Als der ehemalige FC-St.-Pauli-Trainer Alexander Blessin über Deniz Undav spricht, merkt man sofort: Hier redet kein Trainer über einen Spieler von vielen anderen. Hier spricht jemand über einen Fußballer, dessen Entwicklung er seit Jahren mit großem Interesse verfolgt.

Kennengelernt haben sich beide in Belgien – allerdings zunächst als Gegner. Blessin trainierte den KV Ostende, Undav stürmte für Royale Union Saint-Gilloise. Später übernahm Blessin Union als Trainer, während Undav bereits in England spielte. In dieser Konstellation trafen sie zweimal aufeinander.

Deniz Undav ist bei der WM 2026 bislang Deutschlands Topscorer
Deniz Undav ist bei der WM 2026 bislang Deutschlands TopscorerDeniz Undav ist bei der WM 2026 bislang Deutschlands Topscorer© IMAGO / Justus Stegemann

Im exklusiven Interview mit SPORT1 erklärt der 53 Jahre alte Blessin, warum Undav für ihn ein ganz besonderer Spielertyp ist, weshalb viele Experten ihn lange unterschätzt haben – und warum Deutschlands Nummer neun noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen ist.

SPORT1: Herr Blessin, wie geht es Ihnen einige Wochen nach Ihrer Trennung beim FC St. Pauli?

Alexander Blessin: Mir geht es gut, ich konnte alles aufarbeiten. Es war eine intensive Zeit dort, aber da ist nichts hängen geblieben. Ich denke gerne zurück. Nun freue ich mich darauf, die vielen spannenden Spiele der Weltmeisterschaft zu verfolgen.

Blessin nicht von Undav überrascht

SPORT1: Und da ist nach zwei Spielen der deutschen Mannschaft Deniz Undav der Mann des bisherigen Turniers. Fünf Scorer-Punkte sprechen eine deutliche Sprache. Wenn Sie heute Undav in der Nationalmannschaft sehen – überrascht Sie das noch?

Blessin: Überhaupt nicht. Was mich eher überrascht, ist, dass viele Menschen überrascht sind. Wer Deniz erlebt, konnte sehen, dass er etwas Besonderes besitzt. Vielleicht nicht das, was man in Leistungsdiagnostiken misst oder auf Datenblättern erkennt. Aber Fußball wird nicht nur mit Zahlen gespielt. Er hat dieses seltene Gespür für Situationen. Er ist ein wunderbarer Spieler.

SPORT1: Was macht ihn so besonders?

Blessin: Deniz versteht Fußball. Das klingt banal, ist aber unglaublich selten. Viele Spieler erkennen Räume, wenn sie offen sind. Er erkennt Räume, bevor sie entstehen. Er weiß oft schon zwei Sekunden vorher, wo der Ball landen wird. Dadurch wirkt vieles bei ihm zufällig. Ist es aber nicht.

„Undav verstellt sich nicht“

SPORT1: Ist er dieser „Straßenkicker“?

Blessin: Absolut. Und das sehe ich als größtes Kompliment. Straßenkicker haben Lösungen, die man nicht trainieren kann. Sie denken nicht in festen Abläufen. Sie improvisieren. Undav sieht Dinge, die andere Spieler gar nicht wahrnehmen. Deshalb ist er für Verteidiger so schwer zu verteidigen.

SPORT1: Dabei wirkt er nach außen manchmal fast wie der nette Junge von nebenan.

Blessin: Genau das macht ihn aus. Undav verstellt sich nicht. Er spielt keine Rolle. In einer Zeit, in der viele Profis unglaublich durchgeplant auftreten, ist er authentisch geblieben. Von allem, was man über ihn hört und wie er öffentlich auftritt, wirkt er wie jemand, der mit seiner offenen Art, seinem Humor ein Umfeld positiv beeinflussen UND eine Kabine auflockern kann. Gleichzeitig bringt er auf dem Platz eine enorme Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit mit.

Undav? Spannende Sätze von Nagelsmann

Undav? Spannende Sätze von Nagelsmann

Schwieriger Stand im DFB-Team

SPORT1: Viele Experten haben lange an seinem Niveau gezweifelt.

Blessin: Weil er nicht dem klassischen Bild eines Topstürmers entspricht. Er ist kein Modellathlet, der mit 36 km/h über den Platz sprintet. Er ist kein Spieler für Highlight-Videos auf Social Media. Aber am Ende gewinnst du Fußballspiele mit Effektivität. Und genau die hat er. Er hat es so verdient, bei der WM sein Können zu zeigen.

SPORT1: Wie wirkt er von außen auf Sie? 

Blessin: Auf mich wirkt er unfassbar selbstbewusst. Viele sehen heute nur den Torjäger. Was sie nicht sehen: Wie viel Arbeit dahintersteckt. Er hat viele Monate keinen leichten Stand gehabt. Der Bundestrainer hat ihm zuletzt nicht immer die absolute Rückendeckung gegeben. Das war sicher nicht leicht für ihn. Aber er hat weiter geliefert und überzeugt auch jetzt wieder mit Leistung. Ich habe mich sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass Nagelsmann nach dem Spiel direkt auf ihn zugegangen ist und ihm gratuliert hat.

„So einen Stürmer wünscht sich jeder Trainer“

SPORT1: Hätten Sie zu der Zeit in Belgien gedacht, dass er eines Tages Nationalspieler werden könnte?

Blessin: Man hat immer wieder Szenen gesehen, bei denen man sich gefragt hat, wie er das eigentlich gemacht hat. Positiv natürlich. Er hatte schon damals diese besondere Art, Situationen anders zu lösen als viele andere Spieler.

SPORT1: Zum Beispiel?

Blessin: Sein Timing im Strafraum. Das kannst du kaum erklären. Manche Spieler lernen Laufwege. Er spürt sie. Er bewegt sich oft genau in dem Moment, in dem der Verteidiger kurz die Orientierung verliert. Das ist Instinkt. So einen Stürmer wünscht sich jeder Trainer. 

SPORT1: Würden Sie sagen, dass Deutschland lange auf genau so einen Stürmertypen gewartet hat?

Blessin: Ja. Weil er unterschiedliche Rollen spielen kann. Er kann selbst abschließen, aber auch vorbereiten. Er arbeitet gegen den Ball. Deniz hat diese Mischung aus Instinkt, Spielverständnis und Unberechenbarkeit. Und Unbekümmertheit. Er ist kein Spieler, den du in ein starres Schema pressen kannst. Genau deshalb ist er für Gegner schwer zu verteidigen. Und er hat Persönlichkeit. Die Nationalmannschaft braucht Spieler, die Verantwortung übernehmen wollen.

Deniz Undav erzielte gegen die Elfenbeinküste einen Doppelpack für Deutschland
Deniz Undav erzielte gegen die Elfenbeinküste einen Doppelpack für DeutschlandDeniz Undav erzielte gegen die Elfenbeinküste einen Doppelpack für Deutschland© IMAGO/Ulmer/Teamfoto

SPORT1: Hat Deniz Undav inzwischen genug Argumente geliefert, um in der Nationalmannschaft Stammspieler zu sein?

Blessin: Wenn man seine Leistungen betrachtet, dann gehört er definitiv zu den Kandidaten. Am Ende entscheidet natürlich der Bundestrainer. Aber er hat gezeigt, dass er auf diesem Niveau bestehen kann. Er bringt etwas mit, das nicht viele Spieler haben. Er hat jedenfalls sehr gute Argumente geliefert, um dauerhaft eine wichtige Rolle zu spielen. Seine Leistungen sprechen einfach für sich. 

SPORT1: Welche Qualität Undavs beeindruckt Sie aktuell am meisten?

Blessin: Dass er trotz seines Erfolgs authentisch geblieben ist. Viele Spieler verändern sich mit zunehmender Aufmerksamkeit. Bei ihm habe ich den Eindruck, dass er seiner Art treu geblieben ist. Gleichzeitig entwickelt er sich sportlich immer weiter. Diese Kombination imponiert mir sehr.

Alexander Blessin ist mit dem FC St. Pauli aus der Bundesliga abgestiegen
Alexander Blessin ist mit dem FC St. Pauli aus der Bundesliga abgestiegenAlexander Blessin ist mit dem FC St. Pauli aus der Bundesliga abgestiegen© IMAGO/Jan Huebner

„Zeit beim FC St. Pauli wird Teil meines Weges bleiben“

SPORT1: Zum Abschluss noch ein Blick auf Sie selbst. Sie haben St. Pauli nach einer erfolgreichen Zeit verlassen. Wie schwer ist Ihnen der Abschied gefallen?

Blessin: Sehr schwer. Wir haben dort gemeinsam etwas aufgebaut. Solche Verbindungen entstehen nicht jeden Tag. Ich nehme aus meiner Zeit in Hamburg unglaublich viel mit. Der Verein, die Menschen, die Atmosphäre – das war eine besondere Erfahrung.

SPORT1: Und wie sehen die nächsten Schritte für Alexander Blessin aus?

Blessin: Ich freue mich auf die Aufgaben, die vor mir liegen. Egal, ob in Deutschland oder im Ausland. Als Trainer willst du immer weiter lernen und dich weiterentwickeln. Die Zeit beim FC St. Pauli wird dabei immer ein wichtiger Teil meines Weges bleiben.