Erstmals seit 1994 findet wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft in den USA statt. Aus deutscher Sicht bleiben vor allem das Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien, der Stinkefinger-Eklat rund um Stefan Effenberg und die brüllende Hitze in Erinnerung.

Bei SPORT1 erklärt der damalige Nationalspieler Thomas Strunz, warum die DFB-Elf damals ihrer Favoritenrolle nicht gerecht werden konnte und wie es im Quartier der Nationalmannschaft wirklich zuging.

Thomas Strunz (links), Jürgen Klinsmann (Mitte) und Lothar Matthäus bei der WM 1994 im Training
Thomas Strunz (links), Jürgen Klinsmann (Mitte) und Lothar Matthäus bei der WM 1994 im TrainingThomas Strunz (links), Jürgen Klinsmann (Mitte) und Lothar Matthäus bei der WM 1994 im Training© IMAGO/WEREK

Quartier der WM 1994? „Danach wussten wir das Hotel immerhin zu schätzen“

SPORT1: Herr Strunz, zum zweiten Mal in der WM-Geschichte geht es in die USA. Die DFB-Elf wird in Winston-Salem untergebracht sein. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an das Quartier 1994 nahe Chicago denken?

Thomas Strunz: Wir lebten damals in einem riesigen Hotel inmitten eines Golf-Resorts. Auch viele normale Gäste waren dort zu Gast. Die Golf-Anlage wurde natürlich von vielen Spielern und Verantwortlichen ausgiebig genutzt. Das ist mein erster Gedanke.

SPORT1: Welchen ersten Eindruck hatten Sie?

Strunz: Es war ein Business-Hotel, nichts Außergewöhnliches. Das ist heute ganz anders. Obendrein waren wir ja in der Vorbereitung in Malente – danach wussten wir das Hotel in den USA immerhin zu schätzen. (lacht)

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Strunz: „Es war eine lustige Reisegruppe“

SPORT1: Wie ging es in der Lobby zu? Liefen da morgens schon die älteren Herrschaften mit ihren Golfschlägern umher?

Strunz: Ja, die gab es. Und darunter waren auch viele Golfer, die eigentlich wegen der WM dort waren (lacht). Gerüchten zufolge haben einige dort auch ihre Platzreife erreicht… So lief das damals, das Ende ist ja bekannt. Die Stimmung im Quartier und das spätere Abschneiden passten ganz gut zusammen. Es war eine lustige Reisegruppe. (lacht)

1994 schauten im deutschen WM-Quartier in der Nähe von Chicago sogar die Scorpions für ein Privatkonzert vorbei
1994 schauten im deutschen WM-Quartier in der Nähe von Chicago sogar die Scorpions für ein Privatkonzert vorbei1994 schauten im deutschen WM-Quartier in der Nähe von Chicago sogar die Scorpions für ein Privatkonzert vorbei© IMAGO/Laci Perenyi

SPORT1: Es war quasi ein Trainingslager für zwei Sportarten – Fußball und Golf…

Strunz: Ja, man muss ja kompatibel bleiben. Golf hat einfach eine andere Lockerheit.

SPORT1: Sie waren einer der jüngeren Spieler. Wie war das Verhältnis zwischen den erfahrenen Stars und den WM-Neulingen?

Strunz: Also Golf habe ich nicht gespielt. Ich habe nur zugeschaut, wenn die anderen ihre Bälle geschlagen haben. Mittlerweile bin ich aber älter und habe den Zugang zu diesem Sport gefunden. Grundsätzlich war ja das Besondere, dass wir nicht abgeschottet waren. Der DFB hatte lediglich zwei Etagen gebucht, das restliche Hotel war voll mit normalen Gästen.

„Matthäus, Völler, Brehme, Illgner – das waren auch für uns Helden“

SPORT1: Welche Rolle spielte das Quartier denn in Sachen Stimmung?

Strunz: In WM-Stimmung waren wir jedenfalls nicht. Wir hatten einige Weltmeister von 1990 dabei, für die es normal gewesen wäre, den Titel nochmal zu holen. Wir Jüngeren und Neulinge wie Matthias Sammer, Stefan Effenberg und ich sind da eher mitgelaufen. Lothar Matthäus, Rudi Völler, Andy Brehme, Bodo Illgner – das waren auch für uns Helden. Dementsprechend mussten wir uns anpassen.

SPORT1: Heißt das, dass Sie, Effenberg und andere gierig waren, die 1990er-Weltmeister aber nicht?

Strunz: Ja, das ist aber auch klar. Wenn man einen solchen Erfolg erreichen konnte, ist es nicht selbstverständlich, das als Gruppe zu wiederholen. Dass wir schließlich im Viertelfinale gegen Bulgarien ausgeschieden sind, spricht ja für sich.

SPORT1: Wie lief denn die Vorbereitung konkret auf diese Partie?

Strunz: Ein paar Tage vorher haben viele von uns nur über die Italiener gesprochen. Auf die wären wir nämlich im Halbfinale getroffen. Da hieß es immer: „Die Italiener müssen wir weghauen!“ Tja, es kam anders…

Thomas Strunz und die deutsche Nationalmannschaft flogen in den USA bei der WM 1994 früh raus
Thomas Strunz und die deutsche Nationalmannschaft flogen in den USA bei der WM 1994 früh rausThomas Strunz und die deutsche Nationalmannschaft flogen in den USA bei der WM 1994 früh raus© IMAGO/Oliver Hardt

„Immerhin wurden täglich deutsche Zeitungen eingeflogen“

SPORT1: Gab es denn Möglichkeiten aus dem Quartier auszureißen oder sich irgendwie die Zeit zu vertreiben?

Strunz: Ich weiß noch, dass es eine Spielhalle gab. Da konnte man flippern oder an Automaten spielen, aber eigentlich waren wir eher auf dem Zimmer und haben einen Tag nach dem anderen rumgebracht.

SPORT1: Und nicht jeder hatte damals ein Handy, richtig?

Strunz: Genau! Das kann sich ja heute gar niemand mehr vorstellen. Es gab auch kein Internet. Immerhin wurden täglich deutsche Zeitungen eingeflogen, die wir dann gelesen haben. Nach dem Viertelfinale haben wir übrigens keine bekommen. Ich glaube, die wurden in eine Toilette neben dem Massageraum gesperrt, damit wir sie nicht lesen konnten (lacht). Insgesamt war es nicht mit der heutigen Zeit vergleichbar.

SPORT1: Gab es denn gar keinen Einfluss von außen?

Strunz: Ich erinnere mich an Stefan Raab, der seine ersten Auftritte für den Musiksender VIVA hatte und damals den Berti-Vogts-Song gesungen hat. Der lief in den USA durchs Pressezentrum, aber ansonsten war nicht viel los.

1994 war die deutsche Nationalmannschaft mit Thomas Strunz (2.v.r.) schon einmal bei einer WM in den USA
1994 war die deutsche Nationalmannschaft mit Thomas Strunz (2.v.r.) schon einmal bei einer WM in den USA1994 war die deutsche Nationalmannschaft mit Thomas Strunz (2.v.r.) schon einmal bei einer WM in den USA© IMAGO/WEREK

„Das war eine der besten Nationalmannschaften der Geschichte“

SPORT1: Kann man festhalten, dass die damalige Mannschaft den Titel hergeschenkt hat? Wäre mehr möglich gewesen?

Strunz: Auf jeden Fall! Aus meiner Sicht war das eine der besten deutschen Nationalmannschaften der Geschichte. Wir hatten, glaube ich, 16 Weltmeister dabei. Dazu Mario Basler, Stefan Effenberg, Thomas Helmer, Matthias Sammer und mich. Wenn ich mir allein den Sturm ansehe! Da waren Rudi Völler, Karlheinz Riedle, Jürgen Klinsmann, Ulf Kirsten und Stefan Kuntz. Heute suchen wir einen klassischen Mittelstürmer, damals hatten wir viele.

SPORT1: Muss man streng genommen sagen, dass es die Mannschaft damals verbockt hat?

Strunz: Wir haben es voll verschissen. (lacht)

Hartwig Thöne, Jahrgang 1975, studierte Politikwissenschaften in Kiel und Hamburg und startete seine journalistische Laufbahn parallel zum Studium Mitte der 90er-Jahre beim Axel-Springer-Verlag in Hamburg...