Oft stellte sich die so berühmte Frage überhaupt nicht. Wer bei der deutschen Heim-EM den Kasten hütet, stand nie zur Debatte. Ebenso klar war, wer zwei Jahre zuvor bei der WM in Katar zwischen den Pfosten stehen sollte. Bei den Weltmeisterschaften 2014 und 2018 stellte sich lediglich die Frage, ob Manuel Neuer rechtzeitig fit werden würde.

Doch immer, wenn die deutsche Nummer 1 (zumindest in der Medienlandschaft und bei den Fans) bei großen Turnieren nicht in Stein gemeißelt war, schlug die Torwartdebatte enorm hohe Wellen. Der Zweikampf zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann ist legendär. Die Neuer-Baumann-Causa bei der aktuellen WM war lange das größte Gesprächsthema.

Nadine Angerer wird nach dem gehaltenen Elfmeter beglückwünscht, v.li.: Ariane Hingst, Linda Bresonik, Simone Laudehr und Renate Lingor
Nadine Angerer wird nach dem gehaltenen Elfmeter beglückwünscht, v.li.: Ariane Hingst, Linda Bresonik, Simone Laudehr und Renate LingorNadine Angerer wird nach dem gehaltenen Elfmeter beglückwünscht, v.li.: Ariane Hingst, Linda Bresonik, Simone Laudehr und Renate Lingor © IMAGO/Ulmer

Linda Bresonik gehört zu der goldenen Generation der DFB-Frauen, die 2003 und 2007 die WM gewinnen konnten. Die ehemalige Mittelfeldspielerin kennt die Torhüter-Thematik aus eigener Erfahrung. Denn vor Beginn der Mission Titelverteidigung stellte sich damals auch bei den Frauen eine altbekannte Frage. Wer steht bei der Weltmeisterschaft im Tor der Nationalmannschaft?

Ein Kreuzbandriss ändert alles

Im SPORT1-Podcast Deep Dive spricht die 84-malige Nationalspielerin über die Torwartsituation vor der WM 2007 und darüber, wie wichtig der Torhüter für eine Mannschaft ist.

„Silke (Rottenberg, Anm. d. Red.) hatte sich zuvor das Kreuzband gerissen, das haben wir natürlich wahrgenommen. Da fragst du dich auch als Spielerin, schafft sie das überhaupt? Wird sie denn wieder topfit zur WM?“, erklärte Bresonik. Eine Frage, die nicht nur Presse und Fans beschäftigte, sondern sich natürlich auch schnell im Kreise der Mannschaft breitmacht.

WM 2003: Rottenberg führt Deutschland zum Titel

„Ja klar machst du dir Gedanken. Die Silke war bis dato immer die Nummer 1, sie hat auch 2003 ein riesiges Turnier gespielt und war eine hervorragende Weltklasse-Torhüterin“, blickte die Ex-Mittelfeldspielerin auf das Turnier zurück. Es war der erste WM-Titel überhaupt für die DFB-Frauen.

Auf dem Weg ins Finale überrollte die deutsche Mannschaft ihre Gegner teils regelrecht und durfte den Pokal dank eines Golden Goals von Nia Künzer in der Verlängerung in die Luft strecken. Rottenberg war dabei ein starker Rückhalt und wurde zur besten Torfrau des Turniers gewählt.

Entsprechend fest saß die Torhüterin auch vor der WM 2007 in China im Sattel – bis sie sich während eines Trainings beim Vier-Nationen-Turnier schwer verletzte. „Also ich glaube, wenn die Silke sich keinen Kreuzbandriss geholt hätte, dann wäre die Debatte gar nicht eröffnet worden, dann wär die Silke die Nummer 1 gewesen“, meint Bresonik. Die Zeit rannte ihr jedoch davon, sodass sie ihren Stammplatz an die aufstrebende Nadine Angerer verlor.

WM 2007: Überragende Angerer schreibt Geschichte

Rottenberg wurde zwar rechtzeitig zum Turnierauftakt wieder fit, musste sich aber mit einem Platz auf der Bank begnügen. Angerer zahlte das Vertrauen doppelt und dreifach zurück. „Wir waren glücklich, dass wir die Natze hatten, weil die Natze ja genauso Weltklasse ist, nur auf eine andere Art und Weise.“

Die neue deutsche Nummer eins schrieb gleich bei ihrer ersten WM Geschichte. Als erste Keeperin überhaupt führte Angerer das DFB-Team ohne ein einziges Gegentor zum Titelgewinn. Sie parierte beim 2:0 im Finale gegen Brasilien einen Elfmeter und vollendete so das „Herbstmärchen“ in Shanghai.

Ein Wechsel auf der Torwartposition, der viel positiver gar nicht hätte ausgehen können. Und ein Happy End, wie es der aktuellen deutschen Männer-Mannschaft nicht vergönnt war.

Der eigens zurückgeholte Manuel Neuer konnte sich beim WM-Aus kaum auszeichnen, seine letztlich bedeutungslose Parade im Elfmeterschießen gegen Paraguay blieb das einzige echte Highlight.

Bresonik lobte vor allem Oliver Baumann, der für Neuer weichen musste: „Es gibt unterschiedliche Torwarttypen und ich glaube, der Torwart ist total wichtig für ein Spiel. Weil er unheimlich viel coacht von hinten, der muss eine gewisse Sicherheit ausstrahlen.“ Und das habe sie „bei den Männern jetzt auch bei Oliver Baumann“ gespürt.