Nur der krönende Abschluss fehlt der Cinderella-Story noch.

Die Auburn Tigers haben eine legendäre Saison hingelegt. Vom abgeschlagenen Schlusslicht kämpften sie sich bis ins BCS-Endspiel im Rose Bowl gegen den ungeschlagenen Topfavoriten Florida State. 

Auf ihrem Weg legten die Tigers unfassbare Comebacks hin. Gegen Georgia half erst ein abgefälschter Touchdown-Pass, gegen Erzrivale Alabama musste ein seltener Field-Goal-Return-Touchdown herhalten.

Vater des Erfolgs ist Gus Malzahn, der schon 2010 bei der Meisterschaft mit Cam Newton als Assistent dabei war.

Nun mischt er mit seinem Zauber-Angriff die College-Welt als Head Coach auf. Sein Buch „The Hurry Up, No Huddle“ öffnete selbst NFL-Trainern die Augen.

Im SPORT1-Interview erklärt Malzahn sein Erfolgsrezept, das US-Phänomen College-Sport und verrät, wie er Seminoles-Superstar Jameis Winston knacken will.

SPORT1: Coach Malzahn, Sie haben ein Team, das 2012 nur drei Spiele gewann, in der härtesten Conference zum Titel und ins BCS-Endspiel geführt. Wie war dieser Umschwung in nur einem Jahr möglich?

Gus Malzahn: Durch harte Arbeit. Wir haben seit dem Frühjahr so physisch wie nur möglich trainiert. Wir wollten den Jungs die Toughness einimpfen, die charakteristisch für Auburn ist. Wir sind wahrscheinlich das einzige Team, das selbst kurz vor Saisonstart noch die Quarterbacks tackeln ließ. Ich wollte dem Team damit auch die mentale Stärke vermitteln, die nötig ist, um Erfolg zu haben.

SPORT1: Nach unglaublichen Aufholjagden am Ende der regulären Saison sprachen Ihre Spieler schon davon, dass es ihr Schicksal sei, die Meisterschaft zu holen. Hilft oder schadet dieser Glaube?

Malzahn: Zunächst einmal reden wir hier über Teenager. Sie bewegen sich emotional oftmals in Extremen. Ich denke aber, dieses Selbstvertrauen ist gut. Hätten wir nicht diese abgefälschte Hail Mary gegen Georgia gehabt, hätte Chris Davis vielleicht den Field-Goal-Return gegen Alabama gar nicht gemacht. Wenn man darüber nachdenkt, ist der Titel wohl wirklich unser Schicksal (lacht). Eine positive Einstellung ist immer gut. Wenn es den Jungs hilft, bin ich dabei.

SPORT1: Sie waren 2010 beim Titelgewinn mit Cam Newton der Offensive Coordinator und gingen dann für ein Jahr zu Arkansas State als Cheftrainer. Gibt es Parallelen zum damaligen Team?

Malzahn: Abgesehen vom Spielstil vielleicht die Offensive Line. Dort waren wir damals ähnlich tief besetzt. Das schürt den Konkurrenzkampf und gibt dir gleichzeitig die Möglichkeit, im Spiel durchzuwechseln. Natürlich war Cam ein herausragender Spieler, wie man ja heute auch in der NFL sieht, aber Titel werden mit den schweren Jungs gewonnen.

SPORT1: Sie haben Newton angesprochen. Damals hatten Sie den Star-Quarterback. Nun treffen sie auf Florida State mit Superstar Jameis Winston, der ähnlich gefährlich durch Läufe und Pässe ist. Kommen Sie leichter mit ihm klar, weil Sie einen ähnlichen Stil bevorzugen?

Malzahn: Ich hoffe es. Jameis hat die Heisman Trophy gewonnen. Er ist der beste Spieler im College Football. Das wird eine ganz schwere Aufgabe. Es ist sicher wichtig, ihn unter Druck zu setzen.

SPORT1: Sie haben ihre wilden Comebacks angesprochen. Sie sind gegen Florida State ähnlich wie gegen Georgia oder Alabama der Underdog. Waren diese Spiele die ideale Vorbereitung?

Malzahn: Wir sind in jedem Fall kampferprobt. Ich weiß, die Jungs werden in dieser großartigen Atmosphäre nicht in Panik geraten. Wir haben dem Druck immer standgehalten, warum sollte das im Rose Bowl nicht auch so sein?

SPORT1: Sie sprechen den Ort des Endspiels ein. In Deutschland ist es für viele Leute immer wieder überraschend, wie groß College Football in den USA ist. Was macht die Faszination aus?

Malzahn (lacht): Wie viel Zeit haben sie? Nein, es ist die Tradition. Ganze Generationen sind mit den Unis verwurzelt. Entsprechend einmalig ist die Stimmung in den Stadien. Die Leute fiebern viel mehr mit, als bei NFL oder NBA. Es ist zudem kein Zufall, dass einige der erfolgreichsten Teams aus Regionen kommen, wo es kaum Profisport gibt. Da konzentriert sich das Interesse. Außerdem ist das Niveau natürlich auch unglaublich hoch.

SPORT1: Sie gelten als Offensiv-Magier und ein Pionier der „Spread Offense“ mit vielen spektakulären Pass- oder Laufoptionen ohne Huddle, die als Reaktion auf die Abwehr ständig geändert werden können. Worin liegt Ihr Erfolgsrezept?

Malzahn: In erster Linie sind es die Spieler. Du musst ständig neue Talente rekrutieren und kämpfst dabei ähnlich hart gegen die Konkurrenz wie auf dem Feld. Gleichzeitig musst du die Jungs weiterentwickeln und ihnen vertrauen. Unser Quarterback Nick Marshall zum Beispiel hat fantastische physische Voraussetzungen, die musst du nutzen und dein System auf ihn zuschneiden – nicht umgekehrt. Darum geht es – mit Magie hat das nichts zu tun.