seine außergewöhnliche Leistung. Damit wurde der Disqualifizierte plötzlich zum Star der Olympischen Spiele.

Der Mann, der den Marathon berühmt machte

Die Geschichte verbreitete sich rund um den Globus. Pietri erhielt Einladungen zu internationalen Rennen und profitierte von seiner neuen Popularität. Besonders in den USA war das Interesse riesig.

Dort trat er mehrfach gegen Johnny Hayes zu Revancheläufen an. Die Duelle lockten Tausende Zuschauer an und machten beide Athleten zu den bekanntesten Marathonläufern ihrer Zeit. In gewisser Weise trug Pietri entscheidend dazu bei, den Marathonlauf weltweit populär zu machen. Sein dramatischer Zieleinlauf wurde zu einem der ersten globalen Sportereignisse des Medienzeitalters.

Das Leben nach dem Sport

Nach dem Ende seiner Laufbahn kehrte er nach Italien zurück und widmete sich dem Geschäftsleben. Er betrieb unter anderem einen Hotel- und Gastronomiebetrieb.

Den Kontakt zum Sport verlor er jedoch nie vollständig. In seiner Heimat blieb er eine bekannte Persönlichkeit und wurde regelmäßig an seinen legendären Marathon von London erinnert.

Ein frühes Ende

Dorando Pietri starb 1942 im Alter von nur 56 Jahren. Seine sportlichen Erfolge waren inzwischen teilweise verblasst. Die Erinnerung an den Marathon von 1908 lebte jedoch weiter.

Mit den Jahrzehnten wurde seine Geschichte immer wieder neu erzählt und zu einem festen Bestandteil der olympischen Historie.