„Also, du hattest 90 Minuten Zeit, dir vernünftige Fragen zu überlegen, ehrlich – und dann stellst du mir zwei so Sch***-Fragen!“ Die Worte von Toni Kroos sind exakt vier Jahre her und doch sind sie noch heute in bester Erinnerung. Geraten die meisten Interviews selbst nach großen Matches schnell in Vergessenheit, war an diesem Abend alles anders.

Wir schreiben den 28. Mai 2022. Real Madrid und Kroos stehen wie so oft im Champions-League-Finale und treffen im Stade de France auf den FC Liverpool. Die Reds befinden sich auf dem Höhepunkt der Klopp-Ära und setzen die Königlichen gewaltig unter Druck.

Während Liverpool ein ums andere Mal an Thibaut Courtois scheitert, schlägt Vinicius Junior in klassischer Real-Manier eiskalt zu. Die Blancos gewinnen mit 1:0 und dürfen den Henkelpott zum 14. Mal in die Höhe recken.

Toni Kroos zeigt sich von den Fragen von Nils Kaben gar nicht begeistert
Toni Kroos zeigt sich von den Fragen von Nils Kaben gar nicht begeistertToni Kroos zeigt sich von den Fragen von Nils Kaben gar nicht begeistert© IMAGO/Moritz Müller

Für Kroos war es der fünfte von insgesamt sechs Champions-League-Titeln, womit er in Deutschland einsame Spitze ist. Völlig logisch also, dass er nach 90 nervlich wie physisch herausfordernden Minuten für das erneute Meisterstück ein paar Schulterklopfer verdient hätte.

Doch ist ein Journalist für Schulterklopfer zuständig? Nils Kaben hatte im Interview nach dem Match jedenfalls andere Pläne. „War es überraschend für Sie, dass Real Madrid doch ganz schön in Bedrängnis geraten ist?“, stellte der ZDF-Reporter eine spielanalytische – und nach Ansicht von Kroos – zu negative Frage.

Kroos bricht Interview ab: „Was ist das für eine Frage?“

Kroos, der eben noch mit seinen Real-Kollegen freudestrahlend gefeiert hatte, wirkte plötzlich verdutzt – und holte zum verbalen Frontalangriff aus.

„Also, du hattest 90 Minuten Zeit, dir vernünftige Fragen zu überlegen, ehrlich – und dann stellst du mir zwei so Sch***-Fragen! Das ist ja Wahnsinn. Es ist doch nicht überraschend, dass du gegen Liverpool manchmal in Bedrängnis gerätst. Was ist das für eine Frage? Wir spielen hier ja nicht ein Gruppenspiel irgendwo, wir spielen das Champions-League-Finale“, ließ er seinen Emotionen freien Lauf.

Der „Warnschuss“ von Kroos kam bei Kaben allerdings nicht an. „Aber dass es so deutlich war, Real Madrid war in der K.o.-Phase ja ein paar Mal schon so gut wie weg …“, hakte der Reporter nach. Eine Antwort sollte er jedoch nicht bekommen.

Der fassungslose Kroos verschwand zur Seite und ließ den verdutzten Interviewer zurück. „Jetzt ist er weg“, meinte Kaben nur.

Kroos legt nach: „Man weiß direkt, dass du aus Deutschland kommst“

Der Weltmeister aus dem Jahr 2014 befand sich bereits – in der Hoffnung auf positivere Fragen – auf dem Weg zum nächsten Interview, lief dabei aber Kaben nochmals über den Weg.

„Ganz schlimm. Ganz schlimm, wirklich. Du stellst erst zwei negative Fragen. Da weiß man direkt, dass du aus Deutschland kommst“, stichelte er in Richtung von Kaben, ehe sich die Wege trennten.

Das unrunde Zusammentreffen von Kroos und Kaben hatte die Konsequenz, dass an den Tagen danach mehr über das polarisierende Interview als über das Spiel selbst diskutiert wurde. Die Meinungen dazu waren gespalten.

Kroos erhält auch Gegenwind: „Seine Reaktion ist trotzdem peinlich“

Kroos habe „es grandios verbockt“, hieß es in einem Kommentar im Tagesanzeiger. „Lediglich beleidigende Fragen“ seien ein Grund dafür, ein Interview „derart rüde zu beenden“.

„Kroos hat mit allem recht – seine Reaktion ist trotzdem peinlich“, titulierte der Focus und merkte an, dass seine Worte zwar „nachvollziehbar“, aber dennoch „unnötig“ gewesen seien.

Ex-Nationalspieler Markus Babbel schlug sich auf die Seite von Kroos. „Weltklasse, überragend! Denn wie er richtig sagt: Du bist in einem Finale. Und da steht kein Fallobst-Gegner“, meinte der Europameister von 1996.

Während im Netz einige User Kroos fehlende Souveränität und beleidigendes Verhalten vorwarfen sowie betonten, dass kritische Nachfragen im Journalismus immer erlaubt sein müssten, gaben andere zu verstehen, dass sich der Mittelfeldspieler nicht für Erfolge rechtfertigen müsse und für „negative Fragen“ in diesem Moment kein Platz gewesen sei.

„Toni Kroos mit dem Eistonnen-Interview 2.0 – Weltklasse“, zog ein User einen Vergleich zum ähnlich kuriosen Interview von Per Mertesacker bei der WM 2014, der jedoch im Gegensatz zu Kroos das Gespräch nicht abbrach.

ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann merkte an, dass Kaben „mehr bei den Emotionen hätte bleiben“ können, jedoch habe es „keinen Grund gegeben, das Gespräch abzubrechen“.

Kroos steht zu seiner Meinung: „Hat es nicht so gut gemacht“

Während Kaben am Tag danach bedauerte, wie das Gespräch gelaufen sei, und betonte, dass er den Spieler nicht provozieren wollte, hielt Kroos an seiner Meinung fest.

„Ich fordere nicht mehr Respekt. Ich habe nach einem gewonnenen Champions-League-Finale nur eher positiv angelegte Fragen erwartet“, erklärte er der Deutschen Presse-Agentur. Kaben habe es seiner Ansicht nach „nicht so gut gemacht“.

Fest steht, dass der kuriose Interview-Moment nicht so schnell in Vergessenheit gerät.