Es ist eine Szene, die Erinnerungen weckt. Dienstag, Dallas, Halbfinale, Spanien gegen Frankreich: Dani Olmo behauptet den Ball, obwohl ihn gleich vier französische Gegenspieler umringen. Fast wirkt das Bild wie eine Neuauflage jener ikonischen Aufnahme von Andrés Iniesta, der im EM-Finale 2012 gegen Italien von fünf ebenfalls in blau gekleideten Gegenspielern umringt wurde.
Iniesta prägte Spaniens goldene Ära zwischen 2008 und 2012 wie kaum ein anderer – mit zwei Europameistertiteln und dem WM-Triumph 2010. Dass Olmo inzwischen immer häufiger mit ihm verglichen wird, kommt daher nicht von ungefähr. Sein Einfluss auf das spanische Spiel ist enorm. Nur steht er deutlich seltener im Rampenlicht.
Unterschiedsspieler Olmo „fast unmöglich zu verteidigen“
Rouven Schröder, ehemaliger Sportdirektor von RB Leipzig und heute Sportchef von Borussia Mönchengladbach, kennt Olmo bestens. Er war 2024 maßgeblich daran beteiligt, den Wechsel des Spaniers von Leipzig zum FC Barcelona abzuwickeln.
„Es überrascht mich überhaupt nicht, dass er bei der WM diese Leistung bringt“, erklärt Schröder im Gespräch mit SPORT1: „Man konnte in jedem Training sehen, was für ein außergewöhnlicher Spieler er ist. Und zwar nicht nur fußballerisch, sondern auch als stiller Leader. Er versteht das Spiel und ist ein unheimlich schlauer Spieler, der sich gut zwischen den Räumen bewegt. Sein erster Kontakt ist perfekt, gepaart mit seiner Vororientierung und den schnellen ersten Schritten ist er fast unmöglich zu verteidigen.“
Wie wertvoll Olmo für Spanien ist, zeigte sich einmal mehr im Halbfinale gegen Frankreich. Der 28-Jährige lieferte eine Partie nahe der Perfektion ab, glänzte mit einer Passquote von 97 Prozent und bereitete das 2:0 technisch herausragend vor.
Olmo im Schatten von Yamal, Rodri und Co.
„Allein dieser Doppelpass vor dem 2:0 gegen Frankreich zeigt seine unglaubliche Qualität. Wie er den Ball trotz hohem Gegnerdruck perfekt in den Raum passt. Besser kannst du es nicht machen“, schwärmt Schröder bei SPORT1.
Was Olmo so besonders macht, ist sein außergewöhnliches Raumgefühl. Er scannt das Spielfeld permanent, erkennt Lücken oft schon, bevor sie entstehen, und trifft seine Entscheidungen in Sekundenbruchteilen.
Trotzdem steht er seltener im Mittelpunkt. Spieler wie Lamine Yamal oder Rodri ziehen naturgemäß mehr Aufmerksamkeit auf sich. Für Spaniens Offensive ist Olmo jedoch mindestens genauso wichtig.
Gladbachs Sportchef Schröder schwärmt von Olmo
Dass er dennoch häufig unter dem Radar bleibt, führt Schröder vor allem auf seine Verletzungshistorie zurück: „Immer, wenn er fit war, hat er Leistung gebracht und gezeigt, dass er Spiele entscheiden konnte mit einem unglaublichen Assist oder mit seinem starken Abschluss. Zudem ist er sich nie zu schade, für die Mannschaft zu arbeiten.“
Bei dieser WM kam Olmo bislang in jedem Spiel zum Einsatz und bereitete bereits zwei Treffer vor. Zwar erhielt sein Barca-Teamkollege Pedri in der Gruppenphase zunächst häufiger den Vorzug – ähnlich wie schon bei der EM vor zwei Jahren, als Olmo zunächst Joker war. Seit Beginn der K.-o.-Runde ist Olmos Platz in der Startelf jedoch unantastbar.
Mit den überragenden Rodri und Fabián Ruiz hinter sich kann Olmo seine Stärken zwischen den Linien optimal entfalten.
Hinzu kommt, dass er die Spielidee von Nationaltrainer Luis de la Fuente bis ins Detail kennt. Bereits 2019 gewann er unter ihm die U21-Europameisterschaft – im Finale gegen Deutschland. Viele Abläufe stammen noch aus dieser gemeinsamen Zeit und sind bis heute fest verankert.
Olmo wollte unbedingt nur nach Barcelona
Auch auf Vereinsebene führte Olmos Weg kontinuierlich nach oben.
Nach seiner außergewöhnlichen Entwicklung bei Dinamo Zagreb wechselte er im Januar 2020 für rund 34 Millionen Euro nach Leipzig – damals einer der teuersten Transfers der Vereinsgeschichte. Mit RB gewann er zweimal den DFB-Pokal und spielte sich endgültig in den Fokus der europäischen Topklubs.
„Besonders seine ungewöhnliche Vita und Mehrsprachigkeit“ haben ihn „für nahezu jeden großen Verein interessant gemacht. Es war jedoch sein großer Wunsch nach Barcelona zu wechseln“, verrät Schröder gegenüber SPORT1.
Kein Wunder: Schließlich wurde Olmo einst in der Jugend des FC Barcelona ausgebildet. 2024 kehrte er für rund 61 Millionen Euro zu den Katalanen zurück – fast zum Doppelten der Summe, die Leipzig einst für ihn bezahlt hatte.
In seiner Wahlheimat lebt der 28-Jährige gemeinsam mit seiner deutschen Freundin und Influencerin Laura Abla.
„Wünsche ihm den WM-Titel“
Doch nicht nur sportlich genießt Olmo höchste Wertschätzung.
„Die Besonderheit ist noch dazu, dass er trotz seiner Qualität und seiner Erfolge ein total geerdeter Mensch ist. Er ist für jeden ansprechbar, sehr höflich, sehr klar und sehr empathisch. Familie steht für ihn über allem. Er ist ein ganz feiner Kerl, dem ich nur das Beste und damit auch den WM-Titel wünsche“, sagte Schröder.
Im Halbfinale erinnerte eine Szene des Barca-Stars an Andrés Iniesta. Am Sonntag im Finale gegen Argentinien (ab 21 Uhr im LIVETICKER) könnte die nächste Parallele folgen: Ein Siegerfoto von Dani Olmo mit dem WM-Pokal, das sich neben jenes von Iniesta aus dem Jahr 2010 legen ließe.